> > > Schostakowitsch, Dimitri: Odna
Samstag, 15. Dezember 2018

Schostakowitsch, Dimitri - Odna

Ankomponieren gegen die Zensur


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Schostakowitschs suggestive Musik zum Film ?Odna? in der vollständigen Ersteinspielung: energetische Interpretationen eines herausragenden Filmmusikopus?.

Die Zeiten, in denen die günstigen Preise des Labels ‚Naxos’ von vielen mit vermeintlich billiger Qualität gleichgesetzt wurden, sind endgültig vorbei. Während die Hochpreislabels unverschämt penetrant die heiligen Kühe auf der Weide des ständig abgegrasten Repertoires des klassischen Kanons melken, ist ‚Naxos’ immer bestrebt, wirklich Wichtigeres zu dokumentieren. Eine tondokumentarische Großtat hat es nun mit der Veröffentlichung der kompletten Ersteinspielung von Dmitri Schostakowitschs Filmmusik zu ‚Odna’ vollbracht. Die von Mark Fitz-Gerald rekonstruierte und restaurierte Partitur wird unter seiner Leitung vom HR-Radiosinfonieorchester Frankfurt und einer illustren Solistenschar kongenial umgesetzt.

Filmen im Fünf-Jahres-Plan

Nach dem erfolgreichen Skandal, den Dmitri Schostakowitschs Musik zum Film ‚Das neue Babylon’ von 1929 bei den Zensoren auslöste, war für die Macher des Films, Grigori Kozintsev und Leonid Trauberg, schnell klar, den Komponisten auch für deren neues Projekt, den Stummfilm ‚Odna’ (Allein) zu verpflichten. Die Dreharbeiten fielen in die Zeit des ersten Fünf-Jahres-Plans, was den Inhalt des Films stark beeinflusste: Erziehung, die Eliminierung der Kulaken und die Einführung fortschrittlicher Technologien waren zu Schlüsselgebieten der Politik geworden und werden im Film kritisch thematisiert. Die Leningrader Junglehrerin Yelena Kuzmina wird in das sibirische Altaigebirge versetzt, um die Kinder Schafzüchter zu unterrichten. Den Schuldienst dort tritt sie nur widerwillig an. Bei den Müttern und den Kindern ist sie bald beliebt, jedoch nicht bei denen, die im Dorf das Sagen haben. Yelena erkennt die korrupten Gaunereien der Machthaber und wird zum Opfer einer Intrige.

‚Odna’ war zunächst als Stummfilm geplant, wurde dann aber zu einem Tonfilm, besser gesagt: zu einem ‚klingenden Stummfilm’ umgearbeitet. Hauptanteil des Films war Schostakowitschs Musik, die einmal mehr von der Zensur beschnitten wurde. Bei der Belagerung Leningrads gingen darüber hinaus Teile der Partitur verloren. 1995 wurden bereits Ausschnitte der Musik zu ‚Odna’ eingespielt. Doch erst 2003 konnte Mark Fitz-Gerald, der rührige englische Filmmusik-Fachmann, durch Unterstützung von Irina Schostakowitsch die gesamte Partitur anhand einer erhaltenen Kopie der Tonspur restaurieren und für eine Live-Auführung des Films in Den Bosch präparieren. 2004 erfolgte die Veröffentlichung des restaurierten Films auf DVD mit der restaurierten Musik in Zusammenarbeit mit dem ZDF und ARTE. Nun legt ‚Naxos’ also die erste Einspielung der kompletten Filmmusik zu ‚Odna’ vor, die teils im Studio, teils während einer Live-Aufführung im Sendessaal des Hessischen Rundfunks entstand.

Versiertes Aufgebot

Der Aufwand, den Schostakowitschs Musik zu ‚Odna’ verlangt, ist enorm. Neben einem großen Orchester bedarf es dreier Gesangssolisten, Sopran, Mezzosopran und Tenor, eines Obertonsängers, eines Vokalensembles, einer Blaskapelle, eines Theremins und gar einer Drehorgel. Plakativ ist Schostakowitschs Musik und zugleich psychologisierend in der musikalischen Umsetzung von Seelenzuständen. In seinem eigenen Dirigat der restaurierten Filmmusik lässt Mark Fitz-Gerald energische Spannkraft walten, bündelt die so vielschichtige Partitur zum großen Bogen. Plastisch und phrasensicher arbeitet das HR-Sinfonieorchester Frankfurt das Material heraus. Irina Mataeva und Anna Kiknadze beleben die Gesangsepisoden mit wunderbar weich timbrierten und doch kernigen Stimmen, während der Tenor Dmitri Voropaev etwas angestrengt, kehlig und eng intoniert. Die siebzehn Sängerinnen und Sänger der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst bieten Homogenität vom Feinsten. Phänomenal die klangliche Prägung des Obertonsängers Mark van Tongeren. Und doch bleibt, und dies sei keineswegs als eigentlicher Kritikpunkt aufgefasst, nach 48 Musiknummern die Frage bestehen, ob Schostakowitschs Musik zu ‚Odna’ ohne das Filmbild bei aller Genialität der Komposition etwas Autonomes besitzt oder seine Wirkung doch besser mit den Filmbildern zeigen kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schostakowitsch, Dimitri: Odna

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
04.01.2008
EAN:

747313031672


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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