> > > Scelsi, Giacinto: String quartet no.4
Montag, 18. Oktober 2021

Scelsi, Giacinto - String quartet no.4

Ich hörte das Herz einer Laus schlagen


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das ,Streichquartett Nr. 4' ist Giancinto Scelsis erste Partitur, in der er die Saiten der Streicher getrennt notierte. Entsprechend klingt es weniger wie ein traditionelles Streichquartett, sondern eher wie ein Bienenschwarm aus Streichinstrumenten. Ähnlich klingen auch das ,Duo für Violine und Violoncello' sowie ,Anagamin', ,Elohim' und ,Natura renovatur' – all diese Streicherstücke entstanden in kurzer Zeit zwischen 1964 und 1967. Das Verschwinden des Klaviers und die Häufung von Streicherkompositionen ist eine Konsequenz aus Scelsis Öffnung des Klanges. Erst mit den Streichern konnte Scelsi mikrotonale Klangschattierungen verwenden.
Scelsis viel zitiertes Gleichnis von der Laus ist im Beiheift der CD vollständig abgedruckt: Ein Zenschüler beobachtet jahrelang eine auf einer Schnur hin- und her laufende Laus. Eines Tages wird sie größer und der Schüler sieht ihr Herz schlagen. Alles wird größer, wenn man es nur lang genug betrachtet, auch der Klang. Scelsi spaltet in den Streicherstücken einen Klang in seine Obertöne, Klangfarben und Bewegungen auf und erspart uns so die Betrachtung der Laus.

Scelsi öffnet den Klang. Hinter der Öffnung zeigt sich eine unermessliche Dimension, zart und mächtig zugleich, bekannt und fremd, still und schillernd. Aber wir sehen durch die Öffnung nur einen winzigsten Teil der Dimension, und ahnen ihre unvorstellbare Tiefe.
Das Klangforum Wien unter der Leitung von Hans Zender, weiß den Schlüssel zur Öffnung wohl zu gebrauchen. In einer drängend suchenden, intensiv expressiven Interpretation legt es, hart und zart zugleich spielend, die Struktur der Stücke frei. Das Ensemble hört das Herz der Laus schlagen, und wir mit ihm.

Scelsis letzte wirkliche Komposition ist ,Maknongan' (1976), für Bassinstrument oder -stimme, vorliegend eingespielt in der Fassung für Kontrabass. Während die Stücke der sechziger Jahre klanglich dicht und üppig sind, ist das sich im wesentlichen zwischen zwei Tönen bewegende ,Maknongan' einfach und klar, aber nicht weniger intensiv als die früheren Stücke. Uli Fussenegger interpretiert ,Maknongan' in der selben Weise wie das Klangforum Wien die anderen Streicherstücke. ,Maknongan' lebt besonders von seiner gleitend wechselnden, bewegten Dynamik, die Uli Fussenegger sehr einfühlsam und ausdifferenziert zelebriert.
Berno Odo Pelzer hat einige Äußerungen Scelsis zusammen getragen, die besser in Scelsis Denken nicht einführen können. Der eigentliche Beihefttext Pelzers versucht eine Positionsbestimmung Scelsis in der zeitgenössischen Musik. Allerdings ist der Text ohne speziellen Bezug zu den eingespielten Stücken. Auch verschweigen Cover und Beiheft, dass ,Anagamin' noch einen Untertitel hat: ,Der, der zwischen zurückgehen und zurückweisen wählen muss'. Dafür gibt es zwei 1987 heimlich aufgenommene verschwommene Fotografien Scelsis.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Patrick Beck Kritik von Patrick Beck,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Scelsi, Giacinto: String quartet no.4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Kairos
1
07.01.2003
58:59
1995
2001
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0782124121624
0012162KAI

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Scelsi, Giacinto Maria


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Interpret(en):String Quartett of Klangforum Wien,


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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