> > > Schulhoff, Erwin: Streichquartette Nr. 2 & op 25
Montag, 4. Juli 2022

Schulhoff, Erwin - Streichquartette Nr. 2 & op 25

Zwischen den Stühlen fegend


Label/Verlag: VMS Musical Treasures
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Comeback der in der Nazi-Zeit ,entartet' gelisteten Musik des tschechischen Komponisten vollzieht sich nach und nach. Das Prager Quartett schaut hier den vielen, mitunter schroffen Stilformen Schulhoffs ehrlich, brillant und beherzt ins Gesicht.

Es lohnt sich, bei ihm einzusteigen. Denn die Gefahr, der Musik des tschechischen Komponisten Erwin Schulhoff (1894-1942) schnell überdrüssig zu werden, ist denkbar klein. Erstens wird es vermutlich noch eine ganze Weile dauern, bis man auf dem Plattenmarkt oder im Konzertbetrieb von Schulhoff überschüttet wird, und zweitens hat man gut damit zu tun, dessen slawische Musiksprache aus dem frühen 20. Jahrhundert in all seinen verschiedenen Facetten zu erfassen und zu verinnerlichen. Anders gesagt: Entdecker sind bei Schulhoff goldrichtig.

Gemeinsam groß geworden

 

Die jungen Prager des Schulhoff Quartetts sind es in jedem Fall. Sie bevorzugen nicht nur Werke von ihrem Namenspatron, sondern überwiegend von tschechischen bzw. osteuropäischen Komponisten, die Opfer des Nazi-Regimes waren und deren Musik als ,entartet' gelistet und verboten wurde. Bei dieser unter ,VMS/Zappel Music' veröffentlichten CD-Aufnahme des zweiten und ,nullten' Streichquartetts spürt man, dass sie nicht nur an denselben kulturellen und sprachlichen Wurzeln wie Schulhoff herangereift sind und dessen Werke durchdrungen haben, sondern sich als Ensemble tatsächlich ,gemeinsam' in diese Musik hinein fallen lassen.

Das ist zwar im Streichquartettspiel ein absolutes Muss, bei Schulhoff aber bei weitem kein Kinderspiel. Die rhythmischen und technischen Vertracktheiten, die melodisch oft spröden Themen und all die tonalen Reibereien an sich sind schweißtreibend genug. Hinzu kommen aber hier zahlreiche, teils lange Unisono-Passagen, die für einen treffsicheren Effekt keinerlei Differenzen im Zusammenspiel und in der Intonation erlauben. Und genau dies beherrschen die Vier fabelhaft. Es zahlt sich offenbar aus, dass sie schon seit ihrer Schulzeit miteinander musizieren.

Zwei Werke - zwei Stile

 

Herzstück und ein echter ,Hinhörer' ist der Variationssatz des 2. Quartetts aus dem Jahr 1925, dessen melancholischen Schmelz im slawischen Tonfall das Ensemble wärmend ans Herz trägt und bei den folkloristischen Tanzmotiven ein erquickliches Jucken in die Beine schickt. Aber von purer Bierseligkeit ist weniger die Spur, vielmehr sind die Anklänge dieses Werks bittersüß bis fiebrig explosiv und können schon mal schmerzhafte Assoziationen wecken. Vorbilder und Lehrer wie Leoš Janáèek oder Max Reger tummeln sich vor dem geistigen Auge.

Im Vergleich dazu geradezu unbeschwert klingt dagegen das Streichquartett op. 25 aus dem Jahr 1918. Obwohl Schulhoff da gerade von der Kriegsfront zurückgekehrt war - nach vier Jahren, in denen all seine früheren Werte und Einstellungen auf den Kopf gestellt wurden und er  sich dem Kommunismus zuwandte - könnte dieses Quartett ebenso gut von Josef Haydn in seinen kühnsten, scherzhaftesten Zeiten stammen. Vermutlich hat Schulhoff es vor dem Krieg begonnen und es nach seiner Rückkehr in seinem früheren Kompositionsstil vollendet. Auch hier zeigt sich, dass die vier Streicher auch an dieser Richtung ihre wahre Freude haben und ausgezeichnet erprobt sind. Sie genießen es spürbar, die klassischen Formen, Harmonien, Verzierungs- und Spieltechniken des 1. Satzes ,Frisch & kräftig' mit den schroffen, eruptiven Farbklecksern Schulhoffs zu besprengseln. Ihr warmer, emotionale Ton kommt besonders dem 2. Satz ,Langsam, getragen und ausdrucksvoll' zugute und zieht alle Sinne in seinen Bann. Im 3. Menuett-Satz wird der Sprung in die Wiener Hochklassik konsequent vollzogen und die Scherzo-Kultur Haydns zugespitzt, bevor das recht simple Rondothema im 4. Satz harmonisch in einem Affenzahn um den Quintenzirkel gejagt wird, dass man aus dem Grinsen quasi nicht mehr heraus kommt. Diese klanglichen und rhythmischen Dreistigkeiten kosten die Interpreten hörbar aus und man kann sich nur noch schwer vorstellen, dass es das Streichquartett,  im Halbkreis sitzend, noch auf seinen Stühlen gehalten hat.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Schulhoff, Erwin: Streichquartette Nr. 2 & op 25

