> > > Lang, Bernhard: DW 14 für Saxophon, Jazztrio & Orchesterloops
Samstag, 28. Mai 2022

Lang, Bernhard - DW 14 für Saxophon, Jazztrio & Orchesterloops

Über die Spannung der Endlosschleife


Label/Verlag: Cavalli Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Neuerscheinung der Edition Villa Concordia präsentiert zwei gewichtige Werke aus Bernhard Langs Zyklus ‘Differenz/Wiederholung’ und zeigt die Vielfalt im scheinbar Monotonen.

‘Tue nichts, was nicht auch ein Kopist tun könnte’, so wies Arnold Schönberg seine Schüler an. Das Verbot der Wiederholung war nicht nur in der Zwölftontechnik selbst dogmatisch verankert, das Varietasprinzip hielt sich in der modernen Musik hartnäckig, bis Pierre Schaeffer den Loop entdeckte und musikalisch kultivierte. Zum Prinzip wurde die Repetition im Minimalismus mit ihren selbstverlorenen, um sich kreisenden Patterns. Ausgehend von der Schrift ‘Differenz und Wiederholung’ des französischen Philosophen Gilles Deleuze hat der österreichische Komponist Bernhard Lang seine ganz eigene Ansicht der Repetition in der Musik entwickelt; sie ist zentraler Bestandteil seines großen Werkzyklus ‘Differenz/Wiederholung’, abgekürzt DW, der beständig weiter wächst. Als Stipendiat des Bamberger Künstlerhauses Villa Concordia ist Bernhard Lang eine CD gewidmet, die in der gleichnamigen Reihe bei Cavalli Records erschienen ist. Mit den Werken DW 14 und DW 9 finden sich zwei Beispiele seines Schaffens, die exemplarisch für Bernhard Langs stilistische Breite stehen.

Mit DW 14 hat Bernhard Lang eine Art modernes Saxophonkonzert geschrieben, in dem der Solist sich einer Schichtung von Orchesterloops und einem Jazztrio gegenüber sieht. Die Textur der Wiederholungen wird dabei kontrapunktisch verdichtet und übereinander gelagert. Die virtuosen Soli des Saxophonisten konterkarieren das repetitive Element, überspielen es gelegentlich oder klinken sich in die Struktur ein. Eine dritte Schicht entsteht durch das improvisierende Jazztrio.

Bernhard Lang ist nicht nur Komponist sondern auch Mitglied diverser Jazzgruppen. Sein selbst erarbeitetes Freejazz-Idiom klingt auch in DW 14 an, in der Verwendung eines unabhängigen Jazztrios einerseits, in den rasanten Kadenzen des Saxophonisten andererseits. Der Kadenzbegriff des klassischen Konzertes, der ja ursprünglich die Konnotation der Improvisation beinhaltete, wird hier wieder an seinen Ursprung zurückgeführt und erweitert.

Gerald F. Preinfalk ist der Solist an drei Saxophonen, der für die enorme klangliche Vielfalt der Solostimme verantwortlich ist. Die energetische Dynamik der Orchesterloops klingt weiter in der linearen Solostimme zwischen Hyperaktivität und konzentrierter Aktion, in der alle Register avancierten Saxophonspiels gezogen werden.

Fabio Luisi leitet die Wiener Symphoniker, die das Material für die pulsierenden Orchesterloops liefern. Wolfgang Reisinger, Peter Herbert und Florian Müller formieren das Jazztrio, das die Brücke zwischen Solist und Orchester höchst idiomatisch aufbaut.

Das Ensemblestück DW 9 ‘Puppe/Tulpe’ für Stimme und acht Instrumente ist ein moderner Epitaph für den früh verstorbenen Dichter Christian Loidl, dessen Texte Bernhard Lang mehrfach vertont hat. Lang überträgt die Erfahrung des Livesamplings auf den instrumentalen Klangkörper und nähert sich dem Phänomen der Wiederholung so von einer anderen Seite. Der erste Gedanke der Wiederholung ist der des Monotonen, der Beschreibung des Lebens als ein Kreisel, dessen Drehungen nur selten durchbrochen werden können: durch die Kunst vielleicht, zuletzt und endgültig durch den Tod. Wiederholungen können aber auch als Mikroskop funktionieren, wenn Strukturen nach mehrmaligem Erklingen plötzlich an Klarheit gewinnen oder in neuen Konstellationen vor dem Ohr des Hörers erscheinen.

Die stupende Vokalsolistin Salome Kammer singt, spricht, haucht, zelebriert schließlich die sparsamen Texte Christian Loidls, in deren Kürze ihr Enigma, ihre eindrückliche Poesie liegt. Das abwechselnde Benutzen dreier Mikrophone fügt dem Klang eine räumliche Komponente hinzu. Peter Rundel leitet in dieser Aufnahme das Remix Ensemble, das Bernhard Langs Wiederholungen differenziert beschreibt. Äußerste Präzision ist hier der Garant für die schrittweise Verdeutlichung der musikalischen Textur, für das Aufzeigen von Abwechslungsreichtum und Vielfalt.

