> > > Wagner, Richard: Der Ring des Nibelungen (komplett)
Freitag, 5. März 2021

Wagner, Richard - Der Ring des Nibelungen (komplett)

Ein neuer ‚Ring’ bei Testament


Label/Verlag: Testament Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Braucht die Welt noch eine ‚Ring’-Gesamtaufnahme (13 CDs), mit Künstlern, deren Interpretation der zentralen Rollen hinlänglich bekannt und mit anderen Live- bzw. Studioaufnahmen bereits reichhaltig dokumentiert ist?

Die Frage ist natürlich: Braucht die Welt noch eine ‚Ring’-Gesamtaufnahme (13 CDs), zudem mit Künstlern, deren Interpretation der zentralen Rollen hinlänglich bekannt und mit anderen Live- bzw. Studioaufnahmen bereits reichhaltig dokumentiert ist (Birgit Nilsson als Brünnhilde, Hans Hotter als Wotan, Ramón Vinay als Siegmund, Wolfgang Windgassen als Siegried usw.)?

Das Zauberwort, das die offensichtliche Nein-Antwort in ein ‚Ja vielleicht...’ verwandelt, ist in bezug auf diesen Live-‚Ring’ aus Covent Garden 1957, unter Leitung von Rudolf Kempe, das Label: Testament. Die kleine englische Firma hat kürzlich mit der Veröffentlichung des ‚verlorenen’ ersten Stereo-‚Ring’unter Josef Keilberth, live aus Bayreuth 1955, aufgenommen von den Decca-Tontechnikern, neue Maßstäbe gesetzt was Klangbalance und Sänger-Niveau betrifft. Wie bei diesem ‚Ring’ die Klangwellen aus der Tiefe des Orchestergrabens über den Hörer hinwegschwappen, das ist einmalig und grandios; ebenso grandios sind die Sänger tontechnisch eingefangen, allen voran Astrid Varnay als warm timbrierte, leidenschaftlich und heroisch agierende, absolut wortverständliche Ausnahme-Brünnhilde und Hotter als der Wotan seiner Zeit, beide in Topform.

Wer nun vom neuen Testament-‚Ring’ aus London ähnliche Klangeruptionen mit leicht veränderter Besetzung erwartet, der wird enttäuscht. In Covent Garden waren nicht die Decca-Ingenieure am Werk und das Haus mit seinem offenen (traditionellen) Orchestergraben hat nun einmal nicht die besondere Akustik Bayreuths. D.h. man hört den ‚normalen’ Allerweltsklang (um es einmal salopp zu formulieren), ohne die Bayreuther Auffächerungen und damit ohne die entsprechenden terrassenartigen Klangstrukturen. Und: Man hört das Ganze recht dumpf und mit einem (allerdings akzeptablen) Hintergrundrauschen. Die verwendeten Bänder stammen aus der Privatsammlung von Lord Harewood, der dem Royal Opera House lange als Direktor vorstand.

Und die Sänger? Sie sind, wieder im Vergleich zum früheren Testament Bayreuth-‚Ring’, weit weniger direkt erfahrbar, wirken dadurch auch weniger hautnah; machen darum auch weniger Effekt. Natürlich klingen Nilsson, Hotter, Windgassen & Co. trotzdem hervorragend (für mich persönlich auch viel besser live als im Decca Studio-‚Ring’ unter Solti), aber sie wirken in London angestrengter als in Bayreuth. Und Nilsson ist, trotz aller jugendlicher Frische ihres Singens (und trotz einiger Intonationsschwankungen) 1957 noch nicht die über alles triumphierende Wunschmaid, die sie später werden sollte (besonders eindrucksvoll zu hören auf dem Philips/Böhm ‚Ring’ aus dem Bayreuth der 1960er Jahre). Sie ist auch – im Vergleich zu den anderen großen Brünnhilden der vorangegangenen Epoche – eine eher kalte Sängerin. Ihre leuchtende Silbertrompeten-Stimme verfügt nicht über die pastosen Cello-Töne, mit denen Kirsten Flagstad, Martha Mödl, Varnay oder Martha Fuchs (!) die Partie gestaltet haben. Außerdem singt Nilsson irritierend text-undeutlich, ein Trend, der damals scheinbar begann, und sich leider bis in die Gegenwart fortgesetzt hat. Auch ist die Besetzung/Interpretation der Charakterrollen weit weniger plastisch als auf dem früheren Testament-‚Ring’ (Mime, Alberich, Hagen, Riesen usf.).

Allerdings wartet der Covent Garden ‚Ring’ doch mit einer Besonderheit in den Nebenrollen auf, die zudem das Erste ist, was man hört: denn das eröffnende ‚Weiala weia’ wird von niemand Geringerem gesungen als von Joan Sutherland, kurz vor ihrem Durchbruch im Belcantofach als Lucia di Lammermoor. Man ahnt an Timbre und Technik die spätere Diva, und ihre Woglinde ist die vielleicht bestgesungene Version der Rolle die ich kenne: schelmisch, bravourös, klangschön, mühelos gleißend! (Und textverständlich.) Aber wegen einer Woglinde kauft sicher niemand einen ‚Ring’, oder?