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
VMS Musical Treasures
1
20.07.2007
Medium:
EAN:

CD
9120012231801


Cover vergössern

VMS Musical Treasures

Gegründet: 2002 von Dieter Heuler und Joe Morscher

Erste Veröffentlichungen: März 2003

Vergessene/verborgene/verfemte/verdrängte musikalische Schätze quer durch alle Musikepochen zu entdecken, ist das Hauptziel des Labels VMS Musical Treasures. Dabei kann Produzent Dieter Heuler auf seine fast dreißigjährige Erfahrung in musikalischer "Archäologie" zurückgreifen, die auch seine kreative Arbeit für das Label "Schwann" geprägt hatte. Der weltweite Vertrieb liegt in den Händen von Joe Morscher (Zappel Music), der seit zwei Jahrzehnten dieses Metier erfolgreich betreibt und u. a. auch für die weltweite Distribution des bekannten japanischen Labels "Camerata Tokyo" verantwortlich zeichnet.

VMS versteht sich im weitesten Sinne als "inoffizielles" Nachfolgelabel von Schwann. Beide Gründer haben lange Jahre für und mit dem Label Schwann gearbeitet und wollen - nachdem Schwann von Universal übernommen, aber Neuproduktionen großteils eingestellt wurden - die lange Tradition des Labels fortsetzen und Vergessene Musikalische Schätze (VMS) wieder entdecken. Etliche Künstler, die vormals auf Schwann veröffentlicht hatten, haben bei VMS ein neues Zuhause gefunden.

Künstlerauswahl:
Orchester: Wiener Symphoniker, Wiener Concert-Verein, Johann Strauss Ensemble der Wr. Symphoniker, Haydn Sinfonietta Wien, Symphonieorchester Vorarlberg
Streichquartette: Ensemble Wien, Hugo Wolf Quartett, Schulhoff Quartett
Klavier: Jenö Jando, Andreas Frölich
Gitarre: Alexander Swete, Wulfin Lieske, Walter Abt
Violine/Viola: Ernst Kovacic, Raimund Lissy, Regina Brandstätter
Harfe: Suzanna Klintcharova
Cello: Christoph Stradner
Kontrabass: Ernst Weissensteiner
Trompete: Wolfgang Basch Flöte: Bruno Meier Orgel: Anne Chapelin-Dubar, Martin Haselböck
Akkordeon: Janne Rättyä

Aktuell umfasst der Katalog von VMS Musical Treasures gesamt 102 Titel.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag VMS Musical Treasures:

  • Zur Kritik... Beflügelnd: María Garzón präsentiert eine ebenso farbenreiche wie sensible Einspielung der Klaviersonaten Dusseks, die dem Komponisten dazu verhelfen könnte, aus der Versenkung aufzutauchen und wieder an die Oberfläche zu gelangen. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
  • Zur Kritik... Auf Linie: Das Streichquartettschaffen von Hugo Wolf wird in dieser beeindruckenden, inspirierten Einspielung ausdrucksstark ausgelotet. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Es brennt.: Der Alban Berg unserer Tage heißt Hugo Wolf - zumindest in der Welt der Streichquartette. Weiter...
    (Daniel Krause, )
blättern

Alle Kritiken von VMS Musical Treasures...

Weitere CD-Besprechungen von Gabriele Pilhofer:

  • Zur Kritik... Radio-Sinfonie einer Großstadt: ,Leben in dieser Zeit' ist das wertvolle Produkt der Künstlerfreundschaft zwischen Erich Kästner und Edmund Nick. Die Chanson-Revue mit gereimten Dialogen und Geräuschmontagen bringt uns unterhaltsam den Alltagsfrust des Großstadtlebens der 1920er nahe. Weiter...
    (Gabriele Pilhofer, )
  • Zur Kritik... Gipfeltreffen im Wohnzimmer: Mit romantischen Vokalwerken von Robert Schumann und Brahms sowie barocken Arien von Johann Sebastian Bach beweist das Calmus Ensemble erneut, dass es in der allerobersten Liga der Vokalensembles mitspielt. Weiter...
    (Gabriele Pilhofer, )
  • Zur Kritik... Ein weiteres Puzzlestück: Abgesehen von wenigen interpretatorischen Schwächen werden die Eigenheiten von C.P.E. Bachs Musik von Joshard Daus und seinen Musikern in dieser Ersteinspielung wunderbar zum Klingen gebracht. Weiter...
    (Gabriele Pilhofer, )
blättern

Alle Kritiken von Gabriele Pilhofer...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Dem Geiger Ivry Gitlis zum 100. Geburtstag: Ein eigenwilliger Protagonist der Violinwelt, der fast ein ganzes Jahrhundert durchlebte, spielt die großen 'Schlachtrösser' der Violinliteratur. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Alter Mann und 'wilde Hummel': Dieser 'Pimpinone' ist nicht nur stimmlich und instrumental eindrucksvoll besetzt, sondern ist obendrein eine wichtige Ergänzung zur mehr als nur übersichtlichen Diskographie des Werks. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Brahms der späten Jahre: Wach und feingliedrig, strukturklar und klangsensibel: Herbert Blomstedt kennt seinen Brahms und gibt ihm im Zusammenspiel mit dem Gewandhausorchester Leipzig Raum zum Atmen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7-8/2022) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich