> > > Pintscher, Matthias: en sourdine. Musik für Violine und Orchester
Sonntag, 19. Mai 2019

Pintscher, Matthias - en sourdine. Musik für Violine und Orchester

Fragile Schönheit - Pintscher und Twombly


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit Pintscher scheint sich ein Komponist in der Neuen Musik zu etablieren, der wie Twombly nicht mit der Moderne abgeschlossen hat, diese aber gleichsam in seinem Werk zu überwinden scheint.

Karlheinz Stockhausen schenkte Pierre Boulez in den 50er Jahren Paul Klees Bildnerisches Denken mit der lakonischen Bemerkung, Boulez werde in Klee den besten Kompositionslehrer finden, den es gibt. Später schrieb Boulez zahlreiche von Klee inspirierte Werke und veröffentlichte auch ein Buch über den Schweizer Maler – Le Pays fertile. ‘Das Fruchtland’

Die Auseinandersetzung mit anderen Künsten, sei es Literatur oder Malerei, war auch für Matthias Pintscher (*1971) immer wieder Inspiration und Ursprung seiner Kompositionen. Wie Arnold Schoenberg durch Kandinsky, Morton Feldman durch Mark Rothko oder Boulez durch Klee, hat auch Matthias Pintscher durch die bildende Kunst Möglichkeiten entdeckt, seine musikalische Struktur zu bereichern.

Besonders in Malerei und Skulpturspürte Pintscher Analogien zu seinem musikalischen Denken.In Dernier espace avec introspecteur von 1994 setzte er sich mit einer Plastik von Joseph Beuys auseinander, sein kammermusikalischer Figura-Zyklus wurde von dem Spätwerk Alberto Giacomettis inspiriert und nun beschäftigten ihn bereits seit einigen Jahren die Werke Cy Twomblys. Nachdem in den 90er Jahren Arthur Rimbaud Pintschers Œuvre bestimmte, avancierte in den letzten Jahren der in Gaeta bei Rom wohnende Twombly zur neuen Schlüsselfigur. Das renommierte Neue Musik-Label Kairos hat nun in Ersteinspielungen drei neuere Werke Pintschers vorgelegt, die allesamt vom ‘Erlebnis Twombly” ausgehen.

en sourdine

En sourdine ist Pintschers erstes Violinkonzert. In der Tradition post-tonaler Musik kann man es durchaus mit den entsprechenden Werken von Alban Berg oder Hans Werner Henze vergleichen, da auch Pintschers Ästhetik ein (gebrochenes), ‘Mahlersches’ Schönheitsbild entwirft.

Pintscher komponierte en sourdine im Jahre 2002 als Auftragswerk der Berliner Philharmoniker und des Orchestre de Paris. Wie wichtig das Stück für den Komponisten ist, belegt auch die Akribie, mit der es unter seiner Leitung in mehreren Takes im Rolf-Liebermann-Studio des NDR eingespielt wurde. Das Resultat entfaltet alle Details und Facetten der Komposition. Die Aufnahme ist klanglich hervorragend und die Struktur klar ausdifferenziert.

En sourdine beginnt mit einer leisen, agogisch gehauchten Violine, die in einer kurzen Kadenz mit wenigen, sehr flüchtigen Bewegungen das Grundmaterial öffnet. Nach einem Triller in der Harfe und im Schlagzeug baut sich der Instrumentalklang der Streicher auf. Pintscher hat den Orchestercorpus in zwei Gruppen geteilt, um eine klarere Struktur zu bewahren. Die beiden Streicherensembles imitieren und fragmentieren nun auf subtile Weise immer wieder die Solostimme der Violine, die in der Tradition großer Konzerte der Gattung natürlich auch bei Pintscher virtuos geschrieben ist.

Eine zweite Kadenz, wiederum im pianissimo, leitet in den zweiten Teil über. Pintscher notierte in der Partitur ‘molto irreale‘ und in der Tat ertönen diese unwirklichen Klänge hier in weiter Ferne. Der imaginierte Raum scheint hier größer zu sein als der reale der Aufführung. Eine Technik, die Pintscher, ähnlich wie Marc André in seinen Orchesterkompositionen, wohl aus der Erfahrung der elektro-akustischen Musik erschlossen haben dürfte. In einer verschwommenen Rückblende tauchen zum Ende Erinnerungen an den Anfang auf. Fragmente des Materials werden wieder aufgegriffen und geben dem Stück so eine immanente Kontinuität. Pintscher steigert das Werk in großartig geführten Klangwellen zu einer Klimax, um dann wieder im Pianissimo das Stück ausklingen zu lassen. Die Violine schwebt dabei als sich entgrenzter entmaterialisierter Geist im Raum. Das bei Pintscher viel beschriebene Lyrische oder Poetische in seiner Musik ist hier in seiner Unfassbarkeit greifbar. Der hier sich musikalisch ereigneten ‘Aura des Vagen’ wird man sich, wie in der Malerei Twomblys, schwer verschließen können.

tenebrae

Tenebrae (2000/01) für skordierte Viola, kleines Ensemble und Live Elektronik verfolgt nun ein völlig anderes Klangideal als das helle ‘Lichtstück’ en sourdine. Wie der Name bereits verkündet, sind es fast ausschließlich die finsteren und dunklen Register, die dieses Konzert bestimmen. Dennoch erklingen einzelne Harmonien und Melodien als ‘Fenster’, die den dunklen Grundtenor mit kurzen hellen Lichtern durchbrechen und strukturieren.

