> > > Vuelta al Mundo: Werke für Cello und Bayan von Piazzolla, Villa-Lobos u.a
Mittwoch, 23. Oktober 2019

Vuelta al Mundo - Werke für Cello und Bayan von Piazzolla, Villa-Lobos u.a

Wunderbar direkt - wunderbar durchdacht


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der junge Cellist Nicolas Altstaedt, der jetzt seine zweite CD vorgelegt hat, legt mit dieser Einspielung, auf der das Klavier durch das Bayan ersetzt wurde, eine wunderbare Fülle von Musik vor.

Wenn eine Rezension es auch formal ein wenig dem besprochenen Objekt gleich tun soll, zu Zwecken der Abbildung, so muss dieser Text medias in res gehen. Der junge Cellist Nicolas Altstaedt hat eine großartige, wilde CD vorgelegt. Sie enthält, so kann man es zusammenfassen, unglaublich viel Musik. Und das liegt nicht an der schieren Menge der eingespielten Werke: eine Auswahl von Stücken Piazzollas und de Fallas, die ‘Suite italienne’ von Strawinsky, sowie zwei einzelne Sätze von Villa-Lobos und Zinzadse. Es liegt auch nicht an der Größe der Besetzung. Diese ist, ganz im Gegenteil, nicht nur kammermusikalisch klein, sondern wirklich transportabel: die begleitenden Klavierparts werden von Elsbeth Moser auf dem Bayan gespielt. Das Bayan ist die russische Variante des Akkordeons und so klanglich wie technisch verwandt mit dem legendärer weise verteufelt schwer zu spielenden Bandoneon. Es besitzt einen glitzrigen, fast orgelhaften Ton und wurde v.a. durch die Tangokompositionen Piazzollas bekannt. Und mit fünf solcher Tangos beginnt auch die CD, sofort in die Vollen.

Altstaedt spielt hier rückhaltlos und mit einer hörbaren Lust an der zu entfesselnden Wandlungsfähigkeit seines Instruments, singt, schreit, wimmert, und was an Stimm- und Gesichtsregungen mehr sein mag. Man fragt sich schon: Ist das eigentlich ernste oder unterhaltende Musik? So führt Altstaedt Piazzolla glänzend aufs Parkett und all die Kritiken, die letzterem begegneten. Denn dieser Kunsttango war den Einen zu wenig Kunst, den Andren zu wenig Tango. Dabei hatte er sich nicht zwischen die Stühle gesetzt, sondern auf einen eigenen, auch wenn der neue Stuhl die traditionelle Tischlerei beider couleur in sich aufnahm. Welcher von beiden? Beide.

Die Interpretationen des Duos sind dabei im Vergleich zu Piazzollas eigenen Aufnahmen weniger gezügelt im Ausdruck und so auch weniger melancholisch. Die Einspielung etwa des ‘Libertango’ aus dem Jahr 1974, mit Piazzolla selbst am Bandoneon, schwankt verhalten zwischen der matten Monotonie der immerwiederholten Begleitfigur, nur manchmal durchbrochen, von den langgezogenen, leicht schelmischen Melodien des Bandoneons. Auch wurde diese Originalversion mit einer größeren Besetzung eingespielt, nicht zu letzt mit einem Schlagzeug. Dessen rhythmischen Puls fängt aber das Spiel unserer Duos weitgehend ein, und die Stimmen wurden klug auf das Duo umgelegt. Altstaedt spielt hier mit deutlich stärkerer Emotionalität, mit entfesselterer Intensität, ohne aber den melancholischen Charakter des ‘Libertango’ zu übersteuern. Erstaunlich ist hier, wie über weite Strecken der CD, die akribische, durchsichtige Detailgestaltung des Duos, das jedem Abschnitt und Unterabschnitt einer Melodie, einer Phrase eigene Klangfarben, Temposchwankungen und Gesten zuweist. Dieser rasch wechselnde Reichtum der verstreichenden Musik gibt den Stücken etwas Rhapsodisches, Erzählerisches.

Und wirklich leitet sich der Name des Bayan im Russischen vom Wort ‘Barde, Rhapsode’ ab. Ob das nun so ist, weil die an- und abschwellende Bewegung des Bayantons durchaus erzählerisch wirkt oder ob es als besonders brauchbares Begleitinstrument eines Rhapsoden beliebt wurde, sei dahingestellt, denn beide Vermutungen werden im Hören der vorliegenden CD bestätigt. Altstaedts sonores, effektfreudiges Spiel und die kontrollierte Vielfalt seiner Klangfarben machen ihn in jedem Fall zu einem fesselnden, mitreißenden Erzähler – und die Begleitung des schmiegsamen Bayans formt das ganze zu einer großen Erzählung. Das Bayan unterstreicht etwa die schaukelnde Bewegung und den behäbig schlendernden Takt von de Fallas ‘Canción’ aufs Beste, gleichsam naturgemäß: und das Cello findet sich in alle Bewegungen, in alle Gesten und Szenen, die komponiert wurden mit theatralischer Steigerung und Deutlichkeit. So folgt unmittelbar auf die ‘Canción’ das herbe und rasche ‘Polo’, in dem wir plötzlich etwas flamencohaft verschwenderisch Torrerohaftes vor Ohren haben, und dergleichen dramatische Klangmalerei mehr.

Die CD steigert sich zum Ende hin, nachdem der Tango einen Boden bereitet hat, und die ungewöhnliche Besetzung geht auch ein Werk der eindeutig ‘ernsten’ Musik an: Strawinskys ‘Suite italienne’, die auf dem Pulcinella-Ballett und auf der Commedia dell’arte ruht. Die Interpretation fasst das Stück von diesem Grund her auf, und ihr großartiges Gelingen fragt wunderbar nach der Ernsthaftigkeit dieses Ernsten – man hört eine feine musikalische Kontinuität, die sich durch die CD zieht, auch wenn Piazzollas schwerblütiger Tango und Strawinskys ironischer Klassizismus klanglich wenig miteinander zu tun haben. Mosers Bearbeitung des Klavierparts für das Bayan genießt (zumindest in meinen Ohren) die Legitimität eines gelungenen Klangbildes. Aber mehr noch, die Bearbeitung steigert auch die burleske, subversive Note der Stücke. Alles was an ihnen in Musik übersetzte Commedia dell’arte ist, ersteht so noch direkter und pikanter. Kommt dazu noch der unmittelbare Gestus des Cellos entsteht wirklich eine fulminante Musik, voll Spielfreude, Überraschung und Salto mortale. Rasch und brutal gespielte Passagen, atemlose und um die entscheidende Winzigkeit überstreckte Pausen, ironisch lächelnde glissandi und Orgelklangfarben, und im vierten Satz endlich einmal die Tarantella so, dass ein Tanz zu ihr wirklich das Gift aus dem Blut treiben würde.

Pulcinella ist eine derbe Figur. Wenn er Serenaden singt, muss das nicht allzuviel Lieblichkeit bedeuten. Die Seite der Figur, und der Komposition, die ihn zum Titelhelden gemacht hat, wird hier wunderbar entdeckt und gespielt: eine theatralische, körperliche, ironische Seite. Denn Ironie ist ja, zumindest nach Friedrich Schlegel, ‘transzendentale Buffonerie’. Man kann sich lange fragen, was das sein soll; oder einfach diese CD und diesen Strawinsky hören.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vuelta al Mundo: Werke für Cello und Bayan von Piazzolla, Villa-Lobos u.a

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
23.05.2008
Medium:
EAN:

CD
4260036251098


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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