> > > Stravinsky, Igor: The Rake´s Progress
Montag, 18. Oktober 2021

Stravinsky, Igor - The Rake´s Progress

In der Spielhölle


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der kanadische Regisseur Robert Lepage macht Igor Strawinskys ‘The Rake’s Progress’ zu einem einmaligen Erlebnis von cineastischer Qualität.

Die Oper ist immer ein Spiel mit der Zeit, Zeit, die mit Musik gefüllt, ausgedehnt oder überbrückt wird. Ein Regisseur, der dieser Ebene die des Raumes hinzufügt, muss sich der besonderen Bedeutung der Zeit für die Oper bewusst sein, denn eine Inszenierung lebt vor allem von den ‘Zeitensprüngen’, von der Durchdringung der Epochen.

Wie also eine Oper am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts inszenieren, die in der Nachkriegszeit des letzten entstanden ist, und die im achtzehnten Jahrhundert spielt? Robert Lepage hat für seine Deutung von Igor Strawinskys Oper ‘The Rake’s Progress’, die 2007 an der Brüsseler Oper La Monnaie lief, ein ganz besonderes Zusammenspiel von Raum und Zeit entwickelt. Das Ergebnis ist nun auf einer DVD zu bewundern, die jüngst bei Opus Arte erschienen ist.

Strawinskys Oper basiert auf einem satirischen Zyklus von Sittengemälden des englischen Malers William Hogarth. Wo im achtzehnten Jahrhundert noch London als Ort der Versuchung und des Verruchten galt, schrieb Strawinsky seine Oper Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts im Amerika der Nachkriegszeit, in dem Ausschweifung und Sinnlichkeit synonym mit Las Vegas waren. So situiert Lepage die Oper in der Zeit ihrer Entstehung und deckt gleichzeitig die Einflüsse Hollywoods auf die Zeiteinteilung der Komposition auf. Wie in einem Film gibt es hier Rückblenden, Zeitsprünge und Überblendungen gleichzeitiger Handlungen, die Lepage handwerklich so perfekt inszeniert, dass man vergisst, man habe es hier mit einer Opernbühne zu tun. Wenn Anne sich im zweiten Akt auf die Suche nach ihrem Tom macht, so tut sie das automobilisiert, mit links und rechts vorbeibrausenden Autos und wehendem Schal, der die Ästhetik eines Hitchcockfilms ins Gedächtnis ruft.

Die Idee, Oper mit den Mitteln des Kinos und des Fernsehens zu inszenieren, ist im Ansatz zwar nicht neu, aber selten so überzeugend und natürlich realisiert wie in dieser Produktion. Zudem entstand das Werk in der Zeit des aufkommenden Fernsehens, in dem Strawinsky eine Wunderwaffe der Demokratisierung und der kulturellen Zivilisierung sah. Dass es sich – wie die Brotmaschine Rakewells – als kommerzieller Fetisch entpuppen sollte, war damals noch nicht vorauszusehen. Was also liegt näher, als eben diese Brotmaschine, die Tom Rakewells finanziellen Ruin bedeuten sollte, als archetypischen Fernseher zu verstehen.

Das Kartenspiel um Toms Seele findet schließlich in einer abgewrackten Spielhölle in Las Vegas statt – da hat es Teufel Nick Shadow nicht mehr weit nach Hause. Tom gewinnt zwar das Spiel, aber der Gewinn ist ephemer: er verfällt dem Wahnsinn und steht am Schluss mit gebrochenem Herzen ohne seine Anne da.

Musikalisch entspricht die Produktion dem gewohnt hohen Niveau der Brüsseler Monnaie. Kazushi Ono führt sein Orchester unaufgeregt und höchst präzise durch die ironischen Brechungen der Partitur: klanglich und mit soviel rhythmischer Verve ist diese Aufnahme ein Genuss. Die exzellenten Solisten stehen da nicht zurück: Andrew Kennedy ist ein darstellerisch wie stimmlich überzeugender Tom, der virtuos zwischen Bruder Leichtsinn, dem Wüstling und dem reuigen Sünder hin und herschwenken kann. Ihm zur Seite steht mit Laura Claycomb eine Anne mit ausdrucksstarkem Sopran, die in ihrer Stimme die Wärme und Reinheit der Person ausgezeichnet wiedergibt. William Shimell als Nick Shadow ist fast schon auf die Rolle abonniert, so souverän mimt er die Winkelzüge des modernen Mephistos. Dagmar Peckova schließlich als Türken-Baba begeistert vor allem durch ihren Spielwitz und ihren umwerfend gespielten Akzent.

Eine filmische Umsetzung der Opernproduktion liegt selten so nahe wie in Lepages Inszenierung, und optimale Klangausleuchtung und Kameraführung lassen vergessen, dass man es hier mit einem Livemitschnitt einer Opernaufführung zu tun hat. Von den Schwierigkeiten, die Strawinsky im Zusammenhang mit der szenischen Umsetzung seines ‘Rake’s Progress’ benannt hat, ist in dieser aufwendigen Produktion nichts mehr zu spüren, und der Hörer erlebt, was auf der Opernbühne selten zu sehen ist: ganz großes Kino.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:






Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Stravinsky, Igor: The Rake´s Progress

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
2
18.01.2008
Medium:
EAN:

DVD
809478009917


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Opus Arte

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