> > > Beethoven: Frühe Klavierkonzerte: 0. und 2. Klavierkonzert, Konzertrondo
Sonntag, 29. Mai 2022

Beethoven: Frühe Klavierkonzerte - 0. und 2. Klavierkonzert, Konzertrondo

Beethoven der Schüchterne


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Solistin am Klavier, Anette Töpel, überzeugt durch ihr hohes technisches Vermögen, das Orchester leistet gute Arbeit, besonders vor dem Hintergrund, dass es sich großteils um ein Laienorchester handelt.

Aufschlussreiche Werkauswahl

Unter der Leitung von Matthias Enkemeier hat sich das Harleshäuser Kammerorchester Beethovens zweitem Klavierkonzert in B-Dur op. 19, das sogenannte „nullte“ Klavierkonzert in Es-Dur (WoO 4) und eine werkgeschichtlich frühere Version des Finalrondos des zweiten Klavierkonzertes B-Dur erarbeitet. Das Booklet gibt kurzen Aufschluss über die Entstehung der Werke. Obwohl das Klavierkonzert in B-Dur heutzutage allgemein als Zweites in der Werkchronologie eingeordnet wird, steht die Komposition jedoch, aufgrund ihrer langen Entstehungsgeschichte mit insgesamt 4 Fassungen, in der Zeitlinie der Klavierkonzerte Beethovens als Erstes. Demzufolge würde das nach heutiger Zählung erste Klavierkonzert in C-Dur op.15 streng genommen seine chronologische Gültigkeit verlieren. Die vorangegangene Version des Finalrondos wird auf dem Tonträger separat vorgestellt, so dass ein Vergleich und etwaige Spekulationen über Beethovens Änderungen möglich sind. Das Es-Dur Konzert wird im Text besonders hervorgehoben. Als „echte Rarität“ erweist sich das Werk nicht nur, weil es Beethoven im zarten Alter von 14 Jahren (1784) komponiert hat, sondern weil die überlieferte Abschrift Beethovens, ursprünglich in der Gestalt als Werk für Klavier solo, eine Rekonstruktion der verlorengegangenen Orchesterpartitur erlaubte. So findet man auf der CD eine von dem Musikwissenschaftler Willy Hess rekonstruierte Orchesterversion vor. Seine Rekonstruktion basierte auf den von Beethoven handschriftlich eingetragenen Orchesterabschnitten als eine Art Klavierauszug.

Kein Salz und Pfeffer

Das Kammerorchester kommt mit seinen insgesamt dreizehn Violinen, drei Bratschen, drei Celli, einem Kontrabass, sowie einer Flöte, einer Oboe und zwei Fagotten und Hörnern einer historischen Aufführungspraxis sehr nahe, auch hat das Orchester entsprechend seiner Besetzung mit der Erlöserkirche Kassel-Harleshausen in Größe und Raumklang einen geeigneten Konzertort bzw. Aufnahmeort gewählt. Die Solistin Anette Töpel überzeugt durch hohes technisches Können. Auch die Qualität des Orchesters ist gut, keine Selbstverständlichkeit für ein Orchester, welches teilweise aus Berufsmusikern, Musikstudenten und ambitionierten Laienmusikern besteht. So erfreut sich der Hörer an einem transparenten, warmen Klangkörper, getragen vom Raumklang der Kirche. Obwohl dem Orchester offenbar nur ein kleines Budget zur Verfügung stand, ist es ihm gelungen die technischen Voraussetzungen zu schaffen, um den Orchester- und Raumklang vorteilhaft einzufangen. Somit sollte auch die Interpretation der Beethoven-Werke zur Geltung kommen.

Dennoch überzeugt die Aufnahme leider nur bezüglich der instrumentalen Fertigkeiten des Orchesters und der Pianistin. Das Zusammenspiel beider Akteure ist gut, das Orchester intoniert sehr sauber, und die Pianistin überwindet nahezu mühelos die schnellen Linien des B-Dur-Konzertes. Es gelingt aber nicht, die für Beethoven-Interpretationen so wichtigen dynamischen Differenzierungen über die gesamte Bandbreite deutlich zu artikulieren. Die Musik wirkt nicht lebendig, der Hörer erfährt nicht die konträren Stimmungen, die Beethoven der Musik verliehen hat. Es fehlt folglich wesentlich an dynamischen Kontrasten; die Musik scheint nicht von den Emotionen der Musiker erfüllt zu sein, sprichwörtlich fehlt das Salz in der Suppe. Es ist unklar, ob diese Weise der Interpretation vom Dirigenten so beabsichtigt wurde. Denkbar wäre natürlich auch, dass es trotz der genügenden technischen Ausrüstung nicht gelungen ist, die Feinheiten der Interpretation einzufangen. Insgesamt wirkt sich dies bedauerlicherweise auf die Gesamtqualität der CD negativ aus. So bleibt ein durchaus werkgeschichtlich interessantes Angebot. Nur passt zu dieser Interpretation das Bild eines introvertierten, schüchternen Beethoven wohl besser als das allgemein Übliche.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven: Frühe Klavierkonzerte: 0. und 2. Klavierkonzert, Konzertrondo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Musicaphon
1
09.01.2008
73:20
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4012476568829
M56882


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"Für kein anderes Instrument hat Beethoven mehr konzertante Werke geschaffen als für das Klavier, die Klavierkonzerte sind in erster Linie für den eigenen Gebrauch, für seine Auftritte als Solist entstanden. Im Gegensatz zur Sonate, zum Klaviertrio und zu den diversen anderen Gattungen der Kammermusik, die bei ihrer Aufführung nicht unbedingt Zuhörer verlangen, die man auch „nur für sich“ spielen kann, gehört das Instrumentalkonzert zu den Gattungen, die sich an ein Publikum wenden. Es ist eine Gattung, die in direkter Beziehung zum öffentlichen Musikleben steht, und sie bietet dem Solisten (natürlich auch dem Komponisten, mehr noch beiden, sofern sie - wie bei Beethoven - eine Personalunion bilden) ein Forum, welches den staunenden Hörern die Leistungen als virtuoser Pianist und als Komponist präsentiert. Die vorliegende CD enthält als Ersteinspielung eine echte Rarität, nämlich die Fassung für Klavier solo des von Beethoven im Alter von 14 Jahren 1784 in Bonn komponierten Klavierkonzerts Es-Dur (WoO 4). Dieses dreisätzige Werk wurde erstmals 1888 im Supplement der Alten Beethoven-Gesamtausgabe veröffentlicht und zwar in der einzig überlieferten Gestalt als Werk für Klavier solo, wie es auf dieser CD zu hören ist. Dieses erstaunliche Frühwerk erfreut immer wieder mit sehr reizvollen Ideen und gewinnt durch seine virtuose Spielfreude, dabei stellt es nicht immer bequeme Anforderungen an den Pianisten. Es ist dokumentiert, dass der jugendliche Beethoven selbst dieses Werk in Bonn vorgetragen hat. Wen wundert es, dass der spätere Titan des Klaviers schon damals über eine bemerkenswerte pianistische Technik verfügte."


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Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


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