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Donnerstag, 24. September 2020

Kagel, Mauricio - Divertimento?

Alt und jung und neu und alt


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit Alberto Posadas und Mauricio Kagel werden auf der vierten Folge der Donaueschingen-Dokumentation 2006 nicht nur zwei Komponisten, sondern auch zwei Generationen und zwei unterschiedliche ästhetischer Positionen gegenüber gestellt.

Die Donaueschinger Musiktage sind ein Schmelztiegel musikalischer Lebensläufe. Hier beginnen Karrieren, hier lassen sich aber auch arrivierte Komponisten vom Publikum huldigen, liefern bekenntnishaftes oder belangloses Alterswerk. Beim letztjährigen Konzert des Schönberg Ensembles stellten sich gleich drei junge Komponisten mit neuen Werken der Öffentlichkeit vor, und mit Mauricio Kagel war zudem ein altbekannter zu Gast. Das klingt nach einer spannenden Gegenüberstellung, die zum Teil auf der vierten Folge der Donaueschingen-Dokumentation 2006 erschienen ist, die beim jungen Label NEOS publiziert wird.

Im Gedächtnis des Publikums blieb vor allem ein klanglich und gestisch radikales Werk eines jungen russischen Komponisten, ‘Contra-Relief’ von Dmitri Kourliandski, in dem inspiriert von russischem Futurismus auch Schweißgeräte in Aktion traten. Auf dieser CD repräsentiert hingegen Alberto Posadas’ ‘Anamorfosis’ die jüngere Garde. Das Werk des jungen Spaniers ist ungemein komplex gearbeitet, intelligent formuliert in seiner filigranen Klanglichkeit und konsequent durchdacht: basierend auf logarithmischen Beziehungen versucht Posadas, ein ständiges Verzerren und Entzerren der musikalischen Textur zu erreichen, ähnlich der anamorphotischen Technik in der Malerei, die mit verschiedenen Blickwinkeln arbeitet. In der Gesamtheit hat das Werk jedoch seine ermüdenden Längen, durch die dichte Binnenstruktur gerät das Grundprinzip der Komposition zu oft ins Hintertreffen und wirkt auf diese Weise wenig überzeugend. Als Nachgeschmack bleibt eine schön formulierte Nichtigkeit, die zwar irgendwie neu klingt, sich aber nicht zu einer zwingenden Aussage hinreißen lassen will.

Ganz anders Mauricio Kagels neues Ensemblestück ‘Divertimento? – Farce für Ensemble’, ein Werk, das man so und nicht anders von Kagel erwartet hätte, und das aufgrund seiner inneren Stringenz und der Kraft des Personalstils einen besseren Zugang zum Publikum finden konnte. Kagels Farce ist Musiktheater, ein erneuter Versuch, die Position des Dirigenten zu hinterfragen, Differenzen und Konflikte innerhalb einer Gruppe musikalisch auszuleuchten. Es entsteht eine ganze Reihe von szenischen Episoden, gewürzt mit einer kräftigen Prise des typischen Kagelschen Humors. Hinter dieser unterhaltsamen Oberfläche brodelt es jedoch kräftig, und Maurico Kagel beschränkt sich nicht allein auf theatrale Effekte: Die Platitude hinterfragt sich selbst, die Wahl des nahe Liegenden wird zur Selbstkritik.

Hervorragend gelang das Werk auch durch die kongeniale Mitarbeit des Schönberg Ensemble Amsterdam unter seinem Leiter Reinbert de Leeuw. De Leeuw ist wie kaum ein zweiter prädestiniert für die Interpretation von Kagels Irritationen, und so entsteht eine höchst persönliche, musikalisch wie darstellerisch tiefe und zugleich unterhaltsame Darbietung. Dass der Hörer in der vorliegenden Dokumentation nur die auditive Ebene nachvollziehen kann, muss als klares Manko angesehen werden, auch wenn Kagel selbst die Ebene des Sehens nicht überbewertet wissen wollte. Viele scheinbare musikalische Flachheiten erklären sich aber erst durch die Dramaturgie und so bleibt Divertimento? in der Konservenversion merkwürdig eindimensional.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Kagel, Mauricio: Divertimento?

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
1
16.11.2007
Medium:
EAN:

CD
4260063107276


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Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


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