> > > Bruckner, Anton: Sinfonie Nr. 9 d-Moll (vervollständigt)
Dienstag, 12. Dezember 2017

Bruckner, Anton - Sinfonie Nr. 9 d-Moll (vervollständigt)

summa musices


Label/Verlag: Coviello Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Aufnahme gehört in jede Bruckner-Diskographie, allein wegen dem neuen Finale.

Anton Bruckner schrieb sechs Jahre an seiner letzten, neunten Sinfonie. Als er am 11. Oktober 1896 starb, hinterließ er das Werk unvollendet. Die Neunte sollte die Summe seines kompositorischen Schaffens enthalten. Er wollte sie ‘dem lieben Gott’ widmen, doch für den gewaltigen Finalsatz fehlte dem 70-jährigen wohl am Ende die Kraft. Lange Zeit ging man davon aus, dass Bruckners letzte Sinfonie auch in drei Sätzen geschlossen sei. Bruckner plante jedoch einen Finalsatz der mit Sonatensatz, Choral und Fuge auch tatsächlich am Ende noch mal alles aufbieten sollte, was die Symphonik seit Beethoven beschäftigte. Der vierte Satz sollte den krönenden Abschluss der Neunten Sinfonie und somit auch des Brucknerschen Werkes bilden. Die nur in Fragmenten erhaltene Final-Partitur war somit immer wieder Anlass für Komponisten und Musikwissenschaftler, nach einer Kompromisslösung zu suchen.

Seit 1983 arbeitet ein internationaler Think Tank aus Bruckner-Forschern an dem vierten Satz des Werkes. Die Komponisten, Dirigenten und Musikwissenschaftler Nicola Samale, Giuseppe Mazzuca, John Phillips und Benjamin-Gunnar Cohrs beendeten das Finale vorläufig 2005. Das Ergebnis ist an vielen Stellen notwendigerweise spekulativ, da einfach zu viel in den Fragmenten Bruckners fehlt, aber der Gesamteindruck ist verblüffend authentisch und in vielem schlüssig.

Premiere in Aachen

Das Konzertpublikum und die Bruckner-Gemeinde erwartete viel, als am 28. Mai 2007 Bruckners Neunte Sinfonie in der neuen, vervollständigten Version uraufgeführt wurde. Das Sinfonieorchester Aachen kann auf eine lange Tradition zurückblicken, doch gerade unter der Leitung von Marcus Bosch hat es sich in jüngster Zeit durch bemerkenswerte, eigenständige Bruckner-Interpretationen einen Namen gemacht. Die vorliegende Aufnahme ist ein Live-Mitschnitt dieses Konzertes. Gleich der erste Satz beginnt grandios. Die einzelnen Themen werden individuell charakterisiert und vor allem der Kontrast aus traditioneller thematischer Entwicklung und der den Sonatensatz konterkarierenden Dynamik hin zu einem späten Höhepunkt gelingt Bosch fulminant. Problematisch ist wohl der dritte Satz. Man muss hier nicht ein Anhänger Celebidaches sein, um zu hören, dass er mit knapp 19 Minuten viel zu schnell gespielt ist und so die dichte Struktur an vielen Stellen einfach verschwimmt. Bosch bezieht wohl in der nun viersätzigen Neunten die Tempi auf die Gesamtlänge und die Architektur der Sinfonie und kam so zu seiner völlig neuen Interpretation. Aus einem traditionellen Bruckner-Hörverständnis heraus, kann man das Adagio separat betrachtet aber in diesem Tempo eigentlich nur ablehnen.

Überraschend ist auch Boschs zweiter Satz, denn hier dehnt er übermäßig das Tempo. Für das Scherzo mag das noch funktionieren, doch das anschließende Trio notiert Bruckner ja ‘schnell’, und in der Regel klingt es noch unruhiger als das Scherzo. Die erzielte Wirkung ist zwar interessant und nicht unbedingt zu bedauern, sie entspricht nur nicht der Partiturvorgabe und den erwünschten Relationen der Sätze zueinander.

Der mit Spannung erwartete Finalsatz entspricht durch und durch der musikalischen Sprache Anton Bruckners, auch da wo die rudimentären Fragmente bei den Forschern viel Phantasie erforderten. Bisweilen wirkt er etwas aneinandergesetzt und heterogen, aber auch hier sollte man sich fragen, ob dies nicht vielleicht wirklich der Musik Bruckners entspricht. Sein Stil befand sich stets quer zum herrschenden ästhetischen Diskurs und die blockhafte Aneinanderreihung hat auch ihren Reiz. Im brucknerschen Kompositionsstil war sie legitimes Mittel. Den Höhepunkt hat der Satz in seinem überwältigenden, jenseitigen Choraleinsatz. Allein wegen diesem lohnt sich die Verwendung des Finales. Bruckners Neunte ist nun eine andere Sinfonie!

Ja, an vieles in dieser Aufnahme wird man sich wohl erst gewöhnen müssen, je nachdem ob man das Gesamtwerk Neunte Sinfonie vorzieht oder sich in Details verliebt. Tempi à la Celibidache sind hier im Prinzip nicht mehr möglich. Boschs proportionales Denken ist revolutionär, aber in sich stimmig. Besonders das Finale gibt Bruckners neunter Sinfonie einen schlüssigeren Abschluss, als bisher. Die Sinfonie, die bisher im Adagio ruhig, nachdenklich mündete, endet nun in einem grandiosen, feierlichen Hymnus. Der Blechbläserchoral im Finale erklingt konsequent wie die Auferstehung des Choralthemas aus dem Adagio. Zudem wird ein enger thematischer Bezug zum ersten Satz deutlich. Ruft man sich Bruckners Widmung an ‘den lieben Gott’ noch mal ins Gedächtnis, so ist das neue feierliche Finale wirklich eine sinnvolle Aufführungsvariante, da sie der Intention des Komponisten am Nächsten kommt.

