> > > Nono, Luigi: No hay caminos, hay que caminar...Andrej Tarkwowskij
Donnerstag, 19. September 2019

Nono, Luigi - No hay caminos, hay que caminar...Andrej Tarkwowskij

Reduktionismus und Klangwanderung


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bei Kairos erscheint eine Doppel-CD mit dem dreiteiligen ?Caminantes?-Zyklus von Luigi Nono, die leider hinter den Möglichkeiten heutiger Raumklangdarstellung zurückbleibt.

Das Wandern galt dem Italiener Luigi Nono (1924-1990) während der letzten Jahre seines Lebens als Metapher für seine Arbeit und sein Verständnis des Komponierens, das sich von Werk zu Werk als Suche nach dem Klang vollzog. Musikalisch lässt sich dies am tastenden Gestus der Musik nachvollziehen, an den ausgedehnten Phasen der Stille, an der Tendenz zur Reduktion auf ein häufig eng begrenztes Klangmaterial, aber auch an der komponierten Bewegung der Klänge selbst. Exemplarisch findet sich dies alles in dem unvollendeten ‚Caminantes’-Zyklus, bestehend aus den groß besetzten Werken ‚Caminantes … Ayacucho’ für Mezzosopran, Flöte, kleinen und großen Chor, Orgel, drei Orchestergruppen und Live-Elektronik (1986/87) und ‚No hay caminos, hay que caminar … Andrej Tarkovskij’ für sieben Orchestergruppen (1987), dem die Forschung mittlerweile auch die Kammermusikkomposition ‚»Hay que caminar« sognando’ für zwei Violinen (1989) zugeordnet hat.

Das Label Kairos hat diese Dreierkombination auf einer Doppel-CD vorgelegt und damit die Nono-Diskokrafie endlich um eine zugängliche Aufnahme der großartigen Komposition ‚Caminantes … Aycucho’ bereichert. Aufgrund seiner eindrücklichen Klangwirkungen – geprägt von einer speziellen vierteltönigen Saitenstimmung, die einen sehr eigenwilligen Resonanzraum eröffnet – gehört das Werk zu den Höhepunkten aus Nonos spätem Schaffen, denn hier sind noch einmal alle für ihn bedeutenden Mittel miteinander verknüpft und zu einer eindrucksvollen Synthese gebracht. Mit der Sängerin Susanne Otto, dem Flötisten Roberto Fabbriciani und dem Solistenchor Freiburg sind Interpreten der ersten Stunde an der Aufnahme beteiligt, das mittlerweile in Experimentalstudio für akustische Kunst e.V. umbenannte Freiburger Studio sorgt für die Live-Elektronik und Emilio Pomárico weiß mit Rundfunkchor und Sinfonieorchester des WDR viele Nuancen aus der Musik herauszuholen.

Im Falle des Orchesterstücks ‚No hay caminos, hay que caminar … Andrej Tarkowskij’ muss sich Pomáricos an den früheren Einspielungen von Michael Gielen (Astrée, 1990) und Claudio Abbado (DGG, 1996) messen lassen, und hier hat er es in der Tat wesentlich schwerer. Auch wenn Gielens Aufnahme mit dem Sinfonieorchester des SWF nicht ohne Unsicherheiten und kleinen Fehlern über die Bühne geht und sich die technische Fähigkeit der Instrumentalisten, die von Nono gewünschten, diffizilen mikrointervallischen Abstufungen der einzigen Tonhöhe G zu realisieren, innerhalb der letzten zwanzig Jahre entscheidend verbessert hat, fehlt es Pomáricos Einspielung manchmal ein wenig an Spannkraft und Suggestivität. Eine herbe Enttäuschung ist zudem der Verzicht auf die räumliche Darstellung von Nonos Musik, wie sie in diesen beiden groß besetzten Kompositionen notwendig gewesen wäre.

Die heutigen technischen Möglichkeiten der SACD, mit denen auch Kairos schon bei Produktionen wie Olga Neuwirths Musiktheater ‚Lost Highway oder dem ‚Theater der Wiederholungen’ von Bernhard Lang gearbeitet hat, hätten es eigentlich erwarten lassen, dass man die hier eingespielten Werke ähnlich sorgfältig umsetzt, vergleichbar etwa Nonos Hörtragödie ‚Prometeo’, die kürzlich bei col legno erschienen ist. Doch nichts dergleichen ist zu spüren: Die Aufteilung des ‚Tarkowskij’-Orchesters in sieben getrennt voneinander aufgestellte Gruppen und die Wanderung der Klänge zwischen diesen lässt sich höchsten erraten, und bei ‚Caminantes’ verpufft die Wirkung der Live-Elektronik recht schnell, weil sie sich nicht räumlich entfalten kann.

Selbst für das Violinduo ‚»Hay que caminar« sognando’ wäre ein besseres räumliches Klangbild möglich gewesen: Irvine Arditti – Interpret der Uraufführung – spielt hier mit seinem derzeitigen Quartettpartner Graeme Jennings und weiß dem Stück eigentlich gegenüber seiner früheren Einspielung (Montaigne, 1991) keine neuen Aspekte abzugewinnen, was angesichts der relativ häufigen Annäherungen durch andere Interpreten im Konzertsaal und einer Reihe weiterer Einspielungen bedauerlich ist. Allein der typische Arditti-Klang, den manche seiner Kammermusikaufnahmen ausstrahlen, ist diesmal glücklicherweise zugunsten der Nono-spezifischen Klanglichkeit weiter zurückgenommen. Fazit: So begrüßenswert diese CD in ihrer Gesamtheit auch ist, bleibt sie doch viel schuldig, wodurch der Wert in meinen Augen erheblich gemindert wird. Demjenigen, der sich Nonos Musik zum ersten Mal nähern möchte, sei sie aber dennoch wärmstens empfohlen, da sie drei zentrale Werke der späten Jahre zusammenbringt und im hervorragenden Booklet auch eine Reihe von Farbskizzen zu den Komponisten bringt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Nono, Luigi: No hay caminos, hay que caminar...Andrej Tarkwowskij

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
2
18.01.2008
Medium:
EAN:

CD
9120010281235


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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