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Samstag, 2. Juli 2022

Händel, Georg Friedrich - Xerxes

Kontrastarme Burleske


Label/Verlag: VMS Musical Treasures
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Unter Agnieszka Duczmal musiziert das Amadeus Orchestra zwar homogen, aber am Ende zu eintönig, als das größere Impulse von der Musik ausgehen. Die Solisten singen nur solide.

Fast zweihundert Jahre hat Händels dreiaktiges Dramma per musica ‘Xerxes’ seiner Entdeckung harren müssen: Nach der dem Misserfolg der Uraufführung von 1738 schlummerte das Werk in den Archiven, bevor es 1924 seine Wiederaufführung bei den Göttinger Händel Festspielen erlebte. Vor allem die als ‘Largo’ bekannte erste Arie des Titelhelden ‘Ombra mai fù’ erfreut sich seitdem großer Beliebtheit. Eine wahre Renaissance des gesamten Werkes setzte in den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts ein, in denen mehrere Gesamtaufnahmen des ‘Xerxes’ entstanden. Als eine der ersten spielte die Dirigentin Agnieszka Duczmal die Oper 1989 in Warschau ein. Ihre Aufnahme wurde nun bei Zappel Music wieder aufgelegt.

Burleske

 

Anders als es der Titel nahe legt, ist Händels ‘Xerxes’ kein Heldendrama über den berühmten persischen König, sondern eine Oper voller Liebeshändel und Intrigen in der Tradition der Pastorale. Dabei mischen sich große Gefühle immer wieder mit Ironie und Satire. Weltgeschichte findet –eher zufällig, da die Oper am persischen Hof spielt – nur am Rande statt. So ist ‘Xerxes’ nicht nur eine Oper, in der die Figuren der Handlung ihre Gefühle in Arien nach dem Kanon der barocken Affektenlehre offen legen, sondern vor allem eine Burleske. Leichtigkeit ist daher oberstes Gebot für eine Aufführung dieses Werkes.

Fehlender Motor

Die Dirigentin Agnieszka Duczmal setzt in ihrer Einspielung mit dem Amadeus Orchestra vor allem auf einen kultivierten Orchesterklang. Schon in der Ouvertüre wird ihr musikalisches Konzept klar: Das Orchester musiziert transparent, Cresendi und Decresendi werden dem Fluss der Musik genau angepasst, klingen aber nur selten inhaltlich zwingend. Die Sechzehntelfiguren des schnellen Teils des Vorspiels werden von den Streichern exakt ausgeführt. Das ist bei der Begleitung der folgenden Arien und Rezitative nicht anders. Und doch bleibt gerade wegen dieses homogenen Orchesterklangs bei der Realisierung der Partitur Händels ein Rest: Trotz dynamischer Schattierungen fehlen Kontraste. Durch die teilweise getragenen Tempi der Dirigentin, die dem Werk etwas Schwerfälliges geben, entsteht ein musikalisches Kontinuum, dem jegliche Akzente fehlen. Der oftmals tänzerische Charakter der Musik wird nur selten realisiert, die Tempi wirken kaum gegeneinander abgesetzt. Die Komödie, die Händels ‘Xerxes’ auch ist und in der der Komponist die großen Affekte seiner Figuren zumeist augenzwinkernd kommentiert, findet nicht statt. So wird das Orchesterspiel nur selten zum Motor dieser Aufnahme. Ein Übriges tut die Klangqualität, die der Aufnahme einen sterilen Charakter verleiht.

Solide Sänger

So solide von den meisten Sängern gesungen wird – ein wirklich eigenes Profil gewinnen auch die Solisten in ihren Rollen nur selten: Vieles gelingt unausgeglichen. Zumeist wird in einem soliden Mezzoforte gesungen, dynamische Abstufungen gibt es nur wenige. Wiederholungen in den DaCapo-Arien werden nur wenig variiert. Die Rezitative – in den Tempi kaum voneinander abgesetzt – wirken kaum gearbeitet, so dass sie schnell ermüden. Kontraste ergeben sich in diesem musikalischen Kontinuum kaum. Damit ist das zweite Problem dieser Aufnahme benannt. Die Stimmen klingen teilweise monochrom und wirken austauschbar. Dies betrifft vor allem die Sopranistinnen Deborah Cole als Arsamenes, Anna Teal als Romilda und Phoebe Atkinson als Atalanta. Hinzu treten stellenweise stimmtechnische Probleme: Sowohl Anna Teal als auch Deborah Cole neigen teilweise zu Schärfen in der Höhe, in der ihre Stimmen eng werden. Darüber hinaus wirkt die Stimme Anna Teals etwa in der Arietta ‘Val più’ seltsam fest und lässt die nötige Leichtigkeit vermissen.

