> > > Hermann, Bernhard: The Egyptian
Sonntag, 16. Mai 2021

Hermann, Bernhard - The Egyptian

Grosses Hollywoodkino für die Ohren


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit der Einspielung von Bernard Herrmanns und Alfred Newmans Musik zum Film ‚The Egyptian’ haben Stromberg/Morgan eine Sternstunde der Filmmusikinterpretation geschaffen.

Seit etlichen Jahren sind William Stromberg (Dirigent) und John Morgan (Restaurator) darum bemüht, die Rosinen unter den Filmmusikpartituren der goldenen Ära herauszupicken, mit Akribie und enormem Aufwand zu rekonstruieren und mustergültig einzuspielen. Seinerzeit etablierte sich ‚Marco Polo’ als Hauslabel der beiden Filmmusikenthusiasten und das verhältnismäßig junge Moskauer Symphonieorchester zum ausführenden orchestralen Organ. Viele Jahre schon sind Stromberg und Morgan Stammgast in den Moskauer ‚Mosfilm’-Studios, um in hoher Frequenz ein filmmusikalisches Kleinod nach dem anderen auf CD zu bannen. Über 30 Aufnahmen sind bislang entstanden, darunter Einspielungen von Filmmusik von Hugo Friedhofer, Hans J. Salter, Franz Waxman, Victor Young, Philip Sainton, Bernard Herrmann, Alfred Newman oder – zuletzt mit der Gesamteinspielung der Musik zu ‚The Sea Hawk’ – Erich Wolfgang Korngold, nun unter den Auspizien von ‚Naxos’. Während Stromberg und Morgan mittlerweile ihr eigenes Label gegründet haben, um – nach eigenen Angaben – die Frequenz der Einspielungen erhöhen zu können, bringt ‚Naxos’ die teils weniger als zehn Jahre alten ‚Marco Polo’-Aufnahmen in der Reihe ‚Film Music Classics’ ein zweites Mal heraus. Darunter befindet sich auch ein ganz besonderes Leckerli: die Filmmusik zu ‚The Egyptian’ von Bernard Herrmann und Alfred Newman.

Lauer Erfolg

‚Sinuhe, der Ägypter’, so der deutsche Titel, aus dem Jahr 1954 ist heute bestenfalls einer jener Sonntagnachmittagfilme, die ab und zu in einem der Dritten ausgestrahlt werden, ein Film der ‚20th Century Fox’ mit dem Zeug zum großen Hollywoodkino und damit letztlich ein Kind seiner Zeit. Zu Beginn der 50er Jahre befand sich Hollywood in der Krise: zwischen 1947 und 1955 sanken die Zuschauerzahlen etwa um die Hälfte, weil vor allem das Fernsehen das Publikum vom Kinobesuch abhielt. Die großen Filmfirmen reagierten darauf mit Gigantomanie und Superlativen. Der Monumentalfilm feierte fröhliche Urständ. Zugute kam den Filmbossen letztlich das Aufleben christlicher, biblischer Themen in der Kriegs- und Nachkriegsliteratur. Thomas Mann hatte 1943 ‚Joseph und seine Brüder’ vollendet. Franz Werfels Roman ‚Das Lied der Bernadette’ wurde bald filmisch umgesetzt. Bevor man es (wieder) wagte, Jesus Christus selbst eine Hauptrolle zu geben, beschränkte sich Hollywood in der Dekade der 50er Jahre zunächst auf Episoden und fiktive Geschichten rund um Christi Leben und Sterben, wie in ‚Quo Vadis’ oder ‚Das Gewand’. Neun Jahre nach seinem Erscheinen wurde Mika Waltaris Roman ‚Sinuhe, der Ägypter’ von Regisseur Michael Curtiz für die Leinwand adaptiert. Kein eigentliches christliches Thema wird hier fokussiert, wenngleich die Suche nach dem Sinn des Lebens und die monotheistischen Tendenzen im Ägypten 2000 Jahre vor Christi Geburt eine eminente Rolle spielen. Erzählt wird die (im übrigen nicht fiktionale) Lebensgeschichte des Arztes Sinuhe, der sich aus ärmlichen Verhältnissen zum Leibarzt des Pharaos Echnaton hocharbeitet, nach dessen Regentschaft allerdings in Ungnade fällt, verarmt und schließlich gezwungen wird, im ‚Haus der Todes’ Leichen einzubalsamieren. Als sein Freund Haremhab den Thron besteigt, wird Sinuhe begnadigt, verlässt Ägypten und geht auf Reisen in die damals bekannte Welt. Als alter Mann kehrt er nach Ägypten zurück und beginnt seine Lebensgeschichte niederzuschreiben.

