> > > Lachenmann, Helmut: Streichquartette Nr. 2 & 3
Montag, 29. November 2021

Lachenmann, Helmut - Streichquartette Nr. 2 & 3

‘Retrospektivisch’


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wie wichtig für die Entfaltung der Musik Lachenmanns eine überzeugende, klar strukturierte Interpretation ist, zeigt die vorliegende Aufnahme. Das Arditti String Quartet legt in neuer Besetzung ein glänzendes Debüt auf Kairos vor.

Als Goethe einmal über das Streichquartett sagte, er ‘höre hier vier vernünftige Leute sich miteinander unterhalten’ hat er wohl kaum damit gerechnet, dass jemals solche Musik, wie die von Helmut Lachenmann (*1935), für die Besetzung geschrieben werden würde. Schon zu Goethes Zeiten war das Streichquartett die intellektuellste musikalische Form. In den entsprechenden Werken von Haydn oder Beethoven zeigte sich der ‘Materialstand’ einer Epoche und auch der jeweilige Horizont eines Komponisten, dessen Verfügungsgewalt, Kreativität und Experimentierfreude. Eine Kunst für Kenner ist das Streichquartett bis Lachenmann geblieben…

Und heute – fragt man Neue Musik-Theoretiker, wie Claus-Steffen Mahnkopf, so ist Lachenmann längst ein ‘Klassiker’ und wirklich Neues ist auch von ihm nicht mehr zu erwarten. Man kann zurückblicken und resümieren, und genau das hat das renommierte Label Kairos mit der vorliegenden Einspielung getan.

Das Arditti String Quartet stellt in einer Art musikalischen Retrospektive alle drei Streichquartette Lachenmanns aus drei verschiedenen Jahrzehnten vor. Dabei lassen sich Entwicklungen im Werk des Komponisten, aber auch ein roter Faden seines Personalstils erkennen.

Gran Torso

Der Gran Torso war Lachenmanns erstes Streichquartett (1971-72/78) und ein erster Versuch seine ‘musique concrète instrumentale’ auf die altehrwürdige Gattung des Streichquartetts anzuwenden. Am Anfang stand die Idee, statt in einem vierstimmigen Ensemble in einen sechzehnsaitigen Spielkörper zu denken und für diesen zu schreiben. Zudem wollte Lachenmann ‘statt vom Klang von den mechanischen und energetischen Bedingungen bei der Klangerzeugung ausgehen und von dort strukturelle und formale Hierarchien ableiten.’ Das Ergebnis ist eine komplexe und hochinteressante Struktur. Um nochmals Goethe zu zitieren, hören wir hier im wahrsten Sinne des Wortes ‘unerhörte’ Klänge. Das Arditti Quartett rauscht, haucht, presst, reibt, zupft und stößt fremdartige Töne oder Geräusche aus, wie man sie so noch nicht gehört hatte. Der Gran Torso ist ein Meisterwerk voller Widersprüche und Lachenmann selbst bezweifelte sogar zunächst, dass es als Werk im Konzertsaal gelingen könne. Die klassische, auf Technik fokussierte Erziehung sträubt sich gegen das hier Geforderte, und doch ist eine distanzierte Interpretation möglich.

Das neue Arditti Quartett beweist dies, indem die ungemein komplexe und virtuose Partitur mit einer Spielfreude und Leichtigkeit genommen wird, dass es Spaß macht zuzuhören, wie sie die schwersten Stellen meistern und jedes Geräusch, sei es auch noch so absurd, mit einer professionellen Musikergeste angehen.

Lachenmanns utopische Forschungsergebnisse in Sachen Instrumental-Topographie erfordern eine völlig neuartige Koordination des Körpers, des Bogens, der linken und der rechten Hand. Korpus, Wirbel, Zarge, Griffbrett – alles wird einbezogen, dazu alle Teile des Bogens, und doch, am Ende scheint alles homogen ineinander komponiert. Nachdem das neue Terrain erschlossen ist, wird darin motivisch gearbeitet. Dies ist in der vorliegenden Aufnahme besonders gut nachvollziehbar. Die formale Anlage ist klar und leicht zu durchschauen und Lachenmanns Formteile heben sich deutlich voneinander ab.

