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Donnerstag, 19. September 2019

Hindemith, Paul - Rilke-Lieder

Sanfter Rilke


Label/Verlag: Thorofon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Brücke von spätexpressionistischem Hindemith bis postmoderner Wittemeier auf Werke von Rainer Maria Rilke zu schlagen gelingt zwei Solisten gemeinsam mit Fabian Dobler.

Rainer Maria Rilke galt bereits mit Mitte 30 als einer der gefragtesten Dichter seiner Zeit, und wenngleich nicht unumstritten, waren doch seine Werke vor allem bei den Intellektuellen bis in die 1930er Jahre beliebt. Der naheliegenden Rezeptionsidee, die Gedichte des gebürtigen Pragers in Musik zu setzen, haben sich dann bald eine Reihe namhafter Komponisten angenommen, zu denen in den 1920er Jahren Paul Hindemith gehörte. Als 27-jähriger nahm er 1922 die Arbeit an der Vertonung von ‘Das Marienleben’ auf; immerhin ein Jahr dauerte die Arbeit daran, was für den sonst im rasanten Tempo arbeitenden Komponisten eine ungewöhnlich lange Zeit war. Das 15 Gedichte umfassende Werk ist einer der Meilensteine in seinem Schaffen, und er selbst maß ihm solche Bedeutung bei, dass er es 1948 nochmals überarbeitete.

Die nur selten in reinen Dreiklängen verlaufende Musik fordert den Musikern vor allem Gefühl für die eigentlichen lyrischen Momente ab. Hindemiths Marienleben wird zu den expressionistischen Werken mit frühen Zügen einer späteren Sachlichkeit gezählt. Trotz der nicht immer eingängigen Melodie erreicht Barbara Sauter jenen empfindsamen Ton, welcher sich am ehesten mit den zarten Versen Rilkes versteht. Obwohl die Lage für den Sopran nicht übermäßig hoch liegt, fordern die im Fortissimo gehaltenen hohen Töne mehr als Kraft und Sicherheit. Sauters Sopran setzt sich gleichsam auf die Töne, als käme sie selbst von erhabener Position und sichert so selbst exponierenden Stellen das lyrische Moment.

Versiert begleitet Fabian Dobler die Sopranistin und im Folgenden auch den Tenor durch das Rilkewerk. Sein Spiel ist unter anderem begünstigt durch die hervorragende Arbeit des Komponisten, der ihm mit einfachen Mitteln ein imposantes Musizieren ermöglicht. Mit Feingefühl für die sehr unterschiedlichen Charaktere der einzelnen Lieder webt er einen sanft fallenden und nie schwerfälligen Klangteppich, über dem sich die Solisten entfalten können. Obwohl er sich offen hörbar in der Rolle der Begleitung versteht, entsteht dennoch kein Gefälle zwischen Sänger und Pianisten. Justiert und dosiert steht der Klang des Duetts im Raum.

Das Interesse Regina Wittemeiers an den Gedichten Rilkes ist wohl nicht durch besondere Zeitnähe zu erklären, erblickte sie doch erst 1956 das Licht der Welt. Ihrer eigenen Aussage zufolge war sie schon in der Jugend von der Tiefe und Melancholie der Texte fasziniert. Anders als Hindemith erlaubt Wittemeier einen Einblick in ihre Musik, indem sie die musikalischen Motive im Booklet kurz erläutert. Die Musik selbst soll hier nicht bewertet werden, nur soviel, als es nicht verwundern darf, dass sich zwischen beiden Komponisten eine gewisse Kluft auftut. Mit lautmalerischen Mitteln und leicht nachvollziehbaren kompositorischen Entscheidungen geht sie den Texten eher intuitiv denn expressionistisch-neusachlich nach.

Tenor Richard Wiedel gelingt der Ausdruck der Grundstimmung durch intensives Artikulieren, wenngleich die Intensität hinter der Barbara Sauters noch etwas zurückbleibt. Die vielen Stimmungswechsel sowie die dicht aufeinanderfolgenden Tonarten mit plötzlich eintretenden fremden Zieltönen meistert er hervorragend. Die dabei zwischendurch auftretenden kleinen Unsauberkeiten in den schnellen Passagen kommen durch die Kurzlebigkeit kaum zum Tragen. Mehr als Ausgleich bietet er dagegen in den lyrischen Passagen, wenn er in einer Mischung aus Zurückhaltung und klarer Präsenz, im Piano wie im Mezzoforte, zu überzeugen vermag.

Selbst wenn man den Liedern Wittemeiers musikhistorisch nicht den gleichen Stellenwert einräumen kann wie denen Hindemiths, erscheint die Kombination beider Komponisten auf dieser Aufnahme dennoch nicht als unglücklich. Ein ähnliches Klangfeld benutzend und den gleichen Dichter vertonend stehen sich die beiden jedenfalls nahe genug für eine gemeinsame Pressung. Schade ist hingegen, dass von den 15 Stücken Hindemiths nur sechs aufgenommen wurden. Am Platz kann es nicht gelegen haben, denn mit einer Spielzeit von einer guten Drei-Viertel-Stunde sind die Kapazitäten des Rohlings noch nicht ausgereizt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Thomas  Richter Kritik von Thomas Richter,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hindemith, Paul: Rilke-Lieder

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Thorofon
1
16.10.2007
Medium:
EAN:

CD
4003913124586


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Thorofon

In der nunmehr über 40jährigen Tradition von THOROFON wurde ein respektabler, vielfach preisgekrönter Katalog aufgebaut. Eine Schatztruhe für besondere musikalische Raritäten, die die Lücken in der Überlieferung der musikalischen Tradition ein bisschen verkleinern, und außerdem jungen, talentierten Interpreten eine Chance geben. Zu unseren Schätzen gehören ebenfalls Gesamteinspielungen von Ludwig van Beethovens Klaviersonaten, sämtliche Werke für Klavier solo von Johannes Brahms, Gesamtausgabe der Kammermusik von Josef Rheinberger, das Gesamtwerk von Louis Ferdinand Prinz von Preussen, das komplette Klavierwerk von Robert Schumann, eine Gesamteinspielung der Max Reger Kompositionen auf 13 CD, die das abwechslungsreiche Repertoire von THOROFON abrunden.

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THOROFON ist ein Label der BELLA M USICA EDITION JÜRGEN RINSCHLER.


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