Michael Curtiz, der Regisseur von Casablanca und The Sea Hawk, hätte einen großen Film daraus machen können. Ein wenig konnte er die mystische Aura und die Tiefe des Romans umsetzen, ein wenig haben die Drehbuchautoren Philip Dunne und Casey Robinson die intrikate Personencharakterisierung des Romans adaptieren können, ein wenig – wenn nicht gar vor allem – haben Jean Simmons, Victor Mature, Michael Wilding und nicht zuletzt Peter Ustinov durch ihre subtil gezeichneten Nebenrollen dem Film Profil verliehen. Edmund Purdom, die kostengünstigere Alternative zum ursprünglich vorgesehenen Wunschkandidaten Marlon Brando; jedoch vermochte seine Rolle als Sinuhe nicht mit der geforderten Präsenz und Kontur auszufüllen. Bei der Kritik und an den Kinokassen war ‚The Egyptian’ ein lauer Achtungserfolg.

Kohärenz der Kollaboration

Es waren geschäftige Jahre, die der ‚Hauskomponist’ der ‚20th Century Fox’ Alfred Newman seinerzeit verbrachte. Newman zeichnete musikalisch für einige von ‚Fox’’ Prestigeobjekten, wie ein Jahr zuvor bei ‚Das Gewand’, verantwortlich. Als 1954 ‚Sinuhe, der Ägypter’ auf dem Plan stand, war Newman gerade mit der Arbeit an der Filmadaption von ‚There’s No Business Like Show Business’ beschäftigt. Ein Co-Komponist musste gefunden werden. Ursprünglich war Franz Waxman hierfür im Gespräch, der für das Sequel von ‚Das Gewand’, ‚Demetrius und die Gladiatoren’, die Musik geschrieben und dabei Themen von Newman übernommen hatte. Am Ende war es der Individualist Bernard Herrmann, den Alfred Newman ins Boot holte, um die Arbeit an der Musik zu ‚Sinuhe, der Ägypter’ zu teilen. Dies scheint, im gegenseitigen Respekt vor der Arbeit des anderen, reibungslos funktioniert zu haben, hört man das Ergebnis dieser außergewöhnlichen Kollaboration. Eine Selbstverständlichkeit ist dies keineswegs, denn die Art und Weise, die Philosophie der Filmmusikarbeit bis hin zu ihrer dirigentischen Realisierung im Aufnahmestudio hätte bei Newman und Herrmann nicht unterschiedlicher ausgeprägt sein können. Hier war Bernard Herrmann, das enfant terrible der Filmmusik, mit seiner unumwundenen Direktheit, seinen unmittelbar ausgeführten akustischen Faustschlägen und skurrilen Instrumentierungen. Dort war Alfred Newman mit seiner melodischen Eleganz, dem reichphrasierten Schmelz seines perfekten Streichertonsatzes und der Suggestionskraft seiner Szenenuntermalung. Ein Aspekt der Kohärenz dieser Filmmusik ist, dass Newman die Hauptthemen vorgab, ein anderer Aspekt, dass Herrmann gewillt war, Newmans Kompositionsstil zu adaptieren. Wo der Film ins Kammerspielhafte verfällt, da verschmelzen Herrmanns und Newmans herrliche Lyrizismen am besten, werden die Demarkationslinien zweier Komponistenindividuen produktiv undeutlich. Und wo Kontraste entstehen, so sind es Kontraste wie aus einer Hand geschaffen.

