> > > Nancarrow, Conlon: Sreichquartette Nr. 1 & 3
Montag, 4. Juli 2022

Nancarrow, Conlon - Sreichquartette Nr. 1 & 3

Perfekte Proportionen


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Conlon Nancarrows Werke für Streicher versammelt das Arditti Quartett kongenial auf seiner neuen CD.

Die große Zeit mathematischer Musik begann schon lange vor den stochastischen Kompositionen eines Iannis Xenakis und den ausgeklügelten seriellen Berechnungen der fünfziger Jahre. Johannes Ockeghem, ein Meister der Renaissance, konstruierte Proportionskanons, deren artifizielle Kunstfertigkeit bei gleichzeitigem Wohlklang noch heute staunen machen. Wieder aufgegriffen hat diese Kompositionstechnik einer der großen Außenseiter in der Musik des zwanzigsten Jahrhunderts, Conlon Nancarrow. Sein Name ist untrennbar verbunden mit dem Instrument, das gleichzeitig die Ursache für die – gemessen an seiner Bedeutung – geringe Rezeption Nancarrows ist: dem Player Piano, also dem mechanischen, selbstspielenden Klavier, das wenig fruchtbar für die Wiedergabe im Konzertsaal scheint. Was heute weniger bekannt ist, ist dass Nancarrow seine kompositorischen Prinzipien gelegentlich auch auf konventionelle Besetzungen übertrug – und dass nicht wenige seiner ‘Studies’ für kleinere Ensembles übertragen wurden, von Schülern, Freunden, aber auch von ihm selbst.

In diesem Geiste steht die neue CD des Arditti Quartetts, die bei WERGO erschienen ist. Sie versammelt Nancarrows Werke für Streicher, darunter einige Ersteinspielungen.

Den Beginn macht Nancarrows erstes Streichquartett, entstanden vor der ausschließlichen Konzentration auf das Player Piano. Dennoch finden sich in dem thematisch neoklassizistisch angehauchten Werk bereits grundlegende Prinzipien seines Stils: die Verwendung isorhythmischer Sequenzen (die zuletzt in der Ars Nova vor einigen hundert Jahren für Aufsehen sorgten), ständig wiederkehrende Ostinati und die Vorliebe für kanonische Strukturen. Der zweite Satz ist ein einziger großer Kanon, im Schlusssatz findet sich sogar eine achtstimmige Klimax, bei der jeder Interpret zwei Stimmen gleichzeitig wiedergeben muss. Es verwundert nicht, dass angesichts solcher spieltechnischen Hürden das Werk fast vierzig Jahre lang ungespielt blieb.

Das dritte Streichquartett – ein unvollendetes zweites gilt als verschollen – ist eine Auftragskomposition des Arditti Quartetts aus dem Jahre 1987. Der Untertitel weist bereits auf das musikalische Programm hin: alle Stimmen stehen in einem Tempoverhältnis von 3:4:5:6, gegen Ende beschleunigen die Einzelstimmen unterschiedlich im gleichen Verhältnis. Solch vielschichtiges kompositorisches Denken ist natürlich beeinflusst von der Arbeit mit dem mechanischen Klavier, deren gestanzte Lochrollen keine rhythmischen Hindernisse kennen.

Eine weitere Komposition für die Musiker des Arditti Quartetts ist die Transkription der 34. Studie für Player Piano, die Nancarrow 1988 für Streichtrio bearbeitete. Selbst für die unglaublich virtuosen Spieler um Irvine Arditti stellte sich dieses Werk jedoch als ‘unspielbar’ heraus, so dass es erst Jahre später in neuer Notationsform und mit irrsinnigen Metrumswechseln wie von 17/4 zu 49/8 aus der Taufe gehoben werden konnte.

Komplettiert wird die Einspielung mit drei Bearbeitungen von Player Piano Studies, darunter der rhythmisch hochvirtuose Kanon √2/2. Wie viel Player Piano auch in Nancarrows Neukompositionen steckt, zeigt die abschließende Trilogy for Player Piano aus dem Jahre 1987, die hier in einer Ersteinspielung vorliegt. Sie ist in weiten Teilen mit dem dritten Streichquartett identisch und verdeutlicht die rhythmische Struktur des Werkes in einer Weise, wie sie von konventionellen Instrumenten wohl kaum wiedergegeben werden kann.

Auch auf ihrer neuesten CD ist dem Arditti Quartett nichts anzumerken von über dreißig Jahren Arbeit an der Spitze der Avantgarde. Technisch ist ihr Spiel brillanter denn je, rhythmisch hochpräzise und im Zusammenspiel von einem gemeinsamen Getragensein der Musik geprägt. So gelingt eine komplexe, analytische Verdeutlichung von Nancarrows Musik, der zu wünschen ist, dass ihre rhythmische Vielfalt endlich die Musikwelt in angemessener Art und Weise bereichert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Nancarrow, Conlon: Sreichquartette Nr. 1 & 3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
01.09.2007
Medium:
EAN:

CD
4010228669626


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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