> > > Händel, Georg Friedrich: Sechs Sonaten für Blockflöte & Cembalo
Samstag, 22. Januar 2022

Händel, Georg Friedrich - Sechs Sonaten für Blockflöte & Cembalo

Äusserste Fülle des äussersten Wohllauts


Label/Verlag: Thorofon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Fertigkeit, die Musikalität, das historische Wissen und die Phantasie, die Schwannberger und Leininger in dieser Einspielung von Händels Blockflötensonaten verbinden, und das Niveau dieser Verbindung sind schlichtweg atemberaubend. Eine großartige CD.

Die schon häufig eingespielten Sonaten für Blockflöte und Cembalo von Georg Friedrich Händel gehören, besonders wenn ‘manierliche’ Verzierungen zum Notentext hinzutreten, zum hochvirtuosen Repertoire der Blockflöte als Soloinstrument. Das will gemeistert sein, gegen alte Aufnahmen will angetreten sein: und mit der Einspielung von Sven Schwannberger und Thomas Leininger liegt eine Interpretation vor, die all das in beflügelter Meisterschaft bewältigt und übersteigt, die mit unglaublicher Überzeugungskraft in Theorie und Praxis Händels Sonaten auferstehen lässt. Das Niveau, das hier einerseits an Bewusstheit bezüglich der Aufführungspraxis und andrerseits bezüglich der Musikalität und Virtuosität erreicht wird, ist selten hoch, und würde es verdienen, durch breite Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit maßstabssetzende Kraft zu erlangen.

Händels sechs Sonaten bestehen aus vier bis acht meist kurzen Sätzen, die dem (teils erweiterten) Schema der Kirchensonate in der Abfolge von langsamen und schnellen Sätzen entsprechen. Allerdings sind die Sonaten dieser Einspielung um Preludien erweitert, die, zwar aus der Feder Händels, an anderen Orten überliefert sind. Eine Entscheidung also, die der Überlieferung sowie dem zugrundeliegenden Notentext nicht von sich aus, sondern im Lichte historischer Betrachtung und Kritik treu bleibt, und so über historisches Wissen und Kombinationsgabe zu einer wirklich historisch zu nennenden Aufführungspraxis gelangt. Das Ergebnis, der Stimmungsreichtum und die Einführung, die das Cembalo solo gibt, sprechen darüberhinaus für sich.

Der Blockflötist Sven Schwannberger legt eine unheimlich virtuose, ja wahnwitzige Zungen- und Fingerfertigkeit an den Tag, zusammen mit einem schönen, vollen Ton. So im Presto der Sonate in g-Moll, wo Händel die Figuren und Sequenzen der Solostimme in immer schnellere, immer gefülltere Rhythmen treibt. Schwannbergers Tripelzunge, also drei, meist in einer Triole zusammengefasste, Artikulationen mit einer Zungenbewegung, darf in diesem Satz als allerhöchste Schule der Flötentechnik eingestuft werden. Aber auch die Qualität seines Tons begeistert, nicht minder die Verzierungstechnik. Mit singendem, unheimlich farben- und schattierungsreichem Ton und weitschweifender aber präziser Phantasie werden die cantablen Melodien Händels mit einem rollenden Flechtwerk von Trillern, Bebungen und Umspielungen umzogen und bereichert, wie es die englischen Flötentraktate der Zeit, etwa der ‘Compleat flute master’ von 1695, angegeben haben. Aus der Kombination von Wissen und Technik entsteht so das schöne Paradox von gleichzeitiger Werktreue und Individualität, das seine paradoxe Spannung verliert, sobald man eine solche Interpretation als eigenständige Kunst anspricht, wie sie es sicherlich verdient hat.

Umso mehr erstaunt es im Angesicht einer solchen Gipfelleistung, dass Schwannberger nicht nur auf verschiedenen Flöten, sondern auch als Lautenist und Quellenforscher in Erscheinung tritt. Er zieht Anregungen aus der Kombination seiner Fähigkeiten, und sucht sie im Gespräch mit Zinkenisten gleichermaßen wie mit Jazztrompetern.

Der Cembalist Thomas Leininger steht dem, auch wenn sein Part natürlich sehr viel weniger prominent zum Tragen kommt, nicht nach. Besonders in den vorangestellten Preludien zeigt auch er ein feines Gefühl für frei Rhythmen, Musikalität und höchste Fertigkeit im rhapsodischen wie im gebundenen Vortrag.

Die CD wird ergänzt durch ein ungewöhnlich kluges und ausgiebiges Booklet, das Überlegungen zur Quellenlage, zur Verzierungspraxis und zur Interpretation mit hohem Anspruch und großem Detailreichtum ausbreitet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Händel, Georg Friedrich: Sechs Sonaten für Blockflöte & Cembalo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Thorofon
1
04.12.2007
Medium:
EAN:

CD
4003913125408


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Thorofon

In der nunmehr über 40jährigen Tradition von THOROFON wurde ein respektabler, vielfach preisgekrönter Katalog aufgebaut. Eine Schatztruhe für besondere musikalische Raritäten, die die Lücken in der Überlieferung der musikalischen Tradition ein bisschen verkleinern, und außerdem jungen, talentierten Interpreten eine Chance geben. Zu unseren Schätzen gehören ebenfalls Gesamteinspielungen von Ludwig van Beethovens Klaviersonaten, sämtliche Werke für Klavier solo von Johannes Brahms, Gesamtausgabe der Kammermusik von Josef Rheinberger, das Gesamtwerk von Louis Ferdinand Prinz von Preussen, das komplette Klavierwerk von Robert Schumann, eine Gesamteinspielung der Max Reger Kompositionen auf 13 CD, die das abwechslungsreiche Repertoire von THOROFON abrunden.

Auszeichnungen wie der ECHO KLASSIK (17 mal!) oder der Preis der Deutschen Schallplattenkritik versinnbildlichen den Anspruch des Labels und unterstreichen die Qualität der Produkte.

THOROFON ist ein Label der BELLA M USICA EDITION JÜRGEN RINSCHLER.


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