Auch Rudolf Kempes kompetentes Dirigat kann – bei dieser durchschnittlichen Klangqualität – andere Interpretationen nicht vergessen machen, u.a. die von Furtwängler, der mit Hilde Konetzni bzw. Leonie Rysanek zudem die (für mich) besten Sieglinden aller Zeiten hat; da kommt Sylvia Fischer nicht gegen an, obwohl sie sehr gut ist, sogar besser als Gré Brouwenstijn auf dem anderen Testament-‚Ring’, da weniger nervös timbriert.

Dieser Covent Garden ‚Ring’ sei eingefleischten Sutherland-Fans empfohlen oder britischen Lokalpatrioten, die eine Dokumentation der Wagnertradition am ersten Haus des Landes suchen. Allen anderen sei der alte Testament-‚Ring’ ans Herz gelegt, weiterhin unerreicht als Gesamterlebnis, klanglich und interpretatorisch.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Wagner, Richard: Der Ring des Nibelungen (komplett)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Testament Records
13
01.05.2008
Medium:
EAN:

CD
749677142629


Cover vergössern

Testament Records

Testament is an artist-based label, not restricted to any particular period of recording history, and its releases are selected from the archives of some of the largest record companies and radio stations in the world. With the permission and cooperation of these companies and stations.

Testament releases previously unpublished and deleted recordings from their archives, using their original master tapes and 78rpm metal parts for CD remastering. Testament also has access to their extensive photographic archives and comprehensive research facilities. Testament is thus in a unique position and one that is enjoyed by no other independent record company specialising in the reissue of archive recordings.

Testament LP's are cut onto lacquer from the original master tapes at Abbey Road Studios using full analogue techniques throughout production an pressed onto 180g virgin vinyl.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Testament Records:

  • Zur Kritik... Retrospektive lohnt sich: Bruckners "Romantische" und Beethovens Zweites Klavierkonzert mit den Berliner Philharmonikern unter Klaus Tennstedt und dem Pianisten Bruno Leonardo Gelber machen Lust auf die achtziger Jahre. Weiter...
    (Andreas Bildstein, )
  • Zur Kritik... Moderne monumental: Die Erste Sinfonie in d-Moll 'The Gothic' des englischen Komponisten Havergal Brian hat es ins Guinessbuch der Rekorde geschafft. Hier liegt sie in einer empfehlenswerten historischen Einspielung mit Adrian Boult vor. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Schlafwandeln in Schottland: Ein Höhepunkt des Belcanto-Revivals in den fünfziger Jahren mit einer fabelhaften Maria Callas. Auch klangtechnisch vergleichbaren Live-Aufnahmen deutlich überlegen. Weiter...
    (Frederik Wittenberg, )
blättern

Alle Kritiken von Testament Records...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Kevin Clarke:

  • Zur Kritik... Belcanto-Oper für Arbeiter: Im Rahmen einer Tournee für die Arbeiterkammer Wien spielte das Ensemble der Wiener Staatsoper 1977 'Don Pasquale' in einer Mehrzweckhalle in der Steiermark. Mit dabei: die junge Edita Gruberova neben Tenor Luigi Alva. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Swarovski-Genitalien auf der Suche nach der Hölle: Zum Offenbach-Jubiläum 2019 spielten die Salzburger Festspiele erstmals eine Offenbach-Operette und übertrugen die Regie Barrie Kosky. Leider gaben sie ihm keine Besetzung, mit der dieser ein Wunder hätte vollbringen können. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Zu erhaben: Eine neue Live-Aufnahme der 'Meistersinger von Nürnberg' von den Osterfestspielen Salzburg mit Christian Thielemann am Pult der Sächsischen Staatskapelle zelebriert Wagner in epischer Breite – und verliert dabei den Blick für Komödiantische. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Kevin Clarke...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Belcanto-Oper für Arbeiter: Im Rahmen einer Tournee für die Arbeiterkammer Wien spielte das Ensemble der Wiener Staatsoper 1977 'Don Pasquale' in einer Mehrzweckhalle in der Steiermark. Mit dabei: die junge Edita Gruberova neben Tenor Luigi Alva. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Bildgewaltige Erzählung: Schönbergs episches Oratorium ist in den Händen von Christian Thielemann und der Staatskapelle Dresden gut aufgehoben. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... 'Meine Liebe ist euer Tod': Eine fulminante Katharina Thalbach macht diese Einspielung von Bendas 'Medea'-Melodram zum Ereignis. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Sylvio Lazzari: Piano Trio op.13 in G minor - Introduction. Adagio misterioso - Allegro con fuoco

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich