> > > Donizetti, Gaetano: Lucrezia Borgia
Samstag, 23. Oktober 2021

Donizetti, Gaetano - Lucrezia Borgia

Klassischer Belcanto


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein wichtiges Bilddokument Joan Sutherlands in dem ihr typischen Kernrepertoire des italienischen Belcanto lässt kaum Wünsche offen.

Videodokumente von Dame Joan Sutherland (*1926) ‘on stage’ scheinen bislang eher Raritäten zu sein – und auch von den existierenden Produktionen ist längst nicht alles in Deutschland lieferbar (wohl aber über den internationalen Internethandel). Aus dem zurzeit Vorhandenen ergibt sich ein Rollenbouquet, das durchaus Überraschungen bereit hält: Francis Poulencs 'Dialogues des carmelites' (Sydney 1985/Kultur) etwa, Léo Delibes' 'Lakmé' (Sydney 1976/ABC-Kultur), Francesco Cileas 'Adriana Lecouvreur' (Sydney 1984/ABC-Opus Arte oder Kultur) oder Giacomo Meyerbeers 'Les Huguenots' (Sydney 1990/ABC-Opus Arte oder Kultur) – letzteres ein Werk, für das sich Sutherland seit 1962 regelmäßig eingesetzt hat. Zwei Operetten - 'The Bat'/'Die Fledermaus' (London 1990/Arthaus oder R M Arts) und 'The Merry Widow'/'Die lustige Witwe' (Sydney 1988/Kultur) stehen am Ende von Sutherlands Bühnenkarriere – sie verabschiedete sich von ihrem Publikum mit der dokumentierten Neujahrsvorstellung der 'Fledermaus' von Covent Garden.

Alle weiteren bislang auf DVD lieferbaren Operngesamtaufführungen Sutherlands entstammen dem Bereich des italienischen Belcanto, von Bellinis 'Norma' (Sydney 1978/Arthaus oder ABC-Kultur bzw. Toronto 1981/VAI), über Donizettis 'Lucrezia Borgia' (Sydney 1977/ABC-Opus Arte bzw. London 1980/Pioneer oder Kultur), 'Lucia di Lammermoor' (New York 1982/Deutsche Grammophon bzw. Sydney 1986/Arthaus oder ABC), 'Anna Bolena' (Toronto 1984/VAI) und 'La fille du régiment' (Sydney 1986/ABC-Opus Arte oder Kultur) bis hin zu Verdis 'Il trovatore' (Sydney 1983/Arthaus oder ABC-Kultur).

1977 war für Sutherland das Jahr von Donizettis 'Lucrezia Borgia' (1833) – nicht nur entstand am 7. Juli der Mitschnitt des australischen Fernsehens, im selben Jahr nahm Sutherland die Oper für die Decca auf Schallplatte auf. Beide Male (und auch bei der Covent Garden-Produktion 1980 mit Alfredo Kraus, Anne Howells und Stafford Dean) war ihr Ehemann Richard Bonynge (*1930) der Dirigent, ein ausgewiesener Meister der Belcantooper, der auch hier in keinster Weise enttäuscht. Bonynge ist so klug, die Oper nie zum Vehikel für die Fertigkeiten seiner Frau werden zu lassen, sondern legt viel Wert auf die so wichtige Ensemblearbeit.

In den 1970er-Jahren war der jugendliche Schmelz von Sutherlands Stimme schon ein wenig gebröckelt, dafür kann sie nun um so stärker durch ihre Rollengestaltung überzeugen. Ihre Koloraturen sind weiterhin mirakulös, darstellerisch erfüllt sie die Rolle der mörderischen Fürstin mit ‘maestà’, ‘dignità’ und ‘femminilità’. Große Textklarheit war Sutherlands Sache nur selten, so auch nicht hier. Doch ihre Darbietung ist derart stark, dass nie in Zweifel steht, wovon sie gerade singt, was sie gerade bewegt.