Schon in die Partitur von In Nomine für Viola solo (1999) schrieb Pintscher charakterisierende Anweisungen, wie ‘gambenhaft, leicht und schwebend”, um die Ambiguität des Instruments anzudeuten. Davon sind auch in diesem Bratschenkammerkonzert noch Relikte erhalten. Düstere, schwere und dunkle Klangfarben bestimmen das Werk, aber sie werden gebrochen von Hoffnungsschimmern, die durch Regieanweisungen in der Partitur oft unterstrichen werden. ‘Flüchtig…noch ruhiger…äußerst zart”, ‘brüchiger Ton, sehr zart, flautendo” usw. sind in sich bereits differenzierte Umschreibungen, nahe des Paradoxen.

Pintscher dekonstruiert den Klang der Viola ohne ihn so weit zu verfremden, dass ein Erinnerungsprozess nicht mehr möglich wäre. Durch die Präparierung der Viola wird das Spiel Christophe Desjardins in der Schwebe zwischen seiner musikgeschichtlichen Spur und einem undefinierbaren, neuen Instrumentalcharakter gehalten. Pintscher gelingt somit die Verschleierung jeglicher konventioneller Klangereignisse. Die sparsam, aber gezielt eingesetzte Live-Elektronik dient dabei zur zusätzlichen Verfremdung des Viola-Klanges.

Tenebrae ist ein komplexes Werk künstlerischer Reflexion. Auch außermusikalische Bezüge ließen sich zahlreich ans Werk herantragen. Man denke an Paul Celans Tenebrae-Gedicht aus dem Zyklus Sprachgitter oder die Tenebrae-Responsorien Gesualdos, welche Pintscher angeregt durch Hans Werner Henze bereits in seinem Vierten Streichquartett Ritratto di Gesualdo aufgegriffen hatte.

Reflections on Narcissus

War en sourdine Pintschers helles Violinkonzert und tenebrae sein dunkles Violakonzert, so sind die Reflections on Narcissus nach Thomas Schaefer die ‘mächtige Cello-Sinfonie’. Die fünf Reflektionen sind die jüngsten Kompositionen der Einspielung (2004/05). Pintscher knüpft mit diesem Zyklus an ein musikalisches Denken an, das zuerst sein Vorbild Pierre Boulez mit den Notations für Orchester ausprobiert hat. Denn wie bei den Notations von Boulez, so sind auch die Reflections sowohl zyklisch konzipiert als auch autoreferenziell auf das eigene Werk bezogen.

Bereits 1992 hatte Pintscher den Narziss-Mythos in seinem Cello-Konzert Metarmorfosi di Narciso thematisiert. Im Gegensatz zu Boulez ist bei Pintscher stets der außermusikalische Bezug von entscheidender Bedeutung. Die erste Reflektion über Narziss führt dann auch programmatisch in das Thema des Zyklus ein. Nichts Geringeres als ein verfremdetes Zitat aus Wagners Götterdämmerung führt in die Welt des Mythos ein.

In den einzelnen Reflektionen scheint Pintscher nun klang- und hörperspektivisch aus verschiedenen Richtungen die Geschichte von Narziss, wie sie bei Ovid erzählt wird, zu beleuchten. Dialogisierende Abschnitte zwischen Cello (Narziss) und dem Orchester (Spiegelbild) lassen an bildliche Interpretationen, wie das berühmte Gemälde von Caravaggio, denken.

Die wunderschönen Cantabile-Abschnitte in der dritten Reflektion alludieren hingegen wohl Narziss’ Selbstverliebtheit, die wiederum in scharfem Kontrast zu der virtuosen Struktur der vierten Reflektion steht. Insgesamt breitet Pintscher in den Reflections on Narcissus über 40 Minuten sein ganzes musikalisches Können aus. Sein Reichtum an differenzierten Klangfarben, subtilen musikalischen Gesten und unverbrauchten Ideen ist beeindruckend und wird dank der fulminanten Interpretation des Ensembles Intercontemporain und den Solisten Frank Peter Zimmermann, Christophe Desjardins und Truls Mørk auf höchstem Niveau dargeboten.

Reflections on Narcissus, das Werk, welches Pintscher auch als Reaktion auf eine Begegnung mit Cy Twomblys Bild Narcissus (1960) komponierte, schließt diese wunderbare CD neuer, tiefsinniger Musik ab. Mit Pintscher scheint sich ein Komponist in der Neuen Musik zu etablieren, der wie Twombly nicht mit der Moderne abgeschlossen hat, diese aber gleichsam in seinem Werk zu überwinden scheint.

Der französische Philosoph Roland Barthes bewunderte einst bei Cy Twombly dessen Fähigkeit noch einmal Linien zu zeichnen, die nicht dumm sind. Auch Pintschers Musik - spätestens heute ein Komponieren und Denken mit und nach Adorno - hat in seinen neueren Werken jene Qualität angenommen, und quasi mit dem Malerpinsel jene fragile Schönheit heraufbeschworen, an die Barthes dachte. Wie Twombly hat Pintscher im Dunkeln seine Musik gemalt, aber mit kräftigster Farbe. Vor einem opaken, ausgedünnten Hintergrund blitzen Reflexe voller Farbenvielfalt auf, voller Transparenz und voller Komplexität.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Pintscher, Matthias: en sourdine. Musik für Violine und Orchester

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
18.01.2008
EAN:

9120010281198


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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