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Donnerstag, 6. Oktober 2022

Jommelli, Niccolo - Te Deum

Spannung, Dynamik, Virtuosität


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Den Interpreten gelingt es die Vitalität und den Ideenreichtum dieser Musik hörbar zu machen.

Niccol Jommelli (1714 - 1774) gehört zu den Komponisten, die in die Übergangsepoche zwischen Barock und Klassik eingeordnet werden, die man oft als Empfindsamkeit oder Sturm und Drang bezeichnet, wobei diese Begriffe ursprünglich die zeitgleichen literarischen Epochen bezeichnen und als Benamsung eines musikalischen Stils deshalb ohnehin fragwürdig sind.
Diese Einordnung Jommellis in die Musikgeschichte ist deshalb ein wenig bedauerlich, weil man sich heutzutage beim Hören solcher Übergangskomponisten etwas zu sehr auf jene Merkmale des Übergangs selbst konzentriert und nicht der Tatsache gedenkt, dass Meister wie Jommelli in ihrer eigenen Zeit moderne, innovative Neuerer waren, die ihren eigenen Stil, ihre eigene Epoche konstituierten.

Der gebürtige Italiener hatte in Stuttgart die höchstbezahlte Musikerstelle Europas inne und war in erster Linie als Opernkomponist international sehr erfolgreich. Der junge Opernkomponist Mozart berichtet in Briefen aus Italien z.B. die Opern des Jommelli besucht zu haben. Heute wird man selten das Vergnügen haben, diese Opern zu sehen. Und das ist schade, denn der Erfolg Jommellis ist alles andere als unbegründet. Umso erfreulicher, dass der Orfeo Verlag sich um das Werk Jommellis bemüht.
Nach Wissen des Rezensenten ist bei Orfeo außer der hier besprochenen Einspielung des D-Dur Te Deums und der Messe in gleicher Tonart mindestens noch eine Oper Jommellis (Il Vologeso) eingespielt und veröffentlicht worden.


Die beiden kirchenmusikalischen Werke auf dieser CD sind in Jommellis Stuttgarter Zeit entstanden, nachdem er sich schon etliche Zeit mit Oper beschäftigt hatte, also genaue Kenntnis vokaler Stimmbehandlung hatte. Der Einfluss der französischen Musik auf den Stuttgarter Hof, die Beliebtheit der virtuosen Mannheimer Schule und Jommellis italienische Herkunft prägen das Schaffen des Komponisten. Und diese vielen Stilen verpflichtete Musik lässt sich auch heute mit großem Genuss konsumieren. Der Eingangschor des Te Deums ist geprägt von einem durch Bässe und Bläser erzeugten harmonischen und klanglichen Grundgerüst, über dem sequenziert und variiert ein federndes Geigenmotiv erklingt, das in seinem explosiven Charakter der Mannheimer Schule geschuldet ist. Wechselnde Einsätze des Chores und des Solistenquartetts vermitteln eindrücklich den Text - selten erklingt Gotteslob verständlicher, erlebbarer als in diesem Satz.
Der 2. Satz, das Te ergo quaesumus ist ein eindringliches Altsolo (übrigens das einzige auf dieser CD). Das mit einer "Mannheimer Rakete" einsetzende Aeterna fac, der dritte Satz, ist dem Text entsprechend vielschichtig und abwechslungsreich und lebt vom wirkungsvollen Wechsel zwischen Chor und Solisten. Der letzte Satz, In te Domine speravi, beginnt wie zu erwarten mit einem Chorfugato und geht dann schnell in ein kurzes, aber mächtiges Finale über, nach dessen verklingen man bestürzt und ungläubig das Cover der CD betrachtet und feststellen muss, dass man sich leider nicht geirrt hat: dieses erfrischende, mitreißende Te Deum dauert leider nur 13 1/2 Minuten. Man hätte es gerne eine Stunde lang gehört.

Das knappe Stündchen Musik auf der CD macht die Messe in D-Dur voll, die etwas weniger frisch und mitreißend klingt wie das Te Deum, aber mit ebensovielen Ideen und interessanten Details gespickt ist und durchaus an keiner Stelle ein Länge aufweist. Besonders hervorzuheben sind die Sinfonia, die zwischen Gloria und Credo erklingt, ein Instrumentalstück, das mit opernhaftem Gestus und Dramatik besticht, und das Credo, das mit groáer Eindringlichkeit den Hörer über zehn Minuten zu fesseln weiß.
Kurzum: Orfeo legt mit diesen zwei Werken unbeachtete aber unbedingt hörenswerte Perlen auf, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Überaus erfreulich ist dabei die Leistung der Interpreten, denen es beispielhaft gelingt, die Qualitäten dieser Musik, ihre Vitalität und ihren Ideenreichtum hörbar zu machen. Die Virtuosi di Praga machen ihrem Namen alle Ehre. Klang, Spannung, Dynamik und Phrasierung sind derart meisterlich erarbeitet und umgesetzt, die Virtuosität, mit der die Streicher das Feuerwerk Mannheimer Gepräges steigen lassen - all das ist eine wahre Freude.
Dieser Leistung steht die des Prager Kammerchores und der Solisten (Judy Berry, Marta Benackov, John La Pierre und Nikolaus Meer) in nichts nach. Dem Dirigenten Hilary Griffith ist es gelungen, jede feine Nuance der Musik hörbar zu machen und eine mitreißende Interpretation zu bieten. Dieser Aufnahme gelingt es,das scheinbar angestaubte Werk eines unbeachteten Komponisten frischer klingen zu lassen, als so manche routinierte Einspielung solcher Publikumslieblinge wie Mozart oder Händel. Der Rezensent ist vollkommen beglückt von dieser CD und empfiehlt sie dringend!

Angemerkt sei noch, dass das Booklet neben Künstlerviten nur eine Einführung, nicht aber die Texte von Messe und Te Deum beinhaltet und in deutsch, englisch und französisch lesbar ist. Und als Warnung für Puristen: Die Sänger sprechen das Kirchenlatein auf italienische Weise aus.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Kritik von Simon Weinert,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Jommelli, Niccolo: Te Deum

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
ORFEO
1
16.03.2001
53:14
1997
2001
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
4011790453125
C 453 001 A

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Jommelli, Niccolò


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Dirigent(en):Griffiths, Hilary
Orchester/Ensemble:Vrtuosi di Praga
Interpret(en):Berry, Judy (Sopran)
Benackova, Marta (Alt)
La Pierre, John (Tenor)
Meer, Nikolaus (Bass)
Prager Kammerchor,


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
Unser Ziel: Die Faszination, die klassische Musik ausüben kann, über die Generationen lebendig nahe zubringen.


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