Anita Terzian singt die Titelpartie dagegen mit sattem, manchmal etwas zu Kraft strotzendem Mezzosopran. Dynamisch könnte sie flexibler reagieren, um ihre Partie farbenreicher gestalten. So wirkt sie ähnlich dem Orchesterspiel seltsam ausdruckslos.

Auffällig unter den Damen ist einzig Sarah Schumann-Halleys, die die Rolle der mit Xerxes verlobten Amastris mit dunkel gefärbtem Mezzosopran singt. Das führt allerdings dazu, dass ihr Stimmklang in dem Duett ‘Lo sa il mio cor’ mit Xerxes männlicher, herber wirkt als der Anita Terzians in der Hosenrolle. Im zweiten Akt der Oper gelingen ihr die leisesten Zwischentöne der Aufnahme. So weist zum Beispiel die Arie ‘Quella che tuta fè’ eine berückende Schlichtheit auf. Ähnliches gilt für das kurze Arioso ‘Per dar fine all mia pena’ des Arsamenes von Deborah Cole. Doch schon die darauf folgende Arie ‘Sì, la voglia’ offenbart bei ihr erneut technische Probleme: Die Stimme wird unruhig geführt, die Koloraturen geraten immer wieder aus dem Focus. Betrachtet man diese beiden Arien in unmittelbarer Folge geben sie ein signifikantes Beispiel für die Unausgeglichenheit dieser Aufnahme ab.

Ryan Allen zeigt in der Dienerrolle des Elviro vor allem in den Rezitativen einen variablen Umgang mit dem Text, den man auch den anderen Sängern gewünscht hätte. Gleichzeitig ist er um die Leichtigkeit bemüht, die der Aufnahme ansonsten fehlt. Nicht immer mit Erfolg; teilweise klingen er und Norman Andersson in der Rolle des Feldherrn Ariodates einander zu ähnlich. Dieser singt seine Partie mit flexiblem Bariton. Viel Gelegenheit, auf sich aufmerksam zu machen, hat er in der kleinen Rolle allerdings nicht. Ein Kuriosum ist es, dass der an der Aufnahme beteiligte Chor unerwähnt bleibt.

Am Ende freut man sich, Händels Werk wieder einmal gehört zu haben ohne, dass einem die Aufnahme nachhaltig im Gedächtnis bleibt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von André Meyer,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Händel, Georg Friedrich: Xerxes

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
VMS Musical Treasures
3
25.01.2008
Medium:
EAN:

CD
9120012236127


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VMS Musical Treasures

Gegründet: 2002 von Dieter Heuler und Joe Morscher

Erste Veröffentlichungen: März 2003

Vergessene/verborgene/verfemte/verdrängte musikalische Schätze quer durch alle Musikepochen zu entdecken, ist das Hauptziel des Labels VMS Musical Treasures. Dabei kann Produzent Dieter Heuler auf seine fast dreißigjährige Erfahrung in musikalischer "Archäologie" zurückgreifen, die auch seine kreative Arbeit für das Label "Schwann" geprägt hatte. Der weltweite Vertrieb liegt in den Händen von Joe Morscher (Zappel Music), der seit zwei Jahrzehnten dieses Metier erfolgreich betreibt und u. a. auch für die weltweite Distribution des bekannten japanischen Labels "Camerata Tokyo" verantwortlich zeichnet.

VMS versteht sich im weitesten Sinne als "inoffizielles" Nachfolgelabel von Schwann. Beide Gründer haben lange Jahre für und mit dem Label Schwann gearbeitet und wollen - nachdem Schwann von Universal übernommen, aber Neuproduktionen großteils eingestellt wurden - die lange Tradition des Labels fortsetzen und Vergessene Musikalische Schätze (VMS) wieder entdecken. Etliche Künstler, die vormals auf Schwann veröffentlicht hatten, haben bei VMS ein neues Zuhause gefunden.

Künstlerauswahl:
Orchester: Wiener Symphoniker, Wiener Concert-Verein, Johann Strauss Ensemble der Wr. Symphoniker, Haydn Sinfonietta Wien, Symphonieorchester Vorarlberg
Streichquartette: Ensemble Wien, Hugo Wolf Quartett, Schulhoff Quartett
Klavier: Jenö Jando, Andreas Frölich
Gitarre: Alexander Swete, Wulfin Lieske, Walter Abt
Violine/Viola: Ernst Kovacic, Raimund Lissy, Regina Brandstätter
Harfe: Suzanna Klintcharova
Cello: Christoph Stradner
Kontrabass: Ernst Weissensteiner
Trompete: Wolfgang Basch Flöte: Bruno Meier Orgel: Anne Chapelin-Dubar, Martin Haselböck
Akkordeon: Janne Rättyä

Aktuell umfasst der Katalog von VMS Musical Treasures gesamt 102 Titel.


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