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Dienstag, 2. März 2021

Schubert, Franz - Lieder

'Du holde Kunst…'


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein ‚klassisch’ zu nennendes Liedrecital mit Schubert-Titeln, gesungen von Elisabeth Schwarzkopf mit einzigartiger Kunstfertigkeit und Überhöhung, kam neu bei Naxos heraus.

Über die Art der Liedinterpretationen von Elisabeth Schwarzkopf kann (und darf) man streiten. Ihr hypermanierierter Vortrag, ihre Überpointierung, die Künstlichkeit der Stimmbildung, sie sind nicht jedermanns Sache. Und es gibt viele bedeutende Schubert-Interpreten, die dessen Liedgut mit größerer Natürlichkeit und mit schöneren Stimmen gesungen haben. Aber: Das ändert nichts an der Tatsache, dass die Schwarzkopf als Liedsängerin auf ihre Weise einzigartig und exemplarisch war. Sie hat Maßstäbe gesetzt, an denen sich andere messen lassen müssen. Das Interessante ist, dass man auch als Nicht-Schwarzkopf-Fan viele Details ihrer Liedinterpretationen einfach nicht mehr aus dem Kopf bekommt und dann später bei anderen Sängern, die einem eigentlich mehr zusagen (Gundula Janowitz oder Gerard Souzay beispielsweise), schmerzlich vermisst. Vielleicht ist dies das Geheimnis der Schwarzkopf-Kunst?

Das bei Naxos nun neu herausgebrachte Schubert-Recital aus dem Jahr 1952, mit dem kongenialen Edwin Fischer am Klavier (aufgenommen im Abbey Road Studio Nr. 1) ist ohne Wenn und Aber ein Meilenstein des Liedgesangs und zeigt Schwarzkopf ‚at her best’, mit einer Blütenlese populärer Titel wie 'An die Musik', 'Ganymed', 'Gretchen am Spinnrade', 'An Silvia' oder 'Der Musensohn'. Schwarzkopf gestaltete diese Lieder mit größtmöglicher emotionaler Distanz (selbst das Gretchen), schafft es aber mit gleichfalls größtmöglicher Kunstfertigkeit des Vortrags die emotionalen Tiefenschichten der Titel aufzudecken (besonders beim Gretchen). Das nötigt höchste Bewunderung ab.

Ansonsten muss hier sicher nichts Neues über Schwarzkopf als Hohepriesterin des Schubert-Gesangs gesagt werden. Sie bleibt ein Phänomen, und dieses Recital (dem von Schubert noch die 'Litanei auf das Fest Allerseelen' und aus der 'Schönen Müllerin' das Lied 'Ungeduld' mit Gerald Moore beigefügt sind, aus dem Jahr 1954) ist ein Klassiker. Auch nach all den Jahren und trotz des Überangebots an alternativen Schubert-Liedalben.

