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Samstag, 25. September 2021

KWARTLUDIUM - Polish Contemporary Music

Malochende Moleküle


Label/Verlag: DUX
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Hier liegt eine CD vor, die zwar noch nicht rundum gelungen ist, gleichwohl Erwartungen an die Zukunft weg.

Nicht wenige polnische Komponisten haben eine international anerkannte Position in der zeitgenössischen Musik erlangt. Die wichtigsten braucht man fast nicht zu nennen: Henryk Mikolaj Gorecki, Krzysztof Penderecki und Witold Lutoslawski. Sie werden nicht nur von Freunden der zeitgenössischen Musik geschätzt, mehr oder weniger, sie sind auch einem größeren Publikum bekannt. Sie sind allerdings entweder bereits verstorben, wie Lutoslawski, oder sie haben ihren bedingungslosen Willen zum künstlerischen Ausdruck gegen Routine eingetauscht, wie Penderecki.

Einen kleinen Überblick über eine andere Komponistengeneration gewährt jetzt eine vom polnischen Label ,Dux’ herausgebrachte CD mit dem Ensemble ,Kwartludium’. Mit einer Besetzung aus Violine, Klavier, Klarinette und Schlagzeug bietet das Quartett Kwartludium ausgezeichnete Möglichkeiten. In mehreren der eingespielten Kompositionen kommt ein Tonband dazu, in einer hilft auch ein Cello aus. Das ,cool’ aufgemachte Booklet zeigt das Quartett in vier intellektuell-coolen Posen, es verzichtet allerdings auf eine nähere Vorstellung der Komponisten, jeder erhält nur wenige, nicht sehr aussagekräftige Zeilen. Das ist bedauerlich, zumal auch die Recherche im Internet mangels Polnischkenntnissen wenig Erfolg verspricht. Hier wurde leider zuviel zugunsten einer Selbstdarstellung des Quartetts verschenkt. Die Interpretationen gelingen ,Kwartludium’ atmosphärisch und klangschön. Der Schwerpunkt liegt, entsprechend dem größten Teil der Kompositionen, auf der Herausarbeitung des Klangs, was dem Quartett scheinbar spielend leicht gelingt.

Klangstücke

Das Booklet verrät immerhin, dass es sich um junge Komponisten handelt, was auch an der noch nicht vollkommen entwickelten musikalischen Sprache zu hören ist. Wojciech Ziemowit Zychs ,Stale obecna tesknota’ entspricht dem, was man von Komponisten seiner Generation gewohnt ist – ein klangorientiertes Denken, ein ruhige Stille mit Glissandi, in die mächtige Akkorde hinein brechen. Jan Duszynski präsentiert in seinem kurzen Stück ,Le grande Illusion’ eine fortwährende Repetition, die vom Klavier immer wieder abgebrochen wird. Das Stück hat einen schönen, poetischen Klang, ist aber eigentlich bloß eine Idee. Aleksandra Gryka nimmt in ihrem ,Ambeoidal MTOCS’ ein Tonband hinzu, und der volle, bisweilen wilde, sprunghaft-impulsive Klang ist wohl das, was man sich unter cooler Musik vorstellt. Auch Bartosz Kowalski-Banasewicz’ ,Micro-circulation’ ist ein Klangstück, eigentlich ein Klang, der im Ablauf der Zeit verändert wird. In diesem Umfeld wirkt Maciej Jablonkis ,e’, das mit traditionellen Elementen wie Skalen, Höhepunkten und Wiederholungen arbeitet, das eine richtige Form hat, viel interessanter. Einen starken, berührenden Ausdruck hat Aleksander Kosciów mit ,Ore Osse Oculo’ gefunden, einem impressionistischen, dichter werdenden Klangwerk. ,Odludium’ von Anna Pecherzewska ist wieder ein solches, diesmal mit geisterhaft fahlen Klängen. Seweryn Scibiors ,Mirage’ orientiert sich etwas an der Minimal Music, und Adam Falkiewicz’ Kurzkomposition ,Psychodramen II’ bietet nicht mehr als ein paar aneinander gereihte Ideen ohne Entwicklung.

Bilder als Partitur

Einige der Kompositionen sind graphisch notiert, das Quartett hatte sich also bei der Interpretation auch an Farben und Formen zu orientieren. Es fand so viel Vergnügen daran, dass es einen Schritt weiter ging, auf Partituren verzichtete und stattdessen Bilder interpretierte. Sieben davon sind auf der CD eingespielt und im Booklet gedruckt. Es sind sehr passende und klangschöne Miniaturen gelungen. Pola Dwurniks ,Obiekt’ beispielsweise wird sphärisch-schwebend gespielt, Adam X’s ,Elementy stylu osmiornicowego’ (mit farbigen Punkten) bewegt-aktiv, rhythmisch – die Punkte werden gleichsam zu malochenden Molekülen. Nach dem hörenden Betrachten kann man sich die Bilder so wenig ohne Kwartludiums Musik vorstellen wie den ,Erlkönig’ ohne Schubert.

Hier liegt eine CD vor, die zwar noch nicht rundum gelungen ist, gleichwohl Erwartungen an die Zukunft weg.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Patrick Beck Kritik von Patrick Beck,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    KWARTLUDIUM: Polish Contemporary Music

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
DUX
1
29.04.2008
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
5902547005966
DUX 0596


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DUX

Das polnische Label DUX wurde 1992 von Malgorzata Polanska und Lech Tolwinski, beides Absolventen der Toningenieur-Fakultät der Frédéric Chopin Musikakademie in Warschau, gegründet. Hauptanliegen war die Produktion von Aufnahmen mit klassischer Musik, wobei man von Anfang an höchste Ansprüche an künstlerische und technische Standards stellte.Viele Aufnahmen von Dux erlangten sowohl in Polen als auch im Ausland breites Interesse bei Publikum und Kritik, die sich in zahlreichen Preisen und Auszeichnungen widerspiegelt.

Ein Schwerpunkt des Labels ist natürlich das reiche musikalische Erbe Polens, das weitaus mehr umfasst als Chopin oder Penderecki. Im Katalog finden sich daher neben bekannteren Namen wie Wieniawski, Szymanowski oder Lutoslawski auch zahlreiche hierzulande bislang weniger bekannte oder völlig unbekannte Komponisten von der Renaissance bis zur Gegenwart, wie Ignaz Jan Paderewski, der Klaviervirtuose und spätere Premier- und Außenminister der Zweiten Polnischen Republik oder Stanislaw Moniuszko, ein Zeitgenosse Verdis und Schöpfer der polnischen Nationaloper. Aber auch zahlreiche polnische Künstler, Ensembles und Orchester gilt es bei DUX zu entdecken, darunter international renommierte Namen wie beispielsweise die gefeierte Altistin Ewa Podles.


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