> > > Svendsen, Johan: Sinfonien Nr. 1 & 2
Sonntag, 25. Oktober 2020

Svendsen, Johan - Sinfonien Nr. 1 & 2

Sinfonische Entdeckungen aus Norwegen


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Johan Svendsens interessante und kurzweilige sinfonische Werke erklingen hier in einer leider ziemlich oberflächlichen Lesart. Schade.

Wer die Musik, zumal die sinfonische, von Johan Svendsen bisher noch nicht kannte, dem dürfte etwas entgangen sein. Zum Glück aber lässt sich dem leicht Abhilfe schaffen – mit vorliegender 3-CD-Box aus dem Hause CPO, auf der sinfonische Werke dieses großartigen Norwegers vorgestellt werden.

Johan Svendsen, geboren 1840 als Sohn eines Musikers, wuchs in denkbar kärglicher Umgebung auf. Doch die Begeisterung für Musik, zuerst einmal für die praktische Ausübung, dann die Komposition, ließ sich selbst durch widrige Umstände nicht einschränken. Vielleicht verhalfen diese Wurzeln Svendsen erst zu dem (musikalischen) Elan, der ihn sein ganzes Leben hindurch prägte. Der Umstand, zuerst durch die Erfahrung als Instrumentalist in verschiedenen Musikformationen (und das heißt in diesem Fall: Militärmusik und Dilettantenvereinigungen) mit der Welt des Orchesters in Berührung zu kommen, zeitigte bei einigen Komponisten ähnliche Wirkungen: eine ganz unverkrampfte, unakademische, kreative und mutige Herangehensweise an die Komposition. Bei Svendsen jedoch wurde diese Energie gleichsam kanalisiert durch ein Studium am Leipziger Konservatorium, worauf er nach Wanderjahren in verschiedenen Ländern zu einer Komponisten-Ikone in seinem Heimatland wurde – neben Edvard Grieg, dem er freundschaftlich verbunden war. Hans von Bülow beschreibt ihn als einen ‘nordischen Musiker von ungewöhnlicher spezifischer Begabung und Leistungsfähigkeit’ und von Grieg wird er gelobt: ‘Svendsen hat genau all das, was ich nicht habe – und das ist eine natürliche Beherrschung des Orchesters und der großen klassischen Formen.’

Genau durch die hier vorgestellte Auswahl sinfonischer Werke bestätigt. Svendsen weiß nicht nur, wie man eine ordentliche viersätzige Sinfonie schreibt, sondern ebenso, wie man Symphonische Dichtungen so zusammen bindet als sei’s ein Sinfoniesatz mit ‘charakteristischen Elementen’. Der sinfonische Atem zeigt sich bereits in der noch in Leipziger Zeit entstandenen Ersten Sinfonie D-Dur op. 4, in der nationale Elemente in Melodik und Harmonik primär im dritten Satz herein schnuppern. Etwas mehr nach den von Grieg ironisch angesprochenen norwegischen Kuhfladen klingt die Zweite Sinfonie B-Dur op. 15, doch auch hier werden nationale Färbungen nicht effektvoll ausgestellt, sondern unter einen (im Vergleich zur Ersten Sinfonie) lockerer gewebten sinfonischen Bogen klassisch-romantischer Ausgewogenheit und Farbigkeit gespannt.

Bezüglich des vorgestellten Repertoires betritt man wirkliches Neuland aber vor allem mit den einsätzigen Symphonischen Dichtungen und (Konzert-)Ouvertüren. Da gibt es einen ‘Nordischen Künstlerkarneval’ op. 14, dessen gute Laune nur von dem ‘Karneval in Paris’ op. 9 übertroffen wird. Dazwischen hört man Svendsens Symphonische Dichtung ‘Romeo und Julia’ op. 18, ein handwerklich sauber gearbeitetes Stück ohne emotionale Extreme, aber Farbigkeit und einem steten Zug nach vorn. Neben den vier ‘Norwegischen Rhapsodien’ opp. 17, 19, 21 und 22, ‘Zorahayda’ op. 11, der ‘Festpolonaise’ op. 12 und dem ‘Andante funèbre’ kann vor allem das ‘Symphonische Vorspiel’ zu Bjørnstjerne Bjørnsons ‘Sigurd Slembe’ op. 8 begeistern, in dem es vor lisztschen, recht verschrobenen Charaktermotiven nur so wimmelt.

