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Sonntag, 20. Oktober 2019

Grieg, Edvard - String Quartets

Charmant


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Interpretation des Quartetts ist relativ schwungvoll.

Edvard Griegs erstes Streichquartett wurde nie aufgeführt. Es stammt aus Griegs letztem Studienjahr in Leipzig und sollte bei einer 'Hauptprüfung', einer Art hochschulinternem Wettbewerb der besten Schülerarbeiten, gespielt werden. Ferdinand David, zu dieser Zeit Lehrer am Leipziger Konservatorium, überredete den jungen Grieg schnell, das Stück nicht öffentlich darbieten zu lassen. 'Die Leute werden sagen, es sei Zukunftsmusik', war Davids Argument. Grieg erinnerte sich später in seiner Autobiographie 'Mein erster Erfolg' daran, dass er dieses Werk für den Kompositionsunterricht bei Carl Reinecke schreiben sollte und sich, da er 'weder die geringste Ahnung von Formenlehre noch von der Technik der Streichinstrumente hatte', vollkommen überfordert fühlte. Also studierte er die Quartette von Mozart und Beethoven und versuchte sein Bestes, um diese Aufgabe zu erfüllen. Das Ergebnis fand er selbst höchst mittelmäßig und sorgte sich nicht weiter um den Erhalt von Partitur und Stimmen. Heute gilt es als verloren. Erhalten haben sich allerdings Griegs Schwierigkeiten mit zyklisch angelegten Werken. Noch zwanzig Jahre nach Studienende fühlt er sich den großen Formen wie Sinfonie, Solokonzert, Sonate oder Streichquartett nicht gewachsen. Und das, obwohl er ausgerechnet mit seinem Klavierkonzert den Durchbruch geschafft hatte und seine erste Violinsonate von allen Geigenvirtuosen begeistert ins Repertoire der Vortragsstücke aufgenommen worden ist. Als Grieg sich im Sommer 1877 an den Hardangerfjord zurückzog, befand er sich in einer immer wieder auftretenden Phase der großen Unzufriedenheit mit seinen bisherigen Arbeiten und seinen mangelnden Fähigkeiten, die ihm nur ein 'ruckweises' Komponieren erlaubten. Nun wollte er sich 'durch die großen Formen kämpfen, koste es, was es wolle'.Das Streichquartett g-Moll op. 27 war das Ergebnis dieser Beschäftigung mit den großen Formen, und lange befand sich Grieg im Zweifel, ob er es nicht komplett überarbeiten müsse. Der Primarius des Robert-Heckmann-Quartetts überzeugte ihn, daß keinerlei Grund zur Umarbeitung bestehe. Es habe in allen Sätzen eine charakteristische Klangwirkung und sei quartettmäßig geschrieben. Auf den thematischen Bezug dieses Quartetts zur norwegischen Folklore wird in der Sekundärliteratur immer wieder abgehoben. Die Eigenart dieses Werkes machen aber nicht seine motivische Einheit oder der nordische Ton, sondern die Rhythmik und die Harmonik aus. Und diese beiden Aspekte sind sozusagen die Gradmesser jeder Interpretation. Auf den ersten Blick scheinen die Mittelstimmen bloß Füllstimmen mit einigen gnädig gewährten Soli zu sein. Bringt man diese Stimmen jedoch als rhythmisch eigenständige Stimmen hervor und läßt sie gegeneinander um den Vorrang des Harmonieträgers antreten, ersteht ein Streichquartett, das in der Tat Zukunftsmusik ist. Mit seinem radikalen Ton, den schroffen Harmoniewechseln, der blockartigen Schreibweise könnte es ebenso von Strawinsky oder Bruckner stammen. Übergeht man bei der Interpretation diese beiden Aspekte, wird es schwierig, allein mit der recht schulmäßig abgewickelten thematischen Arbeit seine Hörer bei der Stange zu halten. Leider macht das Auryn Quartett in seiner neuesten Einspielung der Griegschen Streichquartette genau diesen Fehler. Die Mittelstimmen führen kein Eigenleben, sind auch viel zu leise ausgesteuert, auf die thematische Arbeit wird zu viel Gewicht gelegt und die rhythmischen Feinheiten dieser Musik werden zum großen Teil nur angedeutet, keineswegs aber ausgeführt. So geht die Wirkung des Intermezzos verloren, weil zwar der synkopierte Rhythmus in der Führungsstimme betont, die rhythmische Verschiebung in zweiter Geige und Bratsche jedoch ignoriert wird. So recht können sich die vier Musiker nicht entscheiden, ob sie dieses Quartett ernst und eher mit dunklen Farben oder lieblich mit schmelzendem Ton darbieten sollen. Ergebnis dieser Unentschiedenheit ist eine technisch gut ausgeführte Interpretation, die auf Extreme verzichtet. Die zarten Einsprengsel Wienerischer Kaffeehausmusik im zweiten Satz hat man schon spritziger gehört, die lieblichen Stellen erscheinen künstlich und aufgesetzt, die nachdenklichen Abschnitte zu forsch. Auch die Tempowahl ist nicht überzeugend. Natürlich sollte ein Presto schneller sein als ein Allegro, aber daß sich manche Passagen des Finales gehetzt anhören und stellenweise der Zusammenhalt verloren geht, ist kein Ausweis kluger Temposteigerung. Was für das g-Moll-Quartett gilt, gilt ebenso für das nur fragmentarische F-Dur-Quartett aus dem Jahre 1891. Grieg quälte sich lange Zeit mit dem Finale dieses Quartetts, einen langsamen Satz hat er gar nicht begonnen. Über fünfzehn Jahre lagen die Skizzen in der Schublade, immer wieder sprach er davon, dieses Werk vollenden zu müssen, und noch kurz vor seinem Tod entschuldigte er sich bei Adolf Brodsky vom Brodsky-Quartett dafür, daß er das Quartett nicht fertiggestellt habe. Ein enger Freund Griegs und künstlerischer Nachlassverwalter, der Niederländer Julius Röntgen, vervollständigte den Kopfsatz und das Scherzo, so daß diese beiden Sätze schon knapp ein halbes Jahr nach Griegs Tod 1907 uraufgeführt wurden. Erst in den letzten Jahren ist dieses Quartett wieder ins Bewußtsein von Ausführenden und Hörern getreten. Die Interpretation des Auryn Quartetts ist relativ schwungvoll, bringt das Charmante dieses Quartetts sehr zum Ausdruck, sie krankt aber auch an der oben beschriebenen Unentschiedenheit in der Farbgebung und Tempowahl. Die noch stärker als im g-Moll-Streichquartett versteckten rhythmischen und harmonischen Eigentümlichkeiten gehen ganz verloren. Das in Streichquartetten so häufige Aufblühen von vier Einzelstimmen, die sich wie von selbst wieder zu einem Gesamtklang vereinen, die besondere Schreibweise Griegs, den Orchestersatz mit kleinen intimen Soli zu durchsetzen und harmlose Volkstänze ins Groteske zu verzerren, dies alles wünscht man sich von einem technisch so außerordentlichen Ensemble wie dem Auryn Quartett. Leider erfüllt diese Aufnahme der Griegschen Streichquartette diese Ansprüche nicht und bleibt dann doch nur eine von vielen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Kritik von Barbara Schönfeld,


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    Grieg, Edvard: String Quartets

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.05.2001
55:40
2000
2001
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0761203972920
999 729-2

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Grieg, Edvard


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Interpret(en):Auryn Quartett,


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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