> > > Staud, Johannes Maria: Apeiron, Musik für großes Orchester
Donnerstag, 21. März 2019

Staud, Johannes Maria - Apeiron, Musik für großes Orchester

Musik im Kaleidoskop


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Johannes Maria Staud zeigt sich auf einer neuen Portrait-CD als Forscher und Verwalter von vielfarbigen Klängen, die kaleidoskopartig stets neu sich zusammenfügen.

Nur einer kurzen Drehung bedarf es, und die unscheinbaren Gestalten im Innern eines Kaleidoskops erscheinen in neuem Licht, gesellen sich zu neuen Formen und fordern neues Sehen. Wie kaum ein anderer Komponist seiner Generation schafft der junge Österreicher Johannes Maria Staud in seinem Werk Beziehungen und Querverweise, die zwar Kohärenz stiften, doch nie zu langweiliger systematischer Geschlossenheit. Eine neue, bei Kairos erschienene CD führt beispielhaft dieses beziehungsreiche Denken vor und stellt Staud zudem als ungemein vielseitigen Komponisten vor, dessen Sinn für musikalische Farben scheinbar jede Besetzung wunderbar koloriert.

Das Orchesterstück Apeiron und das Klavierwerk Peras umrahmen die Auswahl der Einspielung; ein Werk für 101 Ausführende und ein Solostück, grundverschieden, und doch zwei Seiten derselben Medaille. In der vorsokratischen Philosophie bezeichnet Apeiron das Unbegrenzte, Unendliche, Peras hingegen das Bestimmte und die Ordnung. Dieses Gegensatzpaar weist zugleich auf die Spannung hin, der sich ein Komponist wie Johannes Maria Staud ausgesetzt sieht: die Dialektik von assoziativen Ideen und formaler Strenge. In der großen Orchesterbesetzung tendiert die Musik zum ständigen Bilden neuer Formen, die schier unbegrenzten Kombinationsmöglichkeiten orchestraler Farben schaffen einen Überfluss an Höreindrücken, gezoomte Ausschnitte eines klanglichen Makrokosmos. Die Zeit überholen, war die Prämisse, unter der Staud angetreten ist; jedoch führt die Vielfalt, der man gelegentlich schon die Nähe zum Beliebigen attestieren könnte, nicht zur rasanten Hetze: es ist dem brillanten Klangsinn Stauds zu verdanken, dass die rasche Folge der Ereignisse vor allem dazu dient, Fragilität darzustellen.

Das Klavierwerk Peras ist in seiner stoischen Ruhe eine Betrachtung des Klanges von innen. Es wirkt wie der Samen, aus dem später Apeiron beginnt zu wuchern. Doch als einfache Vorstufe zum großen Orchesterwerk wäre Peras deutlich unterbewertet. Es beginnt, seine eigene Dynamik zu entwickeln, indem es hinweist auf Möglichkeiten des Weiterentwickelns, auch auf Stellen, die veröden, auf ungenutzte Potentiale.

Apeiron ist als Auftragswerk der Berliner Philharmoniker entstanden, die auf dieser Einspielung unter Leitung von Sir Simon Rattle zu hören sind. Über die Qualitäten dieses Orchesters muss kein Wort mehr verloren werden; vielleicht war es auch ihr vielschichtig-homogener Klang, den Staud beim Schreiben seines Orchesterwerkes vor Ohren gehabt hat. Der Pianist Mario Formenti ist der Interpret des 2005 entstandenen Klavierstücks Peras. Er erfüllt die Forderung der Musik nach äußerster Klarheit tadellos, gibt dem Hörer die Möglichkeit zum strukturellen Nachvollzug und zum wachsamen Hören.

‘Towards a brighter hue’ – eine Wanderung zu leuchtenden Farben – ist topographisch mehrfach im Staudschen Beziehungsnetz abgesichert. Es findet seine Keimzelle in einer zunächst untergeordneten Klangfigur aus Stauds Oper ‘Berenice’. Aus ihr entwickelt sich ein Bewegungsmuster, das jedoch schon bald in neue Wege abbiegt, unter anderem in eine Sextolenbewegung, die sich später in Apeiron wieder finden wird. Der Widmungsträger Ernst Kovacic hat das Werk für diese Sammlung aufgezeichnet; sein pulsierendes Spiel und seine hervorragende Klanggebung erzeugen einen Fluss, an dessen Ende jene hellen Farben stehen, von denen der Titel spricht. Fein ausgehörte und sehr gut intonierte Mikrointervallik, Musik von introvertiertem Charakter, die scheinbar völlig in sich gekehrt zu sprechen beginnt.

Ein Werk für Saxophon, Bläserensemble und Schlagwerk ist von Marcus Weiss und dem famosen Bläserensemble Windkraft Tirol unter Leitung von Kasper de Roo zu hören: Violent Incidents, eine Hommage an Bruce Nauman, ein Stück, das schleichend Formen der Gewalt in Musik umsetzt. Auch hier zeigt uns Staud die Fragilität, die Bedrohung einer Welt, deren alltäglichen Formen von Gewalt wir ständig ausgesetzt sind. Durs Grünbein weist in einem schönen Einführungstext zum Wesen Johannes Maria Stauds auf die Kostbarkeit und Zerbrechlichkeit von Musik in einer Welt des Brachialen hin. Deutlicher als in ‘Violent Incidents’ könnte dies nicht werden.

Einer eigenen Werkreihe gehört ‘Incipit III’ für Posaune und kleines Orchester an. Der Posaune sind hier zwei Hörner, ein großer Schlagzeugapparat und ein Streichorchester gegenübergestellt, die die vielfältigen Klangcharaktere der Posaune reflektieren, verarbeiten und in neue Strukturen überführen. Das Paradoxon der Incipit-Reihe liegt im Postulat, dass trotz der ständigen Fortspinnung und Wucherung des Materials die ‘Potentialität des Anfangs’ gewahrt bleibe. Uwe Dierksen, dessen farbenreiches, hochvirtuoses Posaunenspiel die ganze Incipit-Trilogie prägt, schafft das ganze Stück über eine sprudelnd keimende Kraft, die tatsächlich das immer wieder neu Beginnende evoziert, ständig Spannung erzeugt auf die Entwicklung, die stets neue Anfänge aufbaut. Staud zeigt sich vor allem in diesem Werk als großartiger Spieler mit den Farben des Orchesters: obwohl der Apparat hier vergleichsweise klein ist, entsteht ein vielschichtiger Gesamtklang, mit faszinierenden Blendungen und Mischungen der einzelnen Gruppen. Für die detailgetreue Wiedergabe dieser akustischen Querverweise zeichnen die Musiker des WDR Sinfonieorchesters unter der Leitung von Lothar Zagrosek verantwortlich, der mit gutem Formsinn eine stringente Interpretation präsentiert.

In seinen geordneten Bezugssystemen erweist sich Johannes Maria Staud immer wieder als ein Komponist, der verschlungene Wege bevorzugt, sich auf ganz eigene Weise seinen Weg durch eine musikalische Welt bahnt, und seine Zuhörer auf bewegende Art und Weise daran teilhaben lässt. Das Misstrauen gegenüber einer Welt, die feine Klänge überdröhnt, und die Gewissheit, dass Musik dagegen steht, lassen diese Werke zu, zwischen kindlicher Neugier und erwachsener Reflektion.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Staud, Johannes Maria: Apeiron, Musik für großes Orchester

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
16.11.2007
EAN:

9120010281242


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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