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Sonntag, 25. September 2022

Cherubini, Luigi - Médée

Und Néris bekommt den Applaus


Label/Verlag: NEI - Nuova Era Internazionale
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein mittelmäßiges Klangbild und ein mittlerweile wieder überholter Forschungsstand zu Cherubinis ‚Medée’ machen diesen Livemitschnitt zum Zeitdokument eines ambitionierten Opernabends - mehr aber auch nicht.

Das Label Nuova Era startet mit neuem Cover und platzsparendem Slim-Case-Schuber den erneuen Versuch, einen ‚Medée’-Mitschnitt von 1995 wieder auf den Markt zu bringen. Die Doppel-CD der französischen Originalfassung von Cherubinis 1797 uraufgeführter Oper stammt vom italienischen Opernfestival in Martina Franca, wo seit vielen Jahren heute fast unbekannte Opernschätze der Vergessenheit entrissen werden. Nun ist Cherubinis ‚Medea’ im 20. Jahrhundert vor allem in der Interpretation durch Maria Callas in einer italienischen Version bekannt geworden und nur einige wenige Ausnahmekünstlerinnen haben gewagt, diese Erbschaft anzutreten.

Die vorliegende französische Originalfassung unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von der populären italienischen Variante. Neben den gesprochenen Dialogen, sind es vor allen Dingen Fragen der Instrumentation und größere neue Gesangspassagen, die der ‚Medée’ ein völlig neues Klangbild verschaffen. Diese ‘World Premiere Recording’ – die auf dem Cover unfreiwillig komisch ‘First World Recording’ betitelt wird – kommt allerdings zu einem ungünstigen Zeitpunkt auf den CD-Markt zurück. Gerade wurde die kritische Neuausgabe von Cherubinis französischer ‚Medée’-Partitur fertiggestellt und erklingt im Theater an der Wien. Folglich ist die vorliegende ‚Medée’ bereits ein veralteter Rekonstruktionsversuch, aber mit Sicherheit nicht die verbindliche Urfassung. Das äußerst konfus strukturierte Booklet dieser Wiederveröffentlichung beschäftigt sich vergleichsweise ausufernd mit den ‚Medea’-Vertonungen von Mayr, Mercadante und Pacini, kann aber zur Cherubini-‚Medée’ nur in Abgrenzung zu den anderen Werken etwas aussagen. Einen aussagekräftigen Aufsatz zu den Besonderheiten der eingespielten Fassung sucht man vergeblich. Dafür ist das französische Libretto abgedruckt.

Dennoch hat dieser Mitschnitt in mancherlei Hinsicht seinen Reiz. Da wäre zum einen das zupackende Dirigat von Patrick Fournillier, der konsequent versucht, Cherubinis Musik abseits aller veristischen Verfremdungen zu einem klassizistischen Profil zu verhelfen. Folglich weckt bereits die Ouvertüre die Begeisterung des Publikums. Dieser Beifall bleibt in guter Erinnerung, denn es ist einer der wenigen im Verlauf der Aufführung. Selbst nach der großen Medée-Arie im ersten Akt herrscht befremdende Stille, die weniger auf entrückte Verzauberung zurückzuführen ist, sondern viel eher als Reaktion auf die immer haarscharf am Abgrund intonierte Solo-Szene. Jano Tamar hat als Medée jedoch durchaus ihre Qualitäten. Die Stimme überrascht durch ein unerwartet warmes Timbre, das Medée nicht zu einer keifenden Furie degradiert, sondern die Leiden der verlassenen Frau und Mutter unterstreicht. Auch der Jason von Luca Lombardo ist kein auftrumpfender, lauter Held, sondern überzeugt vielmehr durch einen eleganten, aber nicht zu leichten Tonfall. Dabei tritt in wenigen Fällen ein seltsames Schnarren seines Tenors in Erscheinung, das dem Gesamtbild jedoch keinen Abbruch tut. Jean-Philippe Courtis ist ein unangreifbarer Créon und die junge Patrizia Ciofi als Dircé lässt schon damals mit ihren dramatisch-angehauchten Koloraturen und schmerzerfüllter Klangschönheit aufhorchen. Es ist bezeichnend für diesen Mitschnitt, dass nicht die großen Partien für ihre Soloszenen Beifall erhalten, sondern die kleinen. Der wohl wärmste Applaus gilt somit der wundervollen Néris von Magali Damonte, die mit ihrer Klage im zweiten Akt den Höhepunkt des Abends setzt.

Das Klangbild des Mitschnitts ist mittelmäßig. Die Stimmen sind alle klar vernehmbar, soweit sie sich nicht im hinteren Bühnenteil aufhalten und es stellt sich in den Ensembleszenen ein teils wirkungsvoller Stereoeffekt ein, wenn auch manche Sänger unter dem Mikrophon zu campieren scheinen. Zusammenfassend ist diese ‚Medée’ eine nicht unspannende Begegnung mit Cherubinis ursprünglichen Intentionen; auch die Dialoge sind auf ein erträgliches Maß reduziert. Dennoch teilt der Mitschnitt sein Schicksal mit so vielen Mitschnitten vom Martina Franca Festival: Er kommt äußerst ambitioniert daher und bleibt dann in der Ausführung auf halber Strecke stehen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Cherubini, Luigi: Médée

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
NEI - Nuova Era Internazionale
2
11.04.2008
140:44
1995
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4011222316875
231687


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"Mit der CD-Veröffentlichung von Cherubinis Médée des Labels Nuova Era liegt eine Einspielung der originalen Partitur der Pariser Uraufführung vor. Für das Festival della Valle d‘Itria wurde in Zusammenarbeit mit Angelo Inglese und dem Dirigenten Patrick Fournillier diese Fassung genau rekonstruiert - im Sinne der Tragédie lyrique, fern von der romantischen Darstellung der berühmtesten Medea- Interpretin Maria Callas. Diese Aufnahme der Médée stammt aus dem Jahr 1995 anlässlich des Festivals della Valle d‘Itria. Die Médée singt die Sopranistin Jano Tamar. Das Orchestra Internazionale d‘Italia Opera und der Kammerchor Sluk Bratislava spielt und singt unter der Leitung von Patrick Fournillier."


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NEI - Nuova Era Internazionale

20 Jahre Aufnahmeerfahrung: Opern, Vokalwerke, Sinfonische Werke, Frühe- und Barockmusik, NUOVA ERA ist zu einem der Eckpfeiler in der Welt der Tonträgerindustrie geworden, beständig auf der Suche nach den Werken mit hohem Repertoirewert und der besten Preis/Leistungsrelation.
Die große Familie NUOVA ERAs diskografischer Serien umfaßt Labels wie "Ancient Music", der Frühen- und Barockmusik gewidmet, "Icarus", gewidmet Moderner und Zeitgenössischer Musik, sowie eine Riesenauswahl primär Italienischer Opernproduktionen, die nun ergänzt wird durch die, in Kooperation mit Radio della Svizzera Italiana produzierten Alben "Italian Vocal Art - Edwin Loehrer Edition" mit den faszinierendsten Aufnahmen eines der außergewöhnlichsten Rundfunkarchive.
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