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Samstag, 21. Mai 2022

Mantovani, Bruno - Le Sette Chiese

Klangtopographien


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bruno Mantovanis Musik ist reich an Beziehungen zu anderen Künsten und leugnet nicht ihren Ursprung in der Welt. Die authentischen Interpretationen des EIC sorgen dabei für perfekt abgerundete Klangbilder.

Dass Architektur ihre Spuren in der Musik hinterlässt, kennen wir nicht erst seit der Renaissance, als Guillaume Dufay dem Dom in Florenz mit seiner Motette Nuper rosarum flores ein klingendes Denkmal gesetzt hat und seine baulichen Strukturen und Proportionen in Harmonien umgesetzt hat. Auch die Gesänge der Gregorianik waren auf ihre Art und Weise Raummusik, die den Nachhall einkalkulierten, die in ihrer sich empor schraubenden Einstimmigkeit den Bögen der Sakralbauten folgten. Auch heute noch lassen sich Komponisten von architektonischen Innovationen beeinflussen, man denke an die Voids aus Daniel Libeskinds Jüdischem Museum, die nicht nur in einem Werk der jüngeren Musikgeschichte ihre Spuren hinterlassen haben.

Der französische Komponist Bruno Mantovani hat sich hingegen wieder auf alte Bauwerke besonnen, ohne jedoch in monumentalen musikalischen Traditionalismus zu verfallen. Sein vierzigminütiges Ensemblewerk Le Sette Chiese’ ist dem architektonischen Gesamtkomplex der Sieben Kirchen in Bologna gewidmet, ein über Jahrhunderte entstandenes Gebäude, das aus verschiedenen, in sich verschachtelten Einzelteilen zu einem komplexen Raum zusammengewachsen ist. Zusammen mit zwei anderen Ensemblestücken Mantovanis ist ‘Le Sette Chiese’ in einer Aufnahme des Ensemble Intercontemporain bei Kairos erschienen.

Bruno Mantovani gehört zu den Komponisten, die rastlos mit offenen Augen die Eindrücke der Außenwelt in ihr Innerstes integrieren. Sein musikalischer Gang durch die Sieben Kirchen kündet denn auch von den unterschiedlichsten Einflüssen. Architektonische Strukturen werden in Klänge übertragen, optische Einflüsse wie Licht und Schatten finden ihre akustische Entsprechung in klanglichen Phänomenen. Auch Symbolisches und Geschichtliches finden ihren Eingang in die musikalische Sprache Mantovanis, und zugleich mischen sich Alltagsgeräusche in die Ortsbeschreibung – es zeigt sich, dass diese Musik fest im Hier und Jetzt verwurzelt ist, und die Zeitlosigkeit der Architektur betont, anstatt den Hörer auf eine Reise in die Vergangenheit zu zerren.

Ähnliche Klanggeographie ereignet sich in Mantovanis Ensemblestück ‘Streets’, das seine Inspiration von den Bewegungen der Massen nimmt, die sich täglich durch die Straßen einer Metropole schieben, in diesem Falle durch die Straßen New Yorks. Die unzähligen differenzierten Bewegungsabläufe mit ihren unterschiedlichen Tempi verschmelzen zu einer gemeinsamen, aufgrund ihrer Vielfalt fast als statisch wahrgenommenen Bewegung; von weitem erkennt man nichts als eine in sich wabernde Masse.

Kleinste Teilchenbewegungen machen auch in ‘Eclair de Lune’ für Ensemble das Klangkontinuum aus. Mantovani kehrt in diesem Werk zum Gebiet der Elektroakustik zurück und integriert Verfahren der Granularsynthese ins instrumentale Klangbild. Klanglich inhomogene Ereignisse werden so moduliert, dass eine große Fläche entsteht, ein linearer Zusammenhang imaginiert wird.

Bruno Mantovani hat seine drei Ensemblewerke dem Ensemble Intercontemporain auf den Leib geschrieben, das mit seiner Dirigentin Susanna Mälkki für neue, sorgfältig ausgehörte und klanglich bestens abgemischte Aufnahmen gesorgt hat. Man spürt in den Interpretationen die gegenseitige Inspiration, die Musiker garantieren mit klanglich differenzierten Einzelleistungen für hervorragende Zutaten in dem texturreichen Menü Mantovanis. Es ist sicher kein Zufall, dass Bruno Mantovanis Interesse gleichermaßen der Kochkunst wie allen anderen Künsten gilt. Wir erleben hier einen Komponisten, der im wahrsten Wortsinne über den Tellerrand hinausschaut und Musik von reicher, überfließender Kulinarik schafft. Auf gewisse Weise versöhnt Mantovani manch spröde französische Nachkriegsmusik mit der überbordenden Reichhaltigkeit früherer Zeiten – ohne dass man sich dabei den Magen verdirbt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mantovani, Bruno: Le Sette Chiese

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
13.06.2008
Medium:
EAN:

CD
9120010281297


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