Eine Sternstunde der Interpretation

Elf Nummern aus der Musik zu ‚Sinuhe, der Ägypter’ nahm Alfred Newman 1954 mit dem Hollywood-Symphony Orchestra & Chorus für die Schallplatte auf und konservierte damit ungefähr 49 Minuten Musik. Auf über 70 Minuten (von ca. 100 Minuten kompletter Filmmusik) bringen es John Morgans und William Strombergs erste Digitalaufnahme aus dem Jahr 1998. Mehr noch als die Aufstockung des eingespielten Materials ist die Interpretation von Bedeutung. Während Herrmann und Newman ihre jeweiligen Anteile an der Musik seinerzeit im Aufnahmestudio selbst dirigierten und somit auch individuellen Anteil an Interpretation einfließen ließen, nivellierte Newman in der darauffolgenden Schallplatteneinspielung deutlich hörbar die Kontraste, machte die Demarkationslinien völlig wett und rundete all die Herrmannesken Kanten elegant ab. William Stromberg versucht, in seinem Dirigat gleichsam den Urzustand der ursprünglichen Aufnahme-Sessions wieder herzustellen. Dieser Versuch ist völlig geglückt. Stromberg zirkelt die Newman- und Herrmann-Anteile nicht nur profilierter ab (nicht zuletzt sind die von Newman vertonten Partien in der Track-Liste zur besseren Unterscheidung markiert), er arbeitet die unterschiedlich angelegten Fakturen und Texturen auch um vieles plastischer heraus. Die Ruppigkeit, ja Aggressivität der Herrmannschen Orchesterfaktur, insbesondere die der Holz- und Blechbläser, aber auch die für ihn so typische Transparenz des Streichersatzes setzt Stromberg mit ungeheurer Stringenz um. Es gelingt ihm gar, den so weichphrasierten und immens dicht geführten Streicherklang Alfred Newmans zu adaptieren. Angesichts des Faktums, dass beileibe nicht alle bislang erschienenen Filmmusikeinspielungen mit dem Moskauer Symphonieorchester Meilensteine adäquaten Orchesterspiels sind, ist es umso erstaunlicher und erfreulicher, wie gebunden hier musiziert wird, wie die Dynamik in feinen Nuancen entwickelt und abschattiert wird, wie die Soli der Holzbläser in flexibler Phrasierung intoniert werden, wie Perkussivität und Rhythmik mit artikulatorischer Verve umgesetzt werden. Binnenspannung herrscht hier von der ersten bis zur letzten Minute. Der Chor des Moskauer Symphonieorchesters erhebt zwar nicht den Anspruch, das englische Idiom bar jeglicher russischer Sprachfärbung zu präsentieren, intoniert aber äußerst homogen und dynamisch in bester Balance zum Orchester. Das Klangbild ist sehr präsent und macht die unterschiedlichen Schichten der Fakturen deutlich hörbar. Das ausgezeichnet verfasste Booklet, leider um ein paar Filmfotos und Infos ärmer als die ‚Marco Polo’-Erstveröffentlichung, rundet den mehr als positiven Gesamteindruck ab.

Jetzt, wo Stromberg und Morgan ihr eigenes Label begründet haben, gilt es, die inzwischen erreichte Qualität der editorisch so ungemein bedeutenden Einspielungen nicht durch allzu voreilige Gänge ins Plattenstudio zu unterminieren. Diese Aufnahmen sind eine Klasse für sich. Klasse statt Masse – dieses Motto sollten Stromberg und Morgan immer wieder bedenken. Die Einspielung von ‚The Egyptian’ jedenfalls ist eine Sternstunde der Filmmusikrestaurierung und –Interpretation und eine uneingeschränkte Empfehlung wert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Hermann, Bernhard: The Egyptian

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
01.10.2007
Medium:
EAN:

CD
747313270224


Cover vergössern

Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...



Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Naxos:

  • Zur Kritik... Off-Opernbühne macht Eindruck: Diese DVD dokumentiert eine durchaus eindrucksvolle Produktion von Beethovens 'Leonore', die aber nur im großen Kontext relevant ist. Viele Gründe, die DVD zu kaufen, gibt es nicht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Tanzfest auf der Zauberinsel: An den Ballettmusiken von Arthur Sullivan, dem britischen Operettenkönig des 19. Jahrhunderts, kann man viel Spaß haben. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Schwungvoll, aber auch etwas eintönig: Blasorchester-Arrangements mit viel Schwung, aber wenig Abwechslung: Dafür gibt es sicherlich besser geeignete Werke als die hier ausgewählten von Camille Saint-Saëns. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von Naxos...

Weitere CD-Besprechungen von Erik Daumann:

  • Zur Kritik... Packende Symphonik: Sakari Oramo legt, trotz diskographisch enormer Konkurrenz, mit Elgars Erster Symphonie eine Referenzaufnahme vor. Weiter...
    (Erik Daumann, )
  • Zur Kritik... Fern der tödlichen Realität: Flautando Köln lässt die Tudor-Rose erblühen – nicht in der Farbe des Blutes, sondern im Zeichen eines differenzierten Blicks auf eine musikalisch reiche Epoche. Weiter...
    (Erik Daumann, )
  • Zur Kritik... Rustikale Schönheiten: Die tschechische Aufnahme des 'Spalicek' von Martinu überzeugt durch farbig-markante Spielfreude aller Beteiligten. Weiter...
    (Erik Daumann, )
blättern

Alle Kritiken von Erik Daumann...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Mutiges Bekenntnis zum traditionellen Männerchor: BR Klassik legt als Koproduzent mit dem Renner Ensemble eine CD vor, die dem Genre Männerchor zu höchsten Ehren gereicht. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Ein Hauch Paris: Cameron Crozman und Philip Chiu überzeugen durch ihr sympathisch unaufgeregtes Spiel und eine spannende Programmwahl. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Beethoven mit eigener Note: Josep Coloms ungewöhnliche und in ihrer künstlerischen Freiheit inspirierende Interpretation der drei letzten Klaviersonaten und Bagatellen Beethovens zeigt, dass es nie zu spät ist, auch scheinbar bis ins letzte Detail vertraute Werke neu kennenzulernen. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (5/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Max Drischner: Selected Organ Works

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich