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Dienstag, 12. November 2019

Brahms, Johannes - Vokal-Quartette

Brillanten mit Katzengold


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Brahmsquartette mit Klavierbegleitung gehören nicht zum Alltagsrepertoire der Konzertsäle. Der Kammerchor Stuttgart bietet eine sehr klangintensive Interpretation, wobei er leicht ins Kitschige zu rutschen droht.

Kaum eine andere Gattung der Musik dürfte der Erfindung von Tonträgern so dankbar sein wie die anspruchsvolle Kammermusik. Für die meisten Konzertsäle nicht effektvoll genug und für die Hausmusik zu schwierig, verbrachten viele Werke hervorragender Komponisten die meiste Zeit in den Archiven. So ähnlich mag das Schicksal es für die Quartette für vier Stimmen mit Klavier von Johannes Brahms vorgesehen haben. Aber auf derart negative Eigenschaften reduziert täte man den Werken des romantischen Tonsetzers Unrecht. Die anspruchsvollen kurzen Stücke in ihrer kleinen Besetzung bieten mehr als nur reizvolle Unterhaltung.

Die zwischen 1864 und 1888 entstandenen vier Quartette basieren auf Texten unterschiedlicher Dichter. In der Wiedergabe orientiert sich das Ensemble um Frieder Bernius vor allem am Stimmungsgehalt der Inhalte. Die äußerst saubere Interpretation des Kammerchores Stuttgart weiß durch einen vollen Klang mit ausbalancierter Dynamik in den Singstimmen zu überzeugen. In verschiedenen Passagen dagegen stellt das Vokalensemble durch kraftvolle Interpretation das Klavier, gespielt von Andreas Rothkopf, zu sehr in den Hintergrund, wodurch manch filigrane Begleitung verloren geht. Die Singstimmen stehen en bloc vor der Begleitung, wodurch schließlich nicht nur die Transparenz des gesamten Ensembles verloren geht. Oft kann der Hörer nicht einmal mehr feststellen, ob es sich um eine solistische oder eine chorische Besetzung handelt. Mit fast schon impressionistischer Flächenwirkung beschwören die Schwaben den Rausch der Romantik, als gelte es, das Schöne noch schöner zu machen. Dass diese Aufnahme dennoch nicht langweilig wird, liegt nicht nur an der Präzision der Intonation. Die im Charakter recht unterschiedlichen Stücke sind zwischen zwei und sechs Minuten lang und werden als kleine Einheiten für sich präsentiert. Wie ein kleiner Spannungsbogen über die einzelnen Quartette, verbunden durch ein geschlossenen Interpretationskonzept, entstehen immer wieder neue Glanzpunkte.

Die verlorenen Details in der musikalischen Interpretation wirken wie ein bewusstes Konzept. Nichts soll von den schwelgenden Stimmungsbildern ablenken. Es finden sich im Booklet recht kurze Einführungen für die Quartettkompositionen, die mehr hinführend als erklärend sind. Vor allem der Wert der Brahmsschen Kammermusik wird deutlich hervorgehoben, allerdings bleibt jede Erklärung aus, warum man vor allem auf die reifen Werke dieser Gattung, op. 112 Nr. 3-6 verzichtete. Ebenso wurde auf den Abdruck der Texte selbst sowie die Angabe der Namen der Sänger verzichtet. Das ist schade, denn durch die klanglich kompakte Interpretation geht textlich einiges verloren, was sicherreizvoll gewesen wäre.

Es ist wohl den begrenzten Aufnahmekapazitäten der Langspielplatte zuzurechnen, dass nicht alle Quartette auf der CD enthalten sind. Immerhin stammt diese Aufnahme aus dem Jahre 1983 und ist daher auf die Spieldauer von gut 41 Minuten begrenzt. Lohnenswert bleibt die Anschaffung für alle, denen die fast schon zu schöne Interpretation zusagt und für die es nicht auf die Vollständigkeit des Repertoires ankommt. So erkennt man die Hingabe der Württemberger Musiker als echte Begeisterung für eine Musik, die sich für die fast schon kitschige Interpretation eignet, einer Entscheidung, die nicht zuletzt den 80er Jahren zuzuschreiben sein dürfte. Wer das berücksichtigt, sieht in dieser Aufnahme vielleicht den besonderen Charme einer Generation, die sich vor allem für den vollen Klang begeistern konnte. Diesen für die Kammermusik einzusetzen lässt sich fast schon als Verdienst bezeichnen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Thomas  Richter Kritik von Thomas Richter,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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     Brahms, Johannes: Vokal-Quartette

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Profil - Edition Günter Hänssler
1
17.09.2007
Medium:
EAN:

CD
881488602128


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Profil - Edition Günter Hänssler

Profil - The fine art of classical music
EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
"Nur ein Label mit einem klaren PROFIL, mit einem eindeutigen Wiedererkennungseffekt hat heute noch eine Chance auf dem heiß umkämpften CD-Markt - um die Liebhaber klassischer Musik heute mit einem Produkt zu überzeugen braucht man Originalität, Innovation und optimierte Vertriebswege."
Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
Die Repertoire-Politik ist charakteristisch. Eine Auswahl erster internationaler Künstler finden sich im Programm von PROFIL ebenso wieder wie erfolgreiche Newcomer der Klassikszene, darunter das mehrfach preisgekrönte Klenke-Quartett, das in der Interpretation von Kammermusik in den letzten Jahren neue Maßstäbe setzen konnte.
Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
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