> > > Haydn, Joseph: Klaviersonaten Nr. 19, 50, 58, 59
Sonntag, 28. November 2021

Haydn, Joseph - Klaviersonaten Nr. 19, 50, 58, 59

Eine Haydn-Freude


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ragna Schirmers zweites Haydn-Album vereint klangliche Sinnlichkeit mit formaler Sinnhaftigkeit zu hohem ästhetischen Genuss.

Zugegeben, der Titelwortwitz ist abgegriffen, doch beschreibt er den Eindruck, den man beim Hören von Ragna Schirmers jüngster, bei Berlin Classics erschienener Doppel-CD erhält, einfach am zutreffendsten. Dass die gebürtige Hildesheimerin sich nicht nur auf das Klavierwerk Joseph Haydns (1732-1809) versteht, sondern auch auf Barock, Romantik und Moderne, hat sie bislang auf sieben Einspielungen gezeigt. Mit der achten kehrt sie zu dem niederösterreichischen Original aus Rohrau zurück. In rund 108 Minuten Musik führt Schirmer Bekannteres und Unbekannteres des Meisters zusammen, vier Sonaten, 12 Menuette, zwei Variations- und zwei weitere Einzelsätze.

Leicht fällt es nicht, im Spiel der fünfzehnfachen Wettbewerbsgewinnerin Ansätze zu finden, die noch auf Verbesserungswürdiges hinweisen könnten, wenn es nicht sogar fast unmöglich ist. Schon der viermalige Eröffnungsvorschlag der Sonate Nr. 50 D-Dur Hob. XVI: 37 tönt brillant, indem er als eine Art Tor in die bunte Formenwelt der Wiener Klassik einführt. Nicht erst im Verlauf der Aufnahme merkt man, hier wird jeder Ton mit Bedacht gesetzt, ohne dass dabei irgendetwas aufgesetzt wirkt. Schirmers ungemein sorgfältige wie klare Interpretation kitzelt aus jedem einzelnen Satz das ihm innewohnende Maß an Individualität heraus, welches bei anderen Interpreten dieser Werke oft verborgen bleibt. Das Ergebnis verblüfft alle Aufrechterhalter des Klischees, bei Haydn gebe es nur einen Tonfall, nämlich den unentwegt heiter vor sich hin sprudelnden. So fördert die ernste Leichtigkeit der 1972 Geborenen im Largo der D-Dur Sonate eine unterkühlte, eigentlich typisch Bachsche Logik zutage. Und in der neunminütigen epischen Dreiteiligkeit des Adagio e cantabile aus der Sonate Nr. 59 Hob. XVI: 49 kann man im Mittelteil mit seinen schroff niederfahrenden Oktaven im Bass den Schubert im Haydn entdecken. Auf diese Weise erscheint bei Schirmer die Aussage des großen Haydn-Forschers Georg Feder (1927-2006), jeder einzelne Satz aus Haydns 68 Streichquartetten dürfe hohen, manchmal höchsten ästhetischen Wert beanspruchen, auch für das Klavierwerk nachvollziehbar.           

Wahrscheinlich passt Schirmers Personalstil aber auch darum so gut zu Haydns Klavierwerk, weil sie hier ihre herausragenden Fähigkeiten zur Strukturierung komplexer Satzverläufe unter Beweis stellen kann, denn nicht selten beginnt in den insgesamt 52 Sonaten die thematisch-motivische Arbeit bereits in der Exposition. Gleichzeitig jedoch stellt sich ihr klangschönes Spiel voll in den Dienst der musikalischen Dramaturgie, so dass sich selbst die vermeintlich reinen Unterhaltungszwecken dienenden 12 Menuette, die sogenannten ‘Katharinen-Tänze’ Hob. IX: 11, als vollgültige Vertreter der Klavierliteratur des 18. Jahrhunderts genießen lassen. Dabei sind die Tempi stets passend gewählt. In den zügig genommenen Allegro-Sätzen findet man an geeigneten Stellen gelegentlich ein Ritardando, während langsamere Passagen getragen voran schreiten.

Bei aller Arpeggien- und Verzierungsherrlichkeit – man achte auf das g-Moll Andante Hob. XVI: 11 II – hätten die sechs Variationen über ‘Gott erhalte Franz den Kaiser’ Hob. III: 77 gerne durch einen unbekannteren Variationensatz ersetzt werden können. Dieser wohl populärste aller Haydn-Sätze, den man im Original aus dem sogenannten ‘Kaiserquartett’ kennt, klingt noch auf dem Klavier nach Länderspieleröffnung. Obendrein büßt er in dieser Version zuviel an der Kantabilität ein, die ihn im Original für Streichquartett von seiner historischen Belastung erlöst.  

Insgesamt jedoch stellt Ragna Schirmers jüngste Einspielung vielleicht einen kleinen Meilenstein in der Interpretationsgeschichte Haydnscher Klavierwerke dar, denn man vergisst beim Hören das, was die Musik des Maestros so einzigartig ordnet: die Zeit.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Haydn, Joseph: Klaviersonaten Nr. 19, 50, 58, 59

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Berlin Classics
2
14.03.2008
118:15
2008
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
782124163020
0016302BC


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Interpret(en):Schirmer, Ragna (Klavier)


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"Joseph Haydn Revisited - Als Ragna Schirmer vor sechs Jahren für ihre erste Haydn-Aufnahme der Klassik-ECHO verliehen wurde, war das alles andere als Zufall: Dieses Album war zweifellos etwas Außergewöhnliches, denn so kontrastreich und einfühlsam, so ehrlich und vielsagend hatte man Haydn kaum je wahrgenommen. Nun wendet sich die Pianistin dem großen Wiener Klassiker erneut zu und hat eine weitere persönliche Auswahl unterschiedlichster Werke aufgenommen. In lockerer Folge stehen Sonaten neben Variationen - diesmal dabei auch jenen über die Hymne „Gott erhalte“ -, und für eine große Überraschung dürften die selten gespielten sogenannten „Katharinen-Menuette“ sorgen, die sich unter ihren Händen als höchst reizvolle Miniaturen erweisen. Ragna Schirmer gelingt es in ihrer Interpretation, jede Phrasierung organisch bis in die feinsten Nuancen auszuformen und damit selbst Überleitungsfi guren jede bloße Beiläufi gkeit zu nehmen: Ein faszinierender Haydn, fesselnd von der ersten bis zur letzten Note. „Ragna Schirmers Ton glänzt geheimnisvoll wie heller Marmor. Sie wagt ein Versinken und Versinnen wie kaum ein anderer Musiker.“ (Süddeutsche Zeitung über die erste Haydn-CD Ragna Schirmers)"


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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