Einigen Neuigkeitswert dürfen jedoch zwei Beethoven-Arien beanspruchen, die das Album beenden: 'Ah, perfido!' und 'Abscheulicher! Wo eilst du hin?' mit dem Philharmonia Orchestra unter Herbert von Karajan, 1954 in der Watford Town Hall aufgenommen. Sie wurden zwar einst auf LP veröffentlicht, danach sind sie aber weitgehend in Vergessenheit geraten. Und das, obwohl sich dahinter eine wirklich aufregende Geschichte verbirgt, wie der Schwarzkopf-Intimus Klaus Thiel berichtet: ‚Karajan, damals noch in Unfrieden mit den Wiener Philharmonikern und der Staatsoper, hatte 1953 den Ehrgeiz zu beweisen, dass er auch ohne diese beiden Institutionen große Kunst machen könne. Deshalb veranstaltete er einen Beethoven-Zyklus mit den Wiener Sinfonikern, der am 5., 6. und 7. Juni konzertante 'Fidelio'-Aufführungen einschloss. Martha Mödl war die Leonore (in Topform). Schwarzkopf, nach fast zehn Marzelline-Jahren der Partie schon hörbar entwachsen, steigerte sich enorm, wie immer, wenn sie mit der so heiß geschätzten Kollegin singen durfte (wie auch in der Scala im 'Lohengrin'). Im erhaltenen Mitschnitt sind einige zuvor kaum gekannte ‚heroische Töne’ unüberhörbar, z. B. im Terzett des ersten Aktes, etwa bei 'Du darfst mir auch ins Auge schauen: der Liebe Macht ist auch nicht klein!' Natürlich hörte Karajan das sofort, und da er seinerzeit am Experimentieren war und meinte, dass eine Leistung größer wird, wenn man die Partie unterbesetzt, muss ihm an diesen Abenden die Idee gekommen sein, Schwarzkopf zur Leonore zu überreden. Da er ihren Dickkopf kannte, wartete er auf eine günstige Gelegenheit. Die kam während der Salzburger Festspiele im Sommer, ehe man mit den besten Versprechungen für 1954 auseinander ging. Schwarzkopf lehnte die Partie der Leonore jedoch ab, zu plastisch war für sie der tradierte hochdramatische Gestus dieser Rolle, immerhin hatte sie ja neben der überlebensgroßen Flagstad auf der Bühne gestanden (und kannte sehr wohl die Fallstricke und Tücken der Partie). Karajan ließ aber nicht locker, es kam sogar zu einigen unschönen Erpressungsversuchen. Deshalb arrangierte man sich auf drei konzertante 'Fidelio'-Aufführungen, weit weg vom Schuss: in Basel, Genf und zuletzt Zürich, vom 28. bis 30. Oktober 1953. Schwarzkopf konzentrierte sich in der Zeit davor allerdings auf das für sie – und ihre Plattenfirma EMI – wichtige New Yorker Debüt, den Liederabend am 25. Oktober in der Carnegie Hall. Sie hoffte inständig, dass die 'Fidelio'-Aufführungen ausfallen könnten. Aber ein süßsaures Glückwunsch-Telegramm von Herbert von Karajan holte sie in die Wirklichkeit zurück – danach erst machte sie sich daran, die Partie zu lernen. (Man muss dazu sagen, dass es ihre Art war, in Stücken, die sie vorbereitete, niemals nur die eigene Partie zu lernen, außerdem hatte sie viele 'Fidelio'-Aufführungen gesungen und stets die Szenen der Leonore verfolgt.) Dass ein Journalist sie in der Linienmaschine am 26. Oktober mit dem Klavierauszug auf dem Schoß antraf, führte zu der Legende, sie hätte die ganze Partie ‚wie im Fluge’ gelernt.

Karajan trug Schwarzkopf während der Schweizer Konzerte wie auf Händen, sie konnte ganz unforciert singen, ohne Drücker in der tiefen Lage, die ihre erst später entstandene EMI-Studioaufnahme etwas bärbeißig machen. Aber sie hatte nach drei Aufführungen genug von der Partie, und der Schweizer Mitschnitt, den sie besaß, gab ihr recht. Dennoch: Vieles mag nie wieder so wunderbar musiziert worden sein, wie damals, beispielsweise das 'O Gott! welch ein Augenblick' im zweiten Finale. Es war nicht von dieser Welt...

Karajan blieb derweil bei seiner Meinung, dass die Schwarzkopf seine ideale Leonore sei. Hätte sich die Erfüllung seines Lebenstraums, der Bau des Großen Festspielhauses, nicht so elend verzögert, hätte er das Haus mit 'Fidelio' eröffnet – und nur mit der Schwarzkopf, das war schriftlich vereinbart! Nur war das 1960 dann nicht mehr diskutabel, weder 'Fidelio', noch Schwarzkopf als Leonore.“

So bleibt von diesem Karajan-Experiment den Nachgeboren nur diese Studioaufnahme der beiden Künstler, die – man kann es nicht anders sagen – wahrhaft eindrucksvoll ist. Die Schwarzkopf beißt sich im Rezitativ in die Worte und gibt sich ungewohnt aggressiv. Später findet sie zu himmlischen Lyrismen und bindet die unangenehmen Höhenbögen in gänzlich unforcierte Linien, die ich so noch nie von anderen Sängerinnen gehört habe (im Pianissimo!). Denkt man an die vielen, vielen späteren Versuche der Verfechter einer Historischen Aufführungspraxis, die Leonore ebenfalls mit lyrischen Sopranen zu besetzen, dann ist Schwarzkopf in dieser Partie nicht nur Vorreiterin und Vorbild, sie ist auch nach wie vor unerreicht. Man wünscht sich nach dieser Leonoren-Arie, dass endlich jemand den Schweizer Mitschnitt der gesamten Oper auf den Markt bringt. Das wäre eine wirkliche Sensation – auch bei Naxos!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Lieder

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
02.05.2008
Medium:
EAN:

CD
747313328727


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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