Reigen seeliger Geister

Dies gilt auch für die beiden späteren Streichquartette, die beide von Lachenmann dem Arditti Quartett gewidmet wurden. Auch im Reigen seeliger Geister (1988/89) ist die Grundform klar gegliedert und durchhörbar. Lachenmanns Motto ist diesmal subtiler: Töne ‘aus der Luft gegriffen’ – ‘Luft’ aus den Tönen gegriffen. Er lässt nun wieder ‘Rückgriffe’ auf bestimmte Intervallkonstellationen als ‘Text’ bzw. ‘Vorwand’ (prétexte) zu. Bestimmend im ganzen Werk ist das ‘Flautato’-Spiel in all seinen Schattierungen. Töne mit und ohne Tonhöhe,

schöne Glissandi, mitunter auch Skalen und Arpeggien, meist im Pianissimo, dazu

gegen Ende ein wunderbarer Pizzicato-Teil lassen auch das zweite Streichquartett zu einem abwechslungsreichen, spannenden Werk Neuer Musik werden. Das Stück bewegt sich vorwiegend im Pianissimo, aber eröffnet damit einen Raum, der ein vielfaches, mögliches ‘Fortissimo possibile’ in der Schwebe hält. Insgesamt kommt nach dem Gran Torso im zweiten Streichquartett ein dezidiert ironisches Element hinzu. Schon der von Gluck entlehnte Titel will eben keine Musik für die Aristokratie sein, sondern diese ernsthaft herausfordern. Der witzig, ironische Grundtenor zeigt sich auch in der Verwendung traditioneller Formen, wie dem Relikt eines Walzers, sowie sporadisch auftretende Erinnerungen an Ganztonskalen, Oktavklänge oder auch tonale Dreiklänge. Lachenmann lässt – natürlich stets in einer gebrochenen Ästhetik – tonales (aber nicht banales) Material zu. ‘Ein Plädoyer der Phantasie für des Kaisers neue Kleider’, dichtete er rückblickend über sein zweites Quartett.

Grido

In seinem 2001/02 entstandenen Streichquartett setzt sich dieser Weg fort. In Lachenmanns Spätwerk geht es darum, dass ‘das Vertraute nochmals fremd werden sollte’ und so versucht der Komponist mit der Erfahrung und dem Zugriff auf ein scheinbar entgrenztes, völlig ausdifferenziertes Material durch den kompositorischen Umgang und eine dekonstruierende Schichtung neue Hörerfahrungen zu evozieren. Dass mitunter tonale Elemente wieder auftreten können, sieht er dabei, wie schon im zweiten Streichquartett, nicht als Widerspruch.

Auch im dritten Streichquartett begeistern besonders die schlüssige Gesamtform, sowie einzelne ‘Effekte’, wie der Eindruck eines rückwärts gespielten Bandes oder das sehr schöne und breit gedehnte Crescendo zu Anfang. Die Tonhöhen sind oft schwer zu orten, da sie sich im Prinzip in ständiger Metamorphose befinden und Lachenmann nun auch immer öfter Vierteltöne kompositorisch festlegt.

In wieweit der Titel programmatisch gemeint ist kann fraglich bleiben. Die Gridi (ital. ‘Schreie’), könnte man in den kurzen Akzenten wieder erkennen. Es wäre aber auch ein Bezug auf das Arditti Quartett denkbar. Schließlich beziehen sich die Anfangs-Buchstaben des Wortes auch auf die Initialen der Widmungsträger, die Mitglieder des damaligen Arditti-Quartetts.

Lachenmanns Streichquartette sind Protokolle des jeweils Erreichten, betreten aber auch neue Wege. Dies betrifft zum einen die Musikgeschichte, denn Lachenmann musste sich natürlich zuerst an Werken, wie denen seines Lehrers Luigi Nono abarbeiten, um Neues zu schaffen. Nono hatte in seinem Spätwerk ausgerechnet mit einem Streichquartett, Fragmente – Stille an Diotima (1979), die Richtung auch für Lachenmann vorgegeben. Ab dem zweiten Streichquartett sind Lachenmanns Kompositionen auch immer ein Rückblick und ein Kommentar auf die eigene bereits geschriebene Musik. Als werkimmanenter ‘Work in progress’ gehen sie dabei kritisch und auch ironisch mit dem eigenen Œuvre um.

Wie wichtig für die Entfaltung der Musik Lachenmanns eine überzeugende, klar strukturierte Interpretation ist, zeigt die vorliegende Aufnahme. Das Arditti String Quartet legt in neuer Besetzung, aber in gewohnt hochklassischem Niveau ein glänzendes Debüt auf Kairos vor: Eine Referenzaufnahme für Neue Musik-Liebhaber und alle Freunde der anspruchsvollen Streichquartett-Literatur.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lachenmann, Helmut: Streichquartette Nr. 2 & 3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
18.01.2008
Medium:
EAN:

CD
9120010281228


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