> > > Scarlatti, Domenico: Cembalosonaten K 476-519
Samstag, 28. Mai 2022

Scarlatti, Domenico - Cembalosonaten K 476-519

Unerschöpflicher Sonatenschatz


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die elfte Tripel-CD der Gesamteinspielung der Cembalosonaten von Domenico Scarlatti durch Pieter-Jan Belder zeigt den schier unerschöpflichen Reichtum dieser Musik und lädt zu immer weiteren Streifzügen durch die Virtuosität des Cembalos ein.

Die vorletzte Dreierbox der großen Gesamteinspielung aller Cembalosonaten Domenico Scarlattis durch Pieter-Jan Belder, im Frühling des gerade vergangenen Jahres aufgenommen, ist erscheinen, und immer noch wird diese Vielzahl nicht gleichförmig oder gar langweilig, ja nicht einmal langwierig.

Pieter-Jan Belder ist schon häufig durch Gesamteinspielungen hervorgetreten: an den Riesenprojekten zu Bach und Mozart war er beteiligt, momentan arbeitet er an einer Gesamteinspielung der Kammermusik Henry Purcells. Nicht nur die Spezialinteressenten können ihm für diese Arbeiten dankbar sein, denn Belders formidables Cembalospiel vermag wirklich Welten und Einblicke zu öffnen, die dem Anspruch eines Gesamtwerkes, wenn es überhaupt möglich ist, gerecht werden. Hier treffen sich Musikalität, Forschung und Vermittlung im fruchtbarsten Schnittpunkt. 

Bei einer Einspielung von 555 Sonaten liegt der Verdacht nahe, dass das einzelne Werk etwas wenig Aufmerksamkeit erhält. Allerdings hat das Projekt einen Zeitraum von fast zehn Jahren hinter sich, und es ist nicht zu hören, dass Belder über die Sonaten hinwegspielt. Man mag den Eindruck der Gleichförmigkeit haben, wenn man den effektbewussten Sonaten mit einer deutschnordischen, ewigtiefsinnigen Haltung begegnet, aber das geht an den Stücken wie an der Interpretation geradewegs vorbei. Die ‘Gefahr der 555’ ist nämlich für den Hörer fast größer als für den Interpreten.

Belder tritt hier mit einer sauber virtuosen Grandezza auf, die Wahl und die Schwankungen des Tempos sind weitgehend sehr gelungen. Die beiden Cembali, die Belder spielt, klingen herrlich transparent, besonders die oberen Lagen besitzen eine helle Strahlkraft, die selten zu hören ist. Vielleicht hätte Belder so sogar noch etwas mehr mit den Effekten auftrumpfen können, denn dass Scarlattis eigenes Cembalospiel den großen Effekt auf die Zuhörer nicht verfehlte, weiß man etwa aus dem berühmten Augenzeugenbericht des englischen Komponisten Thomas Roseingrave, es hätten tausend Teufel im Cembalo gewohnt, wenn Scarlatti es spielt. Angeblich hat Roseingrave sein Cembalo nach diesem Eindruck einen Monat lang nicht mehr angerührt.

Das lässt sich unter dem Höreindruck etwas der mit Presto überschriebenen Sonate K.483 in F-Dur nachvollziehen. Das Geflecht der Stimmen und Figuren ist so delikat und feinsinnig abgewogen, dass der Spieler neben einer gehörigen Portion Fingerfertigkeit fast noch mehr Leichtigkeit und Eleganz benötigt und dem Stück zum Klingen und Wirken zu verhelfen. Belder vermag dies aufzuschließen, seine Virtuosität bleibt nicht auf den Tasten zurück, sondern wächst weiter zum Gestischen, Zeigenden. Aber nicht nur rauschende Linien, auch die felsigen Akkordblöcke, wie die der grandiosen Sonate K. 487, gibt Belder herausragend. Zwar können wir nicht wissen, wie teuflisch Scarlattis selbst diese Sonaten gegeben hätte, aber Belders Spiel macht unmittelbar deutlich, dass Scarlatti nicht eine Sonate zu viel komponiert hat.

Natürlich hat es das Projekt, 555 einsätzige Sonaten einzuspielen in sich, und, wie man sich denken kann, es leider auch nötig, sich gegen Gleichförmigkeits- und Langeweilevorwürfe zu verteidigen. Dass die Sonaten, und damit auch die drei CDs, ähnlich klingen, ist nicht von der Hand zu weisen: aber dieses Stilmerkmal, diesen Stilcharakter in einen Vorwurf zu wenden, wäre absolut verfehlt. Die Ähnlichkeit ist ja keine Gleichheit: wie sich ebenso nur äußerst oberflächlich behaupten ließe, jedes Buch von Bernhard und jedes Bild von Monet sei gleich oder auch nur verwechselbar. Hier wie dort wird ein künstlerisch gesetztes System ausgespielt, bei Scarlatti eben ein virtuos-concettistisches Konzept, und das einzig gleichförmige daran ist der individuelle Stempel. Viel beunruhigender und zweifelhafter wäre es, wenn jede CD einen anderen Scarlatti und einen anderen Belder zeigen würde: da würde das Gesicht verschwinden, da wäre der lange Atem erstickt. In diesem Sinne geht Belders riesenhaftes Projekt über eine bloße Dokumentation hinaus, und wird im besten Begriff museal: nicht als Ort der Konservierung, sondern der Auseinandersetzung, nicht als normative, sondern als freisetzende Geste. Scarlatti verschwindet nicht unter der Masse der Sonaten wie in einer Vitrine, sondern wird durch Projekte wie dieses erst offengelegt und hörbar.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Scarlatti, Domenico: Cembalosonaten K 476-519

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
3
19.10.2007
Medium:
EAN:

CD
5028421935768


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Brilliant classics

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Mit den Veröffentlichungen von komplettierten Gesamtwerks- Editionen und Zyklen berühmter Komponisten, hat sich das Label erfolgreich am Musikmarkt etabliert. Der Klassikmusikchef, Pieter van Winkel, ist Musikwissenschaftler und selbst Pianist. Mit seinem professionellen musikalischen Gespür für den Klassikmarkt, hat er in den letzten Jahren ein umfangreiches Klassikprogramm aufgebaut. Neben hochwertigen Lizenzprodukten fördert er mit Eigenproduktionen den musikalischen Nachwuchs und bietet renommierten Musikern eine ideale Plattform.


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