> > > Martinu, Bohuslav: Spalicek (Ballett)
Dienstag, 20. August 2019

Martinu, Bohuslav - Spalicek (Ballett)

Rustikale Schönheiten


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die tschechische Aufnahme des 'Spalicek' von Martinu überzeugt durch farbig-markante Spielfreude aller Beteiligten.

Es muss kein Nachteil sein, in einem Turm aufgewachsen zu sein. Dem Talent des 1890 im böhmischen Policka geborenen Bohuslav Martinu zumindest war dies keineswegs abträglich. Im Gegenteil: das ‚Leben von oben‘ evozierte den nötigen Weitblick. Im Paris der 1920er Jahre lernte Martinu dann nicht nur das Schwerenötertum, sondern auch die avantgardistischen musikalischen Strömungen kennen, die sich äußerst effizient auf sein Schaffen auswirkten. Es ist faszinierend zu hören, wie intensiv Martinu die Verquickung der Pariser Einflüsse mit dem böhmischen Volksliedidiom betrieb. das betrifft indes weniger die dadaistisch angehauchten Bühnenwerke 'Les Larmes du couteau', 'Les Trois Souhaits' und 'Le jour de Bonté', die in Zusammenarbeit mit Georges Ribemont-Dessaignes entstanden, als vielmehr das Ballett 'Spalicek', das 1933 in Prag zur Uraufführung kam. Im Autograph bezeichnet Martinu dieses ‚Liederbündel‘, so in etwa die deutsche Übersetzung, als ‚Ballett nach Spielen, Gebräuchen und Märchen des Volks – Ballett-Revue‘. Ohne Komplexes oder Kompliziertes erwarten zu müssen, kann der Hörer hier eintauchen in die Welt böhmisch-mährischer Volkspoesie und eine betont volkstümlich-melodienselige Musik Martinus, die von Supraphon in den 1980er Jahren auf Platte gebannt wurde. Frantisek Jilek leitet in dieser Aufnahme, die 2007 remastered und nun wiederveröffentlicht wurde, den Kantilena Kinderchor, den Frauenchor des legendären Pavel Kühn sowie das Brünner Philharmonische Orchester.

Martinus ausgereifte Orchestrierungskunst kommt in Jileks Einspielung in bestechender Weise zum Tragen: die Wechsel von konturiert gesetzten Tutti-Passagen und filigranen Solo-Episoden zeichnet Jilek mit feinem Linienführung nach. Das Brünner Philharmonische Orchester reagiert mit musikantischer Verve, die sich in allen Instrumentengruppen genauso wiederspiegelt wie in der subtil abgestuften Dynamik und der tiefengestaffelten Intonation. Kernig und tonsauber, rhythmisch versiert und homogen tragen die Chöre zu diesem spielfreudigen Geschehen bei. Anna Kratochvilova, Miroslav Kopp und Richard Novak gestalten ihre Solistenpartien mit profiliert ausgesungenen Phrasen und klanglicher Eleganz. Mit diesem energiegeladenen discographischen Wurf korrespondieren die übrigen Aufnahmen dieser Doppel-CD: die Ballett-Kantate 'Die Geisterbraut' (ursprünglich als Finale des Spalicek geplant, zu Lebzeiten des Komponisten jedoch nie separat aufgeführt, was erst mit dieser Einspielung 1985 geschah), die 'Löwenzahn-Romanze‘ für gemischten Chor und Sopransolo und 'Schlüsselblume‘, fünf Zwiegesänge für Frauenstimmen mit Klavier und Violine. Während in 'Die Geisterbraut‘ Jiri Belohlavek das Prager Symphonieorchester, Pavel Kühns gemischten Chor und die herausragenden Solisten Jirina Markova, Miroslav Kopp und Pavel Horacek mit großer Binnenspannung und Detailfreude durch die komplexe Partitur führt, glänzen Kühns Chor und die Sopranistin Milada Cejkova in der 'Löwenzahn-Romanze‘ durch dynamisch und klanglich wunderbar abgerundete Interaktionen. Routiniert, aber nicht weniger engagiert intonieren der Geiger Petr Messiereur und der Pianist Stanislav Bogunia den 'Schlüsselblumen‘-Zyklus spielfreudig und im beredten Dialog mit Pavel Kühns stimmsicherem Frauenchor.

Den klanglich leicht ‚scharfkantigen‘ Einspielungen der 1980er Jahre wurde beim Remastering Tiefe gegeben und bieten nun profunden, satten Klang. Das Booklet bietet den Luxus einer viersprachigen Wiedergabe der Gesangstexte. Ein würdiger Nachtrag zu Martinus 50. Todestag im Jahr 2009 und herrlich musikantische Einspielungen, wie sie vielleicht nur aus der böhmischen Tradition heraus entstehen können.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Martinu, Bohuslav: Spalicek (Ballett)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
2
23.11.2007
Medium:
EAN:

CD
099925392529


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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