> > > Mozart, Wolfgang Amadeus: Le nozze di Figaro
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Mozart, Wolfgang Amadeus - Le nozze di Figaro

Wie beim ersten Mal


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Frisch und witzig, ernst und melancholisch: David McVicars ‚Figaro’ im traditionellen Gewand fesselt durch seine Originalität im Detail. Eine traumhafte Besetzung macht den Kauf dieser Doppel-DVD umso lohnender.

Eigentlich erwartet kein erfahrener Operngänger, ein so populäres Werk wie Le nozze di Figaro noch einmal neu für sich zu entdecken – zu viele Deutungen hat man schon gesehen, zu viele Regiekonzepte zu entschlüsseln versucht. Wer derartig abgeklärt an David McVicars Inszenierung am Royal Opera House Covent Garden herangeht, die im Februar 2006 von Opus Arte mitgeschnitten und nun als Doppel-DVD veröffentlich wurde, könnte eine Überraschung erleben: schon nach wenigen Minuten ist man gefesselt von einer Produktion, die unspektakulär scheint und doch so originell ist, dass man meint, Mozarts Meisterwerk zum ersten Mal zu erleben.

Wenn sich mit den ersten Takten der Ouvertüre der Vorhang hebt, wird der Zuschauer unmittelbar hineingezogen in den ‚tollen Tag’: virtuos choreographiert zur Musik (von der man sich trotz des regen Treibens nicht abgelenkt fühlt) lässt McVicar die edel kostümierte Statisterie putzen, schleppen, herumalbern und flüchtig Zärtlichkeiten austauschen, in kleinen Gesten aber auch schon das Konfliktpotenzial des Stücks ausloten.

Dieses durch und durch stimmige Portrait der Schlossgesellschaft wird im weiteren Verlauf der Handlung konsequent weiterentwickelt: in fast jeder Szene sieht man Diener oder Dienstmädchen, die – mal bemerkt, mal unbemerkt – an Türen und Wänden lauschen. Jeder verfolgt seine Interessen, schmiedet Pläne, ist in Bewegung. Auf subtile Weise verstärkt wird dieser Eindruck durch Tanya McCallins prächtiges Bühnenbild, das sich trotz seiner Opulenz (Schauplatz ist ein lichtdurchflutetes Palais der 1830er Jahre) jeglicher Statik verweigert, die Figuren vor und nach ihren eigentlichen Auftritten exponiert und durch offene Verwandlungen nahtlose Übergänge zwischen den Akten erzeugt.

Die Personenregie wirkt dabei ausgefeilt, aber nicht überanalytisch. Obwohl McVicar komische Momente genüsslich auskostet und auch eigene Gags wie eine Charlie-Chaplin-Anspielung in Figaros Kavatine „Se vuol ballare“ hinzufügt, ist er prinzipiell bemüht, das Stück ohne Holzhammer von seiner reinen Buffo-Lesart wegzuführen und darauf hinzuweisen, dass die Protagonisten mehr als einmal vor emotionalen Abgründen stehen. Das Ergebnis ist ein im Kern traditioneller Figaro, der frischer und witziger, ernster und melancholischer nicht sein könnte und ein für allemal verständlich macht, warum man gerade diesem Werk nachsagt, es habe zum ersten Mal ‚echte Menschen’ auf die Opernbühne gebracht.

Musikalisch ist der Mitschnitt ein Hochgenuss. Antonio Pappano sorgt am Pult des vorzüglich spielenden Royal Opera Orchesters für einen temperamentvollen Mozartklang, der einerseits nicht vor rasanten Tempi und deftigem Blecheinsatz zurückschreckt (Ouvertüre, Finali), sich andererseits aber auch zu den zärtlichen, pastoralen Farben der Partitur bekennt (Briefduett, Rosenarie). Wie auf szenischer Ebene wird hier nichts absichtlich gegen den Strich gebürstet, sondern jede Nummer erscheint als Teil einer übergreifenden musikalischen Dramaturgie.

Die Besetzung ist selbst für ein Haus wie Covent Garden exquisit. An erster Stelle sind Erwin Schrott und Miah Persson zu nennen, die als Figaro und Susanna ein charmantes, gewitztes und unverschämt gut aussehendes Dienerpaar abgeben. Doch der Uruguayaner und die Schwedin begeistern nicht nur mit sexy Bühnenküssen – auch stimmlich sind sie Idealbesetzungen. Schrotts klangschöner Bassbariton strömt zwar nicht immer ganz frei, spiegelt aber in seinem Farbenreichtum, seiner expressiven Verschmelzung von Atem, Ton und Sprache den Gestaltungswillen eines herausragenden Sängerdarstellers, während Perssons silbern glitzernder, tadellos fokussierter Sopran in der Rosenarie ein Türchen zu Mozarts Seele aufstößt.

Auch das adelige Paar kann sich sehen und hören lassen. Gerald Finley singt den Grafen nicht nur fulminant (seine Arie im dritten Akt ist dramatischer Fixpunkt und Demonstration gesangstechnischer Souveränität in einem), sondern wertet die Figur schauspielerisch erheblich auf: dieser Almaviva ist kein notgeiler Trottel, der von allen an der Nase herumgeführt wird, sondern ein Machtmensch mit expliziter sexueller Ausstrahlung, dem der Gräfin gegenüber auch schon mal die Hand ausrutscht. Dorothea Röschmann gestaltet die verzweifelte Gattin anrührend, erkauft die durchdringende Intensität ihres vokalen Vortrags aber mit forcierten, in der Höhe nur noch im Forte ansprechenden Tönen. Rinat Shaham indessen vereint in ihrer hinreißenden Interpretation des Cherubino natürliche Spielfreude mit überlegener Technik, die es ihr erlaubt, ihren ebenmäßig geführten Mezzosopran jederzeit in ein hauchzartes Piano zurückzunehmen.

Auch die kleinen Rollen sind durchweg gut besetzt: Jonathan Veira brilliert als augenrollender Bartolo, Philip Langridge kultiviert als Basilio ein herrlich süffisantes Grinsen und Graciela Araya entspricht – trotz einer gesanglich grenzwertigen Darbietung mit der oft gestrichenen Koloraturarie im vierten Akt – allen Erwartungen an eine Marcellina.  Da die DVD auch optisch und akustisch keine Wünsche offen lässt, kann man jedem, der sich zum Kauf dieses Figaro entschließt, nur herzlich gratulieren.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:






Kritik von Alexander Meissner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: Le nozze di Figaro

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
2
14.03.2008
Medium:
EAN:

DVD
809478009900


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Opus Arte

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