Der australische Bassbariton Robert Allman (*1927) war seit 1971 Mitglied der Australian Opera; sein Repertoire reichte vom Pizarro in 'Fidelio' bis hin zu Sharpless ('Madama Butterfly'), Rigoletto und Iago ('Otello'). Seiner kraftvollen Stimme mag es etwas an Noblesse mangeln, doch passt diese Rauheit für den Alfonso d'Este hier umso besser. Der aus den USA stammende erste Tenor der Australian Opera Ron Stevens (*1940) entspricht ganz dem für die Rolle des jungen Gennaro üblichen Stimmtypus – Gianni Raimondi, Alfredo Kraus, Giacomo Aragall oder der junge José Carreras –, durch sein auf Australien konzentriertes Schaffensgebiet erlangte Stevens nie die ihm durchaus gebührende Bekanntheit. Die australische Mezzosopranistin Margreta Elkins (*1930) erlangte insbesondere an Sutherlands Seite durchaus angemessenen Ruhm; ihre agile, ausdrucksfähige Stimme erweist sie als Vorläuferin etwa einer Della Jones. In der Tiefe mag ihre Stimme etwas schwach sein, doch versöhnt hiermit die Lebhaftigkeit ihrer Darstellung, die nur durch die Regie leider etwas beeinträchtigt wird: Eine mehr als unvorteilhafte Kostümwahl (stets in prächtigen Tuniken) und entsprechende Frisur betont zu sehr das reale Geschlecht der Sängerin und verunklart die Tatsache, dass es sich bei dem Maffio Orsini um eine Hosenrolle handelt. Die Nebenrollen sind durchweg gut, aber nicht sehr gut besetzt und auch der Chor leistet musikalisch Beachtliches. Gelegentliche kleine Ungenauigkeiten sind der Live-Aufführung geschuldet und gern zu verzeihen. Am problematischsten muss man das Orchester nennen, das durch die Mikrofonplatzierung gelegentlich regelrecht hemdsärmelig klingt – von Bonynges anderen Interpretationen wissen wir, dass dies ein aufnahmetechnisches, kein aufführungspraktisches Problem sein muss.

George Ogilvie bietet eine vornehmlich konventionelle Inszenierung mit eher uninspirierter Personenführung – immer wieder verkommt die Aufführung zu Proszeniumsgesang (naturgemäß eine Gefahr bei Belcantooper, der aber ein Regisseur entgegen wirken sollte), die Ausstattung (Kristian Fredrikson) wirkt heute etwas bejahrt. Ein paar Mal überrascht Ogilvie mit durchaus eigenen Einfällen, etwa bei der Vertreibung Astolfos durch Gubetta und seine Männer in der ersten Szene des I. Aktes oder durch die verliebten Blicke, die Maffio Gennaro im II. Akt zuwirft. John Charles' Bildregie tut ein Übriges, um der Inszenierung nicht unbedingt Leben einzuhauchen; möglicherweise standen diesem die im Opernhaus von Sydney seinerzeit möglichen Kameraplatzierungen entgegen.

Die Midprice-DVD-Produktion ist offenbar vor allem für Sutherland-Afficionados bestimmt, entsprechend bietet sie nur englische Untertitelung, ein ausgesprochen karges Booklet und keinerlei Extras. Das originale Produktionsdatum muss man sich aus der Sekundärliteratur zusammensuchen, der Vermerk ‘Filmed at the Sydney Opera House, Australia, 1990’ ist unzutreffend.

Sicherlich lagern in Rundfunkarchiven diverse weitere Live-Mitschnitte mit Joan Sutherland, auf die wir uns noch freuen können – 'Semiramide', 'La sonnambula', 'La traviata', womöglich sogar Händel und Mozart? In diesen Fällen sei Opus Arte angeraten, sorgsamere Booklets und Untertitelung beizufügen, vielleicht sogar Extras.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Donizetti, Gaetano: Lucrezia Borgia

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
1
12.11.2007
Medium:
EAN:

DVD
809478040262


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Opus Arte

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