> > > Bach, Johann Sebastian : Goldberg Variationen BWV 988 arrangiert für Orgel
Samstag, 29. Januar 2022

Bach, Johann Sebastian - Goldberg Variationen BWV 988 arrangiert für Orgel

Geglücktes Experiment


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die von Organist Hansjörg Albrecht selbst verfasste Transkription der Goldberg-Variationen für Orgel stellt ein aufwendig, mit hoher musikalischer Kompetenz und Intelligenz gestaltetes, absolut hörenswertes Ereignis dar.

Das einleitende bzw. abschließende Thema der Aria aus Bachs Goldberg-Variationen hat wohl so gut wie jeder schon einmal gehört – und sei es unbewusst, wie beispielsweise in dem modernen Hollywood-Streifen ‘Das Schweigen der Lämmer’. Mag man sich über die äußerliche Verpackung sicherlich noch so trefflich streiten können, so wird dieses Werk dort symbolhaft doch als das verwendet, wofür es gemeinhin in der Tat zu Recht steht, nämlich als Sinnbild formvollendeten musikalischen Intellekts. 

Auf der bei Oehms Classics erschienenen CD hat sich Organist Hansjörg Albrecht dem mutigen Unterfangen einer, von ihm eigenhändig konzipierten Transkription dieses gewaltigen Zyklus´ für Orgel unterzogen. Nicht zum ersten Mal hat er dabei übrigens eine ungewöhnliche Idee in die Tat umgesetzt: Hat er doch vor einiger Zeit beim gleichen Label bereits Passagen aus Wagners ‘Ring’ in einer Bearbeitung für die ‘Königin der Instrumente’ vorgelegt.

Schon beim bloßen Gedanken an ein derartiges Projekt muss man zwangsläufig neugierig werden. Und geradezu folgerichtig zeitigt die Einspielung denn auch das erwartet spannende Ergebnis, das im Übrigen an der im Jahre 2000 eingeweihten und für ihre Herstellung preisgekrönten Mühleisen-Orgel der Stiftskirche zu Bad Gandersheim präsentiert wird.

  

Dass das Gelingen des Vorhabens ganz entscheidend von einer passenden Registrierung sowie davon abhängt, die schon aus instrumentenspezifischen Gründen notwendigen, bearbeitenden Zusätze mit Bedacht anzubringen, um dem sensiblen und überaus komplex strukturierten Werk keine Gewalt anzutun, ist von vornherein offensichtlich. Und tatsächlich gelingt es Albrecht weitestgehend, diese Gratwanderung zu meistern.

Das berühmte Ausgangsmotiv wird luftig-zart mit einer behutsamen Nasat-Registrierung eingeführt. Die folgende erste Variation erklingt wunderbar schwebend, mit geschickten, dezenten Akzentuierungen in der Basslinie des Pedals. Auch in der dritten, in vorherrschendem Schalmeiklang gehaltenen Abwandlung heben sich die einzelnen Stimmen differenziert voneinander ab. Etwas derb allerdings wirken die in der Variation vier verwendeten Zungenstimmen, die der Musik einen etwas plumpen und grobkörnigen Ton verleihen. Gleiches gilt im weiteren Verlauf übrigens für die Variationen acht, zehn, 14, 20 und 29 – mit anderen Worten überall dort, wo opulente Grand Jeux-Registrierungen mit eher schwerfälligen Zungen- und Blechbläserregistern einen relativ rasselnden Klang erzeugen. Dieser ist ebenso wie die recht gedämpfte und sonore Einfärbung der Stücke sechs, 12 und 21 sicherlich Geschmacksfrage, wird aus meiner Sicht dem Charakter und der Architektur des Werks jedoch nicht unbedingt gerecht.

Ansonsten aber nutzt Albrecht die sich auf diesem Instrument geradezu aufdrängende Möglichkeit, das Stimmengefüge durch entsprechende klangfarbliche Schattierungen mit zusätzlicher Transparenz zu füllen, auf überzeugende Art und Weise. Feingliedrig, herrlich schwerelos und von gläserner Klarheit kommen so ganz besonders die Nummern fünf, sieben, 11, 17, 23, 26, 28 und 30 daher, in denen sich die hier verwendeten helleren, reineren Klänge im Holbläser- und Streicherbereich meines Erachtens als die weitaus geeigneteren erweisen. Dass auch eine vollere Registrierung durchaus mit dem nötigen Feingefühl und stilistischen Spürsinn möglich ist, beweisen die Variationen zehn, 16, 22 und 24.

Insgesamt zeigt sich Hansjörg Albrecht der anspruchsvollen Aufgabe somit durchaus gewachsen und sorgt für ein in jedem Fall aufregendes und hoch interessantes Hörerlebnis. Ein Sonderlob verdient sich schließlich unbedingt das Booklet, das – bei gleichzeitig sehr schöner und übersichtlicher Gestaltung – mit einer immensen Fülle an wertvollen Informationen und Erläuterungen aufwartet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian : Goldberg Variationen BWV 988 arrangiert für Orgel

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
19.10.2007
Medium:
EAN:

SACD
4260034866256


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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