Bernhard Lang lehrt den Hörer die spannungsreiche Dynamik der Repetition und zeigt, dass es nichts Gleiches in der Musik gibt. Selbst in der Wiederholung steckt ein Stück Differenz, und sei es in der schärfer werdenden Wahrnehmung des Zuhörers.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Lang, Bernhard: DW 14 für Saxophon, Jazztrio & Orchesterloops

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Cavalli Records
1
01.10.2007
Medium:
EAN:

CD
4028183004529


Cover vergössern

Cavalli Records

Das Label CAVALLI-RECORDS entwickelte seit 1990 ? dem Beginn der CD-Produktionen ? ein klares Firmenprofil: Aufnahme und Veröffentlichung von qualitätvollen Werken der Musikliteratur aller Epochen, die bisher nicht auf Tonträgern erhältlich waren. So stellte gleich eine der ersten Produktionen ? CCD 206 mit bisher unbekannten und unveröffentlichten Streichquartetten von Ludwig van Beethoven ? eine kleine Sensation dar, die in der Fachpresse entsprechend gewürdigt wurde. Durch eigene musikologische Forschungsarbeit sowie durch Zusammenarbeit mit namhaften Musikerpersönlichkeiten bereichert seither das Repertoire von CAVALLI-RECORDS die einschlägigen Kataloge immer wieder mit Komponistennamen, die man bisher vergeblich in Schallplattenkatalogen suchte. Aber auch selten oder nicht eingespielte Werke von bekannteren Komponisten finden ihren Weg in unser Repertoire, sei es dank besonderer Interpretation der jeweiligen Musikerpersönlichkeit, sei es durch besondere Berücksichtigung der entsprechenden Aufführungspraxis und des zeitgenössischen Instrumentariums. Somit stellt sich CAVALLI-RECORDS als Label für ein besonderes Repertoire aus fünf Jahrhunderten dar, immer auf Entdeckungsreise im weiten Reich der Klassischen Musik. Jedoch: die ?Kleine Nachtmusik? sucht man bei CAVALLI-RECORDS vergebens...


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Von Paul Hübner zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Partiturscratching: Langs Musiktheater ist ein interessantes Experiment, bei dem eine allzu große Fixierung auf die Wiederholung in die musikalische Sackgasse führte. Weiter...
    (Patrick Beck, 29.07.2006)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Cavalli Records:

  • Zur Kritik... Marco Polo an der Santur: Als wäre es ein Leichtes, kombinieren das Berliner Ensemble ,Celeste Sirene' und iranische Musiker 19 Stücke aus Europa und Persien auf ihrer CD ,Gol o Bolbol'. Dieses kulturelle Crossover ist ebenso ausgezeichnet wie höchst lustvoll interpretiert. Weiter...
    (Gabriele Pilhofer, )
  • Zur Kritik... Freie Geister: Für Freunde des Kabaretts ein Vergnügen. Weiter...
    (Daniel Krause, )
  • Zur Kritik... Wie frisches Quellwasser: Opernmusik für Harfe arrangiert - das stellt die junge Solistin Sarah Christ vor und bieten dem Hörer traumverlorene ‚Easy Listening’-Klänge zum Entspannen und Wohlfühlen. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
blättern

Alle Kritiken von Cavalli Records...

Weitere CD-Besprechungen von Paul Hübner:

  • Zur Kritik... Klangräume 2010: Im Jahr 2010 stand das Streichquartett im Zentrum der Donaueschinger Musiktage, folglich rückt es auch in der von NEOS veröffentlichten Dokumentation dieser Veranstaltung ins Zentrum. Daneben gibt es auch Orchesterstücke zu hören. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangschach: Zug um Zug: Mark Andrés 'Musiktheater-Passion' ist ein faszinierendes Klangerlebnis, nicht zuletzt dank der exzellenten klanglichen Umsetzung. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangrealistische Referenzen: Zu Helmut Lachenmanns 75. Geburtstag legt WERGO drei Referenzaufnahmen neu auf. Weiter...
    (Paul Hübner, )
blättern

Alle Kritiken von Paul Hübner...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Liebesgrüße aus Windsor: The Queen's Six können es im leichten und populären Repertoire: Eine feine Platte, frische Arrangements – ein schöner Streifzug. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Klassiker wiederaufgelegt: Ein konzertanter Livemitschnitt von Tschaikowskys 'Pique Dame' in idiomatischer Wiedergabe. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Sächsische Eigentümlichkeiten: Das Ensemble Polyharmonique und das Wrocław Baroque Orchestra mit der qualitätvollen Deutung einer Franz Xaver-Vesper von Johann David Heinichen und einem vernehmlichen Plädoyer für diesen Komponisten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (5/2022) herunterladen (2400 KByte) Class aktuell (4/2021) herunterladen (7000 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich