> > > Fischer, Johann Christian: Oboenkonzerte Nr. 1, 2 & 7
Donnerstag, 21. November 2019

Fischer, Johann Christian - Oboenkonzerte Nr. 1, 2 & 7

Schokolade im Schatten


Label/Verlag: ARS Produktion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Virtuose Oboenkonzerte von Fischer und Stamitz sollen von Michael Niesemann gespielt werden: aber genau an Virtuosität gebricht es bei dieser eleganten, grundsätzlich kaum effektvirtuosen Musik.

Die siebte CD der Reihe ‘Forgotten Treasures’ (der nostalgische Rückwärtsblick beinhaltet natürlich den Zusatz ‘auf historischen Instrumenten’) des Labels ARS Productions warten auf mit ‘Virtuosen Oboenkonzerten’, namentlich drei Konzerten von Johann Christian Fischer und einem von Carl Stamitz. Der Träger dieser Musik ist eine ‘Hybrid Multichannel Disc’, zu deutsch eine SACD, die Normalsterbliche schon jetzt auf ihren Geräten voll aushören können. Wie dem auch sei, diese HybridCD gibt eine außerordentlich gute Klangqualität, füllig und plastisch, – und das so zu hörende Orchester macht die Sache noch besser. Die Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens gibt die spätbarocken Konzerte gefasst, knapp und pointiert, getragen von einem durchsichtigen, zielgenau unter den Instrumentengruppen ausbalancierten Klang. Auch liefert die CD ein äußerst ausführliches und hübsch fabriziertes Booklet. Allerdings erscheinen die vier Konzerte, was die Solostimme der Oboe anbelangt, nicht gerade das zu sein, was man unter Virtuosenstücken auf Anhieb erwarten könnte. Von über- bis tollwütigem Auftrumpfen, das sich vor nichts fürchtet, ist hier nur eine leichte Spur. Vielmehr geben sich v.a. die Werke Fischers, der selbst konzertierender Oboist war, elegant und bedächtig proportioniert, ohne Artistik und ohne Akrobatik, wenn auch zuweilen mit raschen Passagen und Verzierungen durchsetzt. Gesangvolle Melodien und konzentrierte, übersichtige Figuren bestimmen das Klangbild, und nicht instrumental verzückte Raffinesse. Man könnte dadurch etwas vermissen, aber man sollte sich denken: umso besser. Denn der Solist Michael Niesemann ist bei diesen galanten Konzerten wohl besser aufgehoben als bei den delikaten Turnübungen eines Pasculli.

Niesemann, der in Köln studierte, und momentan eine Professur in Essen innehat, stimmt wie gesagt zum gemessenen Schritt der Konzerte. Durch die sehr gemäßigt gewählten Tempi führt er mit höfisch bis höflicher Geste, spielt alles deutlich und glasklar aus. Keine Experimente. Seine Phrasengestaltung ist an den sehr gelungenen Stellen wirklich eine Lust zu hören: er versteht sich auf Spannungsbögen und Klangrede. Sicherlich. Wo sich aber geforderte Eleganz und schlagartig fordernde Virtuosität einmal begegnen, wünscht man sich unmittelbar mehr Souveränität und Exekutivgewalt von Niesemann. In den Werken Fischers (1733-1800), eines nach England ausgewanderten, deutschen Komponisten und Oboenvirtuosen, durchwirken immer wieder virtuose Figurationen den ruhigen, hellen Fluss der Musik – und leider beginnt genau hier das Ungenügen sich zu rühren. Das Staccato schnappt nicht spitz und punktuell genug, und wenn es in Zierfiguren ungebunden rasch gehen muss, wie oftmals im zweiten Satz von Fischers F-Dur-Konzert, verunklärt sich der Rhythmus zum So-schnell-wie-möglich des Zungenschlags. Die Staccato-Passagen dieses Variationssatzes werden zwar bewältigt, wirken aber bei weitem nicht überwältigend. Auch klingen lange Triller etwas steif, kaum in sich modelliert und bewegt. Die höchsten Töne, die eigentlich durch zartesten Schmelz den Solisten loben müssten, tönen einfach nicht schön, übermäßig näselnd und aufrauht. In verschlungenen Verzierungen, die die Melodien durchstricken und der klug-witzigen Galanterie dieser Musik ja erst den nötigen ‘Schneid’ und Witz verleihen, mangelt es an Deutlichkeit und Trittfestigkeit. Manche verzierte Phrase wird im ersten Satz von Fischers C-Dur-Konzert beispielsweise vom Orchester gleichlautend beantwortet: und mehr als einmal sticht dabei ins Auge, dass die Geigengruppe rhythmisch prägnanter und gestochener, mit mehr Zug und schlicht virtuoser musiziert als der Solist.

Die Schattenseiten der Einspielung überwiegen also etwas die Schokoladenseiten, da erstere genau da zu Tage treten, wo der Oboe die große, glanzvolle, eben die virtuose Bühne komponiert wurde. Festbeleuchtung pflegt gnadenlos hell zu sein. Als Präsentation und ‘Neuentdeckung’ der Werke Johann Christian Fischers aber kommt der CD in jedem Falle ein archäologischer, anregender und selbstzweckhafter Wert zu.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Fischer, Johann Christian: Oboenkonzerte Nr. 1, 2 & 7

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ARS Produktion
1
01.06.2008
Medium:
EAN:

CD
4260052380291


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Fischer, Johann Christian
 - Oboenkonzert Nr. 1 C-Dur - Allegro
 - Oboenkonzert Nr. 1 C-Dur - Andante
 - Oboenkonzert Nr. 1 C-Dur - Rondeaux
 - Oboenkonzert Nr. 7 F-Dur - Allegro
 - Oboenkonzert Nr. 7 F-Dur - Larghetto
 - Oboenkonzert Nr. 7 F-Dur - Andante ´Gramachree Molly with Variations´
 - Oboenkonzert Nr. 2 Es-Dur - Allegro
 - Oboenkonzert Nr. 2 Es-Dur - Adagio
 - Oboenkonzert Nr. 2 Es-Dur - Rondeau-Allegro
Stamitz, Carl Philipp
 - Concerto B-Dur - Allegro
 - Concerto B-Dur - Andante moderato
 - Concerto B-Dur - Tempo di Menuetto


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Dirigent(en):Willens, Michael Alexander
Orchester/Ensemble:Kölner Akademie
Interpret(en):Niesemann, Michael


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ARS Produktion

Das exquisite Klassiklabel ARS Produktion wurde 1987 von Annette Schumacher mit dem Ziel gegründet, jungen, aufstrebenden Künstlern und interessanten Programmen gleichermaßen eine individuelle musikalische Heimat und entsprechende Marktchancen, u.a. durch internationalen Vertrieb und Vermarktung zu geben. Die bei Paul Meisen ausgebildete Konzertflötistin hat sich damit nach langer aktiver Musikerlaufbahn einen geschäftlichen Traum erfüllt.
Für die hervorragende Aufnahmequalität der zahlreichen ARS Produktionen ist Manfred Schumacher, Tonmeister und Aufnahmeleiter, verantwortlich.
Spezifisch für das Label und die Haltung seiner Macher/in: stets wird u.a. den klanglichen Erfordernissen der jeweiligen Werke, Musikepochen und Instrumente in größtmöglicher Weise Rechnung getragen sowie im Übrigen die neueste, beste Technik eingesetzt.
Annette und Manfred Schumacher sind ?Überzeugungstäter?. Zwei Individualisten, die Kunst, Kommerz und Können geschickt vereinbaren.
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