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Mittwoch, 30. November 2022

Vaughan Williams, Ralf - On Wenlock Edge

Verhaltener Auftakt


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Am Rande der Beliebigkeit: Mark Padmore kann in ‚On Wenlock Edge’ kaum mit seinen Tenorkollegen konkurrieren.

Der Filmemacher Tony Palmer läutete mit seiner längst überfälligen Dokumentation ‚O thou transcendent’ vor wenigen Monaten das Ralph Vaughan Williams-Jahr ein. Der englische Komponist starb vor 50 Jahren. Noch haben die englischen Plattenlabels verhalten auf dieses Jubiläum reagiert, obgleich sich die discographische Aufbereitung vor allem bislang selten bis gar nicht eingespielter Werke Vaughan Williams’ durchaus lohnen und so manches Desiderat erfüllen würde. Eher bescheiden nimmt sich da die Veröffentlichung des sonst so rührigen Labels ‚Chandos’ mit Mark Padmore und dem Schubert Ensemble aus, die neben dem Klavierquintett von 1903 und der ‚Romance and Pastorale’ aus der Zeit vor 1914 auch den Zyklus ‚On Wenlock Edge’ von 1909 einmal mehr auf den Silberling gebracht haben.

Altbekanntes

Hierzulande im Falle des Liederzyklus ‚On Wenlock Edge’ von Altbekanntem Repertoire zu sprechen, ist zunächst der blanke Hohn. Womöglich sind Thematik und Textdichtung zu englisch: Vaughan Williams griff in der Wahl der Texte auf die Gedichtsammlung ‚A Shropshire Lad’ von Housman zurück, der artifizielle Pseudo-Volksballaden dichtete, die in einem geradezu mythisch-mystischen Shropshire verortet sind und mit der Thematisierung des Verlusts eines idealisierten ländlichen englischen Edens angesichts fortschreitender Massenindustrialisierung genau einen Aspekt der künstlerischen Weltschau des Komponisten traf. Das englische Volkslied, einer der Eckpfeiler im Schaffen von Ralph Vaughan Williams, wurde zum Symbol für dieses englische Eden, wenngleich in ‚Wenlock Edge’ lediglich die Gestaltung der Melodie an das Volkslied gemahnt. Wann und wo wird dieses Schlüsselwerk von Ralph Vaughan Williams in deutschen Breiten denn schon aufgeführt? Die geneigte Hörerschaft ist meist darauf angewiesen, auf eine Einspielung zurückzugreifen. Aufnahmen des Werks sind in der Discographie des Komponisten nicht gerade unterrepräsentiert.

Mark Padmore tritt mit einer ganzen Phalanx prominenter Kollegen in Konkurrenz, denn in England zählt ‚On Wenlock Edge’ zu den Paradestücken für Tenöre. Anthony Rolfe Johnson hat eine beachtliche Einspielung mit Graham Johnson am Klavier und dem Duke Streichquartett ebenso hinterlegt wie Adrian Thompson mit Iain Burnside und dem Delmé Quartet. Die Bipolarität von Dramatik und Epik gespannt ausgereizt hat vor wenigen Jahren John Mark Ainsley mit dem Nash Ensemble und sich damit beinahe der bestechend binnengespannten Interpretation durch Peter Pears, Benjamin Britten und dem Zorian Quartet angenähert, einer Aufnahme, die bereits kurz nach Kriegsende für ‚Decca’ gemacht wurde und noch immer die beste von allen genannten ist. Mark Padmore wird daran nichts ändern können. Selbstredend bringt auch er die spezifisch englischen Tenorklangeigenschaften mit: schlankes Timbre, an der Linie orientierte Intonation und Artikulation, nasale Vokalfärbung. Tugenden, die Vaughan Williams freilich bei der Komposition berücksichtigt hat. Die kantablen Phrasen lotet auch Padmore geflissentlich aus, doch es gelingt ihm nicht, die Balance zu halten zwischen dem Fokus auf die Intimität des Werks einerseits und dessen dramatischer Geste andererseits. Pears und später Ainsley sang sich mit weitaus energetischerer Binnenspannung durch die Noten. Padmore indes formt die Linie oftmals zu nobel, geradezu distanziert, während in hoher Lage der Ton eng und angestrengt klingt und Padmores fulminantes Vibrato seine Stimme beinahe zum Überschlag führt. Es fehlt ihm das Kalkül für große und kleine Gesten und seine vokale Folie will auch nicht stringent mit der des Instrumentalen verschmelzen. Zu zaghaft wirft das Schubert Ensemble zu Beginn von ‚On Wenlock Edge’ den Motor an, der eigentlich mit dem ersten Einsatz der tremolierenden Streichergruppe und den markigen Akkorden des Klaviers sogleich hochgespannte Dramatik evozieren müsste. Der Aus- und Aufbruch in die Sphäre des Naturmystischen kommt einem Fehlstart gleich. Die Partitur wird zwar klangschön und feingliedrig transparent ausgehört, doch mit zurückhaltender Emotionalität.

Unnötig

Es ist gerade mal sechs Jahre her, als das Nash Ensemble bei ‚Hyperion’ eine Doppel-CD mit den frühen Kammermusikwerken von Ralph Vaughan Williams in Erstaufnahmen einspielte. Darunter auch das Klavierquintett in c-Moll aus dem Jahr 1903 sowie ‚Romance and Pastorale’ für Violine und Klavier. Während die filigrane Ausdeutung der letztgenannten Stücke durch Alison Dods an der Geige und William Howard am Klavier durchaus noch eine Alternative zur Interpretation durch Mitglieder des Nash Ensembles in den sechs Jahre zurückliegenden Erstaufnahmen sein mag, enttäuscht das Schubert Ensemble mit seiner Aufnahme des Klavierquintetts nicht nur ansatzweise. Das dreisätzige Werk mit dem deutlichen Brahms-Tonfall im ersten Satz bedarf eben jenes hochgespannten Vorwärtsdrängens, jener unerbittlichen Kernigkeit und Prägnanz Brahmsscher Kammermusik. Dem folgte seinerzeit das Nash Ensemble in seiner Referenzeinspielung. Brav, fast bieder, lau in Dynamik wie Rhythmik, energetisch konterkariert steuert das Schubert Ensemble – mit freundlicher Unterstützung des tontechnisch ambivalent agierenden Technikerteams – eher den Hafen geglätteter Eleganz als die Insel der packenden Interpretation an. Angesichts der Tatsache, dass man Vaughan Williams’ Klavierquintett vom Nash Ensemble bereits frischer, energetischer, packender und texturell dichter gehört hat, kann dieser Aufnahme getrost attestiert werden, unnötig zu sein. Eine solche Bescheinigung darf auch Mark Padmores Interpretation von ‚On Wenlock Edge’ ausgestellt werden. Es ist zu hoffen, das etwaige weitere Veröffentlichungen in Vaughan Williams’ Gedenkjahr nicht der Beliebigkeit anheim fallen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vaughan Williams, Ralf: On Wenlock Edge

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
25.04.2008
Medium:
EAN:

CD
095115146521


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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