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Donnerstag, 22. November 2018

Henning, Carsten - Ausflug nach sing-sing

Plädoyer für musikalische Bewegungsfreiheit


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die neueste Ausgabe der ?Edition Zeitgenössische Musik? widmet sich mit Carsten Hennig einem Komponisten, der stets die Wahrnehmungsfähigkeit der Hörer neu ausleuchtet und so durch seine Musik neue Erfahrungsräume öffnet.

Fast schon ironisch wirken die Massen an leeren Stuhlreihen, die die Innenseite der neuesten Publikation der Edition Zeitgenössische Musik des Deutschen Musikrats zieren, angesichts des schmalen Besucherandrangs bei Konzerten aktueller Musik. Die soeben bei WERGO erschienene Portrait-CD ist dem in Dresden lebenden Komponisten Carsten Hennig gewidmet und steht sinnigerweise unter dem Motto MassenBewegung.

Es sind diese beiden Bestandteile des Kompositums, zwischen deren Polen sich die Musik Carsten Hennigs bewegt. Das wird bereits im ersten Werk der Zusammenstellung deutlich, dem Ensemblestück ‘Ausflug nach Sing-Sing’ in drei Gruppen (mit Rotationen) für zwanzig Instrumente. Die Luxembourg Sinfonietta unter der gewohnt engagierten und souveränen Leitung von Marcel Wengler wird dabei in drei Gruppen nach spezifisch klangfarblichen Gesichtspunkten unterteilt. Schon zu Beginn fängt der gesamte Apparat an zu rotieren, Klänge durchwandern das Ensemble, Instrumente kostümieren sich und absorbieren die Klangcharakteristika ihrer Nachbarn. So wird das Werk zu einem Ausflug im wahrsten Wortsinne, zu einer rasanten Bewegungsstudie unbändiger Energie, die die imaginären Mauern Sing-Sings sprengt und zu musikalischer Bewegungsfreiheit aufruft.

Das Moment der Bewegung findet sich auch in ‘Kadenzes – 13 Fälle’ für Frauenstimme und Ensemble, ein Werk, das 2001 für das verdienstvolle Ensemble Aleph entstanden ist. Bereits der Titel deutet die Bewegungsrichtung des Stückes an, und so dekliniert Hennig in zehn Minuten unzählige klangliche Fallbeispiele durch. ‘Kadenzes’ wird so zu einer Fallstudie des Scheiterns, wenn klangliche Türme wasserfallartig zusammenbrechen, wenn aber auch im semantischen Sinne alles ‘den Bach runtergeht’, die Gesangsstimme sich als Gefallene, als gesellschaftlich isoliertes Wesen präsentiert.

Die Überlagerung unterschiedlichster Bewegungsmuster führt schließlich zur auf den ersten Blick undefinierbaren Massenbewegung, die Hennig in seinem Orchesterstück ‘Massen’ nachzeichnet. Das Werk wurde mit dem BMW-Kompositionspreis der musica viva des Bayerischen Rundfunks ausgezeichnet, der Mitschnitt der Uraufführung ist auf dieser Zusammenstellung enthalten. Analog zur komplexen Ordnung von Schwärmen oder dem vielschichtigen Durcheinander eines Sandsturms ist Carsten Hennigs Komposition zu verstehen, nicht als illustrative Abbildung oder naturwissenschaftlicher Nachvollzug. Vielmehr wird die Betrachtung des Phänomens so direkt in Musik übertragen, dass Musik selbst zur Anschauung, zum Ereignis wird.

Wichtig ist für Carsten Hennigs Musik stets die Möglichkeit zum hörenden Nachvollzug durch das Publikum, jedoch ohne Konzessionen an die immer häufiger auftretenden Wahrnehmungsstörungen in der heutigen Gesellschaft. In den ‘Aperioden mit 7 Faltungen’ sind es die Schwankungen des musikalischen Materials und die einbrechenden Faltungen, die die musikalische Textur gewissermaßen von einer anderen Seite zeigen, gleichsam dem Falten eines Blatt Papiers, dass im Moment seiner Faltung die Rückseite offenbar werden lässt. In ‘synonym’ für Orchester konditioniert Hennig die Wahrnehmung des Publikums zusätzlich, indem Schlagzeugimpulse im Wechsel mit Orchestereinbrüchen eine pulsierende Abfolge erzeugen, die sich als eine Art rhythmischer Spannungserzeugung in die Wahrnehmung des Hörers einnisten soll.

Carsten Hennigs Musik ist fernab jeder falsch verstandenen musikalischen Pädagogik also auch eine Erziehung zum Hören, eine Schulung der Wahrnehmung und der Sinne. ‘Die meisten Menschen bekommen ihr ganzes Leben lang nichts mit, warum sollte das ausgerechnet im Konzertsaal anders sein’ – verkehrt man diesen Ausspruch von Hans-Joachim Hespos einmal ins Gegenteil, so bleibt zu hoffen, dass das aktive Zuhören dieser Musik vielleicht auch Positives für unsere Gegenwart bewirken kann. Wünschen wir uns also gefüllte Stuhlreihen!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Henning, Carsten: Ausflug nach sing-sing

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
01.04.2008
EAN:

4010228656527


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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