Bei der Klangqualität muss man dem Label Coviello wieder ein großes Lob machen. Die Live-Aufnahme aus St. Nicolaus in Aachen wurde noch um einiges überarbeitet und besitzt nun einen klaren, fein ausdifferenzierten Klangpegel. Marcus Boschs Orchesterklangbild tendiert zwar zu den Blechen und vernachlässigt mitunter die Streicher, doch sein Orchesterklang ist im positiven Sinne monumental, extrem vielschichtig und auf der SACD sind auch die feinsten Nuancen ganz wie im Konzertsaal durchhörbar.

Die Aufnahme gehört in jede Bruckner-Diskographie, allein wegen dem neuen Finale. Inwieweit eine Interpretation noch zu verbessern sei, wird die Zukunft zeigen. Vielleicht werden sich nach dieser Einspielung nun auch bekanntere Orchester und Dirigenten an die neu-vollendete Neunte wagen. Auch bei Gustav Mahlers Zehnter Sinfonie fand man bis heute keinen Konsens und es wird auch bei Bruckner Sinfonie wohl nie einen geben. An Verständnis seiner Musik kann man durch solche Aufnahmen aber nur gewinnen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruckner, Anton: Sinfonie Nr. 9 d-Moll (vervollständigt)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Coviello Classics
1
01.11.2007
EAN:

4039956307112


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Bruckner, Anton
 - Sinfonie Nr. 9 d-Moll - Gemäßigt, Misterioso
 - Sinfonie Nr. 9 d-Moll - Scherzo. Bewegt, lebhaft - Trio. Schnell
 - Sinfonie Nr. 9 d-Moll - Adagio. Langsam, feierlich
 - Sinfonie Nr. 9 d-Moll - Finale [Misterioso; nicht schnell]


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Dirigent(en):Bosch, Marcus
Orchester/Ensemble:Sinfonieorchester Aachen


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Coviello Classics

Für Coviello Classics steht bei einer Musikproduktion immer das besondere Hörerlebnis im Vordergrund ? alle technischen und organisatorischen Entscheidungen müssen sich diesem ästhetisch definierten Ziel unterordnen. Wesentliche Entscheidungen treffen bei coviello classics nicht gewinnorientierte Manager, sondern kreative Musik-Gestalter: zum einen die Gründer, Geschäftsführer und prägenden Köpfe Olaf Mielke und Moritz Bergfeld, die als Diplom-Tonmeister und Aufnahmeleiter den coviello classics-Produktionen ihr ?klangliches Gesicht? geben, zum anderen die Interpreten, die für coviello classics immer die wichtigsten Partner sind. Ihre künstlerische Aussage ist das zentrale Kriterium für die Qualität einer Aufnahme; sie sind in alle ästhetischen Fragen einer Veröffentlichung einbezogen.

Hoher Repertoirewert

Grundvoraussetzung für unsere Neuproduktionen sind die besonderen Anforderungen an Künstler und Repertoire. Um dem Klassikmarkt neue Impulse zu geben, produziert coviello classics bislang wenig beachtetes Repertoire, oftmals in Weltersteinspielungen, und sorgt damit immer wieder für überraschende Entdeckungen. Bekanntere Werke erscheinen durch ungewöhnliche Interpretationen in neuem Licht ? hier gibt es keine ideologischen Grenzen oder vermeintlichen Authentizitäts-Anspruch; lebendige Musikkultur zeigt oft das vertraute in ganz anderem klanglichem Gewand. Ein besonderer Schwerpunkt ist die seit einigen Jahren etablierte Reihe coviello contemporary, in der sich die Nähe zum weltbekannten Darmstädter Institut für neue Musik in ganz aktuellen Kompositionen bemerkbar macht.

Technische und ästhetische Kompetenz

coviello classics ist das Label, unter dem die Aufnahmen der Produktionsfirma MBM vertrieben werden ? ob als CD, DVD oder SACD. Durch einen ganz speziell für die Anforderungen hochwertigster Musikproduktionen konzipierten Übertragungswagen sind die Voraussetzungen für die Aufnahmequalität bei MBM optimal. coviello classics bietet darüber hinaus in jedem Bereich und in jeder Phase der Realisierung einer Musikproduktion ? bis hin zu grafischer Gestaltung und Textredaktion bei den begleitenden Druckmedien ? sowohl Logistik und hochwertiges Gerät wie auch technisches und ästhetisches Know-how.

Grafiken, Texte und weltweite Wege

Zu einer Musikveröffentlichung gehört nicht nur der gespeicherte Ton ? da gibt es noch einiges mehr zu gestalten. Das Cover einer CD, DVD oder SACD muss nicht nur grafisch ansprechend gestaltet sein, sondern auch einen sinnvollen Zusammenhang mit dem musikalischen Inhalt herstellen. Das begleitende Booklet soll umfassend über Werke, Künstler und Aufführungspraxis informieren; die Texte müssen wissenschaftlicher Prüfung standhalten, aber trotzdem allgemein verständlich und auch noch unterhaltsam sein ? schwierige Herausforderungen auch über die Musik hinaus, für die coviello classics mit erfahrenen Grafikern und Textautoren zusammenarbeitet. Schließlich muss das fertige Produkt an möglichst vielen Orten der Welt erhältlich sein. Dafür haben wir in vielen Ländern in Europa, Asien und Nordamerika Partner vor Ort, die ihren Markt genau kennen. Sie werden laufend mit Neuheiten, Informationsmaterial und Rezensionen aus der Presse versorgt ? auch wenn die Produktion eigentlich fertig ist, macht sie uns noch viel Arbeit.


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