> > > Schweitzer, Anton: Alceste
Dienstag, 30. November 2021

Schweitzer, Anton - Alceste

Eine deutsche Alceste


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Dirigent Michael Hofstetter und ein glänzendes Solisten-Quartett mit der überwältigenden Simone Schneider an der Spitze begeistern sich selbst und den Hörer für ein vergessenes Opern-Juwel.

Schweitzers und Wielands ‚Alceste’ ist zum Zeitpunkt ihrer Uraufführung im Jahr 1773 wirklich etwas Einmaliges: Ein fünfaktiges deutsches Singspiel nach Euripides ohne gesprochene Dialoge. Im Auftrag der Herzogin Anna Amalia schuf kein geringerer als Christoph Martin Wieland ein deutschsprachiges Opernlibretto, das für die bescheidenen Verhältnisse des Weimarer Hoftheaters geeignet war und ein neuartiges Konzept des zeitgenössischen Musiktheaters darstellte. Einzig vier Charaktere durchleben die Tragödie und ein kleiner Chor macht an einer einzigen Stelle der Oper klanglichen Effekt. Dass Wieland seine ‚Alceste’ als Singspiel bezeichnet ist aus dem heutigen Verständnis heraus irreführend, denn mit dem seit den frühen 1760er Jahren entwickelten vornehmlich heiteren deutschen Singspiel-Konzept hat die ‚Alceste’ nur die deutsche Sprache gemein. Wieland begründet vielmehr ausdrücklich eine deutsche Form des damaligen von Italien dominierten Musiktheaters. Obwohl er sich in seinem formalen Grundgerüst an den Libretti Metastasios orientiert, findet er eine ganz eigene, homogene Verbindung von Form und Inhalt. Es wechseln sich zwar Arien und Rezitative ab, aber durch ausgedehnte Accompagnati sind die Grenzen fließend und inhaltlich sind die Momente von Handlung und Affekt in beiden Formen zu finden. Es entstehen Handlungsarien, wie Alcestes Anrufung der Götter im ersten Akt, und seelische Einblicke im Rezitativ. Überhaupt sind Emotionalität und die Sprache des Herzens die zentralen Themen in Wielands Versen.

Die Musik dieser literarisch hochwertigen Oper stammt von dem nahezu vergessenen Komponisten Anton Schweitzer, den Wieland zur Vertonung seiner Libretti Gluck und Mozart vorzog, die beide den Dichter um eine Zusammenarbeit baten. Kaum auszumalen, was Mozart aus diesen Versen herausgeholt hätte. Aber kein Grund zu klagen, denn Schweitzers Musik ist uneingeschränkt phantasievoll, abwechslungsreich und gehaltvoll. Da erklingen gewagte chromatische Modulationen und erschütternde Melodiebögen wie sie später ein Bellini nicht besser hätte schreiben können. Sein musikdramatisches Gespür beweist Schweitzer in einer effektvollen Totenopfer-Szene zu Beginn des fünften Aktes, wenn der Chor als Echo von Admet und Parthenia fungiert.

Die vorliegende Einspielung lässt keinen Moment ungenutzt, den Zuhörer für Schweitzers Komposition zu begeistern. Das virtuos aufspielende Concerto Köln unter der engagierten Leitung von Michael Hofstetter hat hörbares Vergnügen an den schroffen Klängen der Barockgitarren, den ätherischen Melodiebögen, spannungsgeladenen Dissonanzen und dem strahlenden Miniatur-Pomp der farbenreichen Partitur. Und zuletzt steht dem Dirigenten ein glänzendes Solisten-Quartett zur Verfügung, das allen Hürden seiner Partien bewundernswert gewachsen ist. Der junge Bassist Josef Wagner ist ein munterer, kerniger Herkules und Christoph Genz ein lyrisch leidender Admet. Sein klangschöner Tenor bewegt sich mühelos durch Koloraturläufe und wirkt nur selten etwas blass. Dieser Admet setzt zwar keine Glanzlichter, aber diese mehr als solide Leistung verdient Anerkennung.

Die beiden Damen sind von einem anderen Kaliber. Cyndia Sieden schmeichelt sich als Parthenia mit einer beneidenswerten Leichtigkeit ins Ohr des Zuhörers. Blitzsaubere Koloraturen, schwebende Piani und eine fast schon instrumental geführte Gesangslinie zeichnen ihre Rollengestaltung aus. Leider bleibt sie der textlichen Ebene Einiges schuldig, was besonders durch die vorbildliche Diktion ihrer drei Kollegen aus dem Rahmen fällt.

