> > > Mahler, Gustav: Symphony no.10
Samstag, 21. September 2019

Mahler, Gustav - Symphony no.10

Mahlers Schicksal


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Es gelingt den Interpreten Atmosphären zu schaffen, die bewegen.

Warum nur ist er in der breiten Öffentlichkeit nicht so bekannt wie andere Kollegen seiner Generation, etwa Günter Wand oder Sergiu Celibidache? Wahrscheinlich weil sich Kurt Sanderling, der demnächst 90 Jahre alt wird, nie den Gesetzen des Klassikmarktes unterworfen und kein großes Plattenlabel hinter sich hat. Dabei ließen sich seine Aufnahmen durchaus hervorragend vermarkten. So bleiben sie häufig nur ein Geheimtipp für Eingeweihte, was zu bedauern ist.
Nun hat ‚Berlin Classics', das Nachfolgelabel der ostdeutschen ETERNA, Mahlers zehnte Sinfonie in der Cooke-Fassung neu aufgelegt. Kurt Sanderling dirigiert bei der deutschen Ersteinspielung dieser Sinfonie ‚sein' Berliner Sinfonie-Orchester. Und es ist beachtlich, was beide Partner, Dirigent und Orchester, hier zu