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Samstag, 28. Mai 2022

Martinu, Bohuslav - Jeux

Eine kleine Spielzeugwelt


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Schatzkiste zu unrecht in Vergessenheit geratener Klavierstücke Martinus liegt jetzt in einer rundum gelungenen Einspielung vor.

Nicht jeder Komponist, der im Laufe seines Lebens Berühmtheit erlangte, hatte ein glückliches Händchen für kurze Musikstücke. Meist sind es die großen Formen wie Sinfonie und Oper, die als Grundlage für Meisterwerke dienten, und so überrascht es nicht, dass so manche gelungene Miniatur über Jahrzehnte hinweg in der Versenkung verschwinden konnte. Umso besser, dass die vorliegende CD eindrucksvoll belegen kann, dass der Komponist Bohuslav Martinu zu hervorragenden Schöpfungen auf diesem Gebiet fähig war.

Nur selten zählt man Martinu zu den wegweisenden Komponisten des 20. Jahrhunderts oder verwendet bei Besprechungen seiner Werke Attribute wie etwa ‚gewichtig’ oder ‚bahnbrechend’; ganz zu schweigen von ‚avantgardistisch’. Stattdessen ist Martinu fest im Zeitgeist seiner Epoche, der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, verwurzelt. Seine Werke und besonders seine vielen Klavierstücke sind nicht zeitlos, sondern stellen Momentaufnahmen dar. Gerade das macht ihren besonderen Reiz aus.

Eine Fülle gelungener Miniaturen

Der Titel ‘Jeux’ ist passend gewählt, denn spielerische Leichtigkeit und ein spritziger Humor lassen sich in mindestens der Hälfte aller Stücke finden. Man wird bestens unterhalten und es gehört zur Handschrift des Komponisten dazu, dass diese gute Unterhaltung nie platt wirkt. Die beiden namengebenden Suiten sind ein Paradebeispiel dafür: Rhythmisch sehr wendungs- und abwechslungsreich, kann man sie sich immer wieder anhören, ohne ihrer überdrüssig zu werden. Ein wunderschönes Andante in ‘Jeux II’ schlägt da einen ganz anderen Ton an. Es ist einfach, melancholisch, nachdenklich und sehr gut mit den anderen Stücken ausbalanciert. Es nähert sich bisweilen der Grenze zum gefühlsduseligen Kitsch, aber diese wird niemals überschritten. So fügen sich die beiden Zyklen zu einem gelungenen Ganzen, dem es nicht an stilistischer Vielfalt mangelt.

Der Pianist Karel Kosarek verdient an dieser Stelle vollstes Lob für seine unbestechlichen Interpretationen. Ihm gelingt es, die temporeichen Stücke nicht zu technisch-rhythmischen Etüden verkommen zu lassen und romantisches Pathos von jedem Andante oder Adagio fernzuhalten.

Ein Highlight dieser Aufnahme sind die beiden Zyklen von Charakterstücken, ‘Film en miniature’ und ‘La Revue de cuisine’. Hier haben sich der frühe Jazz der 20er Jahre wie auch die modischen Tänze dieser Zeit niedergeschlagen. So etwa der Tango: eine idealisierte Version dieses leidenschaftlichen Tanzes klingt im ‘Film en miniature’ verführerisch fremdartig unter Verwendung osteuropäischer Skalen und in der ‘Revue de cuisine’ dagegen finster und schleppend, doch dann plötzlich leicht und heiter, herbeigeführt durch eine bewusst verkitschte, aber genau deswegen auch sehr komische Wandlung. Wunderschön verträumt ist die ‘Berceuse’ im ‘Film en miniature’ und sorgt wie schon in den vorangegangenen Werken dafür, dass sich Ernsthaftigkeit und ein exzentrischer, zuweilen an Schostakowitsch gemahnender Humor die Waage halten. Es ist Kosareks stilsicherem Spiel zu verdanken, dass diese Balance auch den Hörer erreicht.

Weniger schillernd präsentieren sich die ebenfalls sehr kurzen Einzelstücke, die abseits der Zyklen komponiert wurden. Ganz besonders im Stück ‘The fifth day of the fifth moon’ herrscht eine sehr minimalistische Tonsprache vor und der ruhige Charakter lässt kurz innehalten. Man kann an dieser rätselhaften Miniatur und an dem abschließenden ‘Adagio’ länger verweilen, um sie zu entschlüsseln und es ist auch sehr lohnenswert, dies zu tun. Das umfassende Booklet liefert dazu wertvolle Hinweise.

Die Klangqualität der Aufnahme entspricht der klaren Interpretation des Pianisten und rundet das Gesamtbild ab. Die kleine Spielzeugwelt des Bohuslav Martinu, der selbst kein professioneller Pianist war, entpuppt sich als ganzer Kosmos. Seine kleinen Werke für Klavier sprechen eine weltgewandte Sprache und leider ist es wohl ihrer Kürze anzulasten, dass sie fast in Vergessenheit geraten sind. Das kann sich hoffentlich noch ändern.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Oliver Schulz,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Martinu, Bohuslav: Jeux

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
25.04.2008
Medium:
EAN:

CD
099925393724


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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