Das Beste zum Schluss: Simone Schneider als Alceste ist ein Phänomen. Diese mörderische Partie macht sie sich derart zu eigen, dass Text, Musik und Interpretation nicht mehr zu trennen sind. Ihr durchaus dramatischer Koloratursopran vereint alle Vorzüge berühmter Fachkolleginnen in sich. Vergleiche hinken oft, und Simone Schneider ist so authentisch, dass sie keinen Vergleich nötig hat. Und dennoch meint man, den dramatischen Impetus einer Edda Moser herauszuhören, jedoch ohne jegliche aggressive Schärfe, und die satte, strahlende Höhe erinnert an die Konkurrentin Diana Damrau, mit dem Unterschied, dass Simone Schneider auch in der Mittellage und Tiefe über wesentlich mehr Klangvolumen verfügt. Als Alceste muss sie alles bewältigen: Extreme Höhe und extreme Tiefe, und das nicht nur stichprobenartig. Über lange Passagen hinweg lotet Schweitzers Musik die seelische und stimmliche Verfassung seiner Protagonistin aus. Die Schneider klingt in jeder Lage überzeugend. Der Titel einer lyrisch-dramatischen Koloratur-Soubrette mit Mezzo-Ambitionen wäre kaum treffender zu vergeben.

Das Label Berlin Classics hat mit dieser Live-Montage vom Oktober 2007 ein wahres Juwel der Musiktheater-Geschichte einem breiten Publikum zugängig gemacht. Es bleibt zu hoffen, dass zahlreiche Opernfreunde auf diese Veröffentlichung aufmerksam werden. Im Juli diesen Jahres gastiert diese Produktion noch einmal bei den Ludwigsburger Festspielen: Hingehen, anschauen und ‘Ohren machen’!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schweitzer, Anton: Alceste

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Berlin Classics
2
30.01.2008
149:12
2008
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
782124162221
0016222BC


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"1773 schrieb Christoph Martin Wieland das Libretto zur Oper „Alceste“, im selben Jahr wurde die Oper mit der Musik des heute nahezu vergessenen Komponisten Anton Schweitzer in Weimar uraufgeführt. Die Besonderheit der von Herzogin Anna Amalia geförderten Oper, die ihr in der Musikgeschichte ein gewichtiges Kapitel einräumt, ist die Bezeichnung „erste Oper in deutscher Sprache“. Dem Opus ist zu wünschen, dass die Aufführung in Weimar den Anstoß gibt, dieses einst vielaufgeführte Werk auch auf die heutigen Opernbühnen zurückzuholen. Das antike Drama um Alceste wird von Wieland kammerspielartig auf vier Gesangspartien reduziert: Alceste, die liebende Gattin, rettet den todkranken Admet durch ihre Bereitschaft, an seiner Stelle zu sterben. Admet, ihr Gatte, droht in Depressionen über den Opfertod zu versinken. Doch der helfende Herkules holt sie entschlossen aus der Unterwelt zurück. Parthenia, die Schwester Alcestes, übernimmt den tröstenden und ausgleichenden Part, als Admet vom Tod Alcestes vergrämt, vor Kummer sterben will. Aber keiner der Protagonisten sinkt ins tiefe Pathos oder verliert sich in bühnenhaft steifen Posen der Tragik. Die Welt schrieb nach der Premiere in Weimar: Aber in diesem Moment und an diesem Ort entfaltet das Singspiel eine elementare Kraft. …Das funktioniert deshalb, weil man in Weimar das Stück ernst nimmt, sich keinen musikalischen Spaß erlaubt, sondern einem wackeren und in seinem idealistischen Humanismus anrührenden Werk die Ehre erweist. … Dieses geschichtsträchtige Ereignis verdient es in jedem Fall, auf CD und DVD festgehalten zu werden und einer breiten Hörerschaft zugänglich zu sein. Jeden Opernliebhaber müssen die musikalischen und dramatischen Qualitäten der Oper Alceste begeistern. Die höchst anspruchsvollen Partien meistern die vier Sänger mit Bravour. Cyndia Sieden, ausgewiesene Spezialistin für Koloraturarien, kann hier in der ungemein anspruchsvollen Rolle der Parthenia in höchster Form brillieren. Simone Schneider, die Titelpartie, versteht es mit ihrem klangschönen Sopran der Rolle der Alceste eine anrührende Zartheit und gleichzeitig raumfüllende Präsenz zu verleihen. Christoph Genz in der Rolle des leidenden Admet bildet mit seinem klaren lyrischen Tenor einen wunderbaren Gegenpart. Beachtlich ist der junge Bass Josef Wagner in der Rolle des Herkules, der alle Tugenden vereint, die ein Sänger für die Opernbühne besitzen sollte: eine großartige Stimme, ein ausgesprochenes darstellerisches Talent und eine beeindruckende Präsenz. Das international renommierte Ensemble Concerto Köln, gerade als Ensemble des Jahres mit dem Echo Klassik ausgezeichnet, assistiert mit einfühlsamer Brillanz unter der Leitung von Michael Hofstetter, einem ausgewiesenen Spezialisten für authentische Aufführungspraxis und Barockmusik."


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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