Svendsens sinfonische Werke zeigen eine handwerklich tadellose Instrumentation, klare Linienführung, manch kontrapunktische Würze, und vor allem: zwischen klassischer Ausgewogenheit und romantischer Farbgebung immer wieder richtig gute Ideen, eingebettet in einen rhythmisch bewegten Fluss.

Stumpf und dumpf

 

Leider aber erscheinen die vielen schönen Seiten dieser Musik in der Lesart Terje Mikkelsens zusammen mit dem Lettischen Nationalen Symphonieorchester nicht in rechtem Licht. Mikkelsen und sein Ensemble liefern ordentliches Handwerk ohne gravierende Fehlschläge ab. Erkauft wird die Fehlerlosigkeit jedoch über eine Interpretation, die über weite Strecken über eine disziplinierte Darstellung des Notierten nicht hinaus kommt. Svendsens Orchestersazz, das gerade in den früheren Stücken bestimmt ist von Sequenzierungen und davon, dass rhythmische Modelle durch Stimmgruppen laufen, sollte in der klanglichen Darstellung aufgefangen werden durch Farbänderungen, kleine agogische Widerstände, einfach: eine subtile Modellierung des Orchesterklangs. Genau das aber ist über weite Strecken hier kaum zu hören. Mit ausgeprägtem Bassfundament wirkt der Orchesterklang stumpf und farblos, wenn nicht gerade ein Oboensolo mit seiner Eigenfarbe in den Vordergrund tritt. Zweifellos gelingen Mikkelsen und seinem Orchestern manch wirklich poetische Momente (etwa in ‘Zorahayda’ oder in der Zweiten Sinfonie), aber diese tragen nicht sehr weit. Um diese Musik wirklich sinnlich zu machen, sie zum Klingen zu bringen, bräuchte es einen wie Ole Kristian Ruud und das Philharmonische Orchester Bergen.

Die zwar handwerklich sauberen, aber kaum fesselnden Interpretationen werden zudem von der Tontechnik in einen Klang gehüllt, der kaum Tiefenstaffelung des Orchesters präsentiert. Man hat den Eindruck, der ziemlich dumpf und farblos klingende Orchesterklang hätte kaum Raum, um sich entfalten zu können.

Schade, dass hier eine Chance vertan wurde, die mitunter sogar glänzenden, über weite Teile aber durchweg blitzsauber gearbeiteten sinfonischen Werke Johan Svendsens in einer ebenso hochkarätigen Klanggestalt zu präsentieren. Dennoch: Es lohnt, die Werke genau anzuhören. Svendsens Stücke sind einfach zu gut, als dass eine recht oberflächliche Klangdarstellung das Wichtigste unterschlagen würde. Svendsen ist nicht Debussy.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Svendsen, Johan: Sinfonien Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
3
20.03.2008
Medium:
EAN:

CD
761203737222


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Svendsen, Johan
 - Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 4 - Molto Allegro
 - Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 4 - Andante
 - Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 4 - Allegretto scherzando
 - Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 4 - Finale. Maestoso-Allegro assai con fuocco
 - Sinfonie Nr. 2 B-Dur op. 15 - Allegro
 - Sinfonie Nr. 2 B-Dur op. 15 - Andante sostenuto
 - Sinfonie Nr. 2 B-Dur op. 15 - Intermezzo. Allegro giusto
 - Sinfonie Nr. 2 B-Dur op. 15 - Finale. Andante-Allegro con fuocco
 - Norsk Kunstnerkarneval op. 14 -
 - Romeo og Julia op. 18 -
 - Karneval i Paris op. 9 -
 - Zorahayda op. 11 -
 - Festpolonese op. 12 -
 - Andante funebre -
 - Ifjol gjaett´ e gjeitinn op. 31 -
 - Norsk Rapsodi No. 1 op. 17 -
 - Norsk Rapsodi No. 2 op. 19 -
 - Norsk Rapsodi No. 3 op. 21 -
 - Norsk Rapsodi No. 4 op. 22 -


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Dirigent(en):Mikkelsen, Terje
Orchester/Ensemble:Latvian National Symphony Orchestra


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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