> > > Respighi, Ottorino: Werke für Violine und Klavier Vol. II
Freitag, 7. August 2020

Respighi, Ottorino - Werke für Violine und Klavier Vol. II

Spätromantische Barocksonaten


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit dem zweiten Teil ihrer Einspielung sämtlicher Werke für Violine und Klavier von Ottorino Respighi widmen sich Ilona Then-Bergh und Michael Schäfer den Bearbeitungen virtuoser barocker Violinsonaten.

Als Beitrag zu einer längst fälligen, unvoreingenommenen Bewertung des Komponieren von Ottrino Respighi (1879-1936) jenseits ideologischer Grabenkämpfe verstehen die Geigerin Ilona Then-Bergh und der Pianist Michael Schäfer ihre auf insgesamt drei CDs angelegte Gesamteinspielung der Werke für Violine und Klavier beim Label Genuin. Während der im vergangenen Jahr veröffentlichte erste Teil dieses Projekts den vom Komponisten publizierten Originalwerke für diese Kammermusikbesetzung gewidmet war, beschäftigen sich die übrigen beiden CDs mit Bearbeitungen und unveröffentlicht gebliebenen Werken. Insgesamt neun barocke Violinsonaten unterschiedlicher Meister aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind es, die Respighi bis 1908 bearbeitet und 1921 veröffentlicht hat – die aber in dieser Fassung mittlerweile längst vergessen sind. Sechs davon – jeweils eine Sonate von Antonio Vivaldi, Giuseppe Valentini und Nicola Porpora sowie drei Sonaten von Francesco Maria Veracini – sind auf der vorliegenden Platte zu hören.

Für den heutigen Interpreten ist die Annäherung an diese Bearbeitungen schwieriger, als es zunächst den Anschein haben mag: In einer Zeit, in der man um eine gewisse Informiertheit in puncto historisch-orientierter Aufführungspraxis nicht mehr herumkommt, verlangen diese Werke wiederum den Schritt zurück in eine andere Zeit, in der von der Alte Musik-Bewegung erst frühe Ansätze zu bemerken waren. So ging es Respighi weniger um eine korrekte Aufführungspraxis, sondern darum, die Kompositionen für den Konzertbetrieb seiner Zeit zu reaktivieren, sie als bedeutende Monumente der italienischen Vergangenheit in seine Gegenwart zu retten. Im Klartext ist damit vor allem die Transformation des bezifferten Basso continuo in einen vollgültigen und zeitgemäßen Klavierpart gemeint, was sich auch in der Titelgebung ‚Realizzazione per Violino e Pianoforte’ spiegelt. Violinstimme und Basslinie werden unverändert übernommen, der dazwischen liegende Part des Tasteninstruments wird jedoch nach allen Regeln der Kunst subtil ausgestaltet, wird zum Spielfeld für allerlei originelle Spielfiguren, Imitationen, harmonische Feinheiten und diverse kontrapunktische Künste.

Die Ergebnisse muten heute paradox an, denn es entstehen barocke Sonaten, die spätromantischen Geist atmen und dennoch die wesentlichen Elemente der Originale vermitteln können. Gerade dieses Changieren macht Respighis Bearbeitungen ungemein reizvoll. In interpretatorischer Hinsicht gilt es, diese Schwelle hörbar zu machen, also im Rahmen eines noch romantischen Musizierens den Versuch einer zeitgenössischen Erneuerung der barocken Sonatenkunst zu ertasten. Then-Bergh und Schäfer fühlen sich dabei ausgesprochen wohl und beeindrucken mit einem schweifenden, expressiv betonten Musizieren, das auch gewissen dramatischen Akzente der Musik nachspürt. Dabei treiben sie den Kontrast zwischen präludierenden Eröffnungssätzen wie in Vivaldis D-Dur-Sonate oder freien, fast improvisatorisch anmutenden langsamen Werkteilen wie in Valentinis Sonate G-Dur und den strengen, polyphon gearbeiteten Sätzen oder den tänzerischen Finali auf die Spitze und gewinnen daraus enorm viel Spannung für ihre Werkwiedergabe.


Das Zusammenspiel des Duos ist exzellent – man höre sich nur einmal Porporas spannende C-Dur-Sonate an – und räumt, auch aufgrund von Respighis facettenreicher Ausarbeitung, dem Klavier eine gleichberechtigte Stellung ein, die hier gerade im Zuge der dynamischen Ausgestaltung positiv zur Gesamterscheinung beiträgt. Schäfer weiß durch Transparenz und, insbesondere an den harmonisch spannungsreichen Stellen, durch farbige Klanggebung zu überzeugen. Als Gegengewicht hierzu trägt Then-Bergh die extrem virtuosen polyphonen Doppelgriffpassagen oder das ausgefallene Passagenwerk in ungemein leichtfüßig wirkender Manier vor und passt sie je nach Situation geschickt in den Rahmen des Bass- bzw. Klavierfundaments ein. Wer also eine großartige Auswahl an virtuoser barocker Violinmusik in einer etwas anderen Art des Zugangs hören möchte, ist mit dieser CD bestens bedient. Und auch Stilpuristen sei versichert: Der Blick auf diese gleichsam gebrochene historische Perspektive lohnt sich.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Respighi, Ottorino: Werke für Violine und Klavier Vol. II

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
28.09.2007
Medium:
EAN:

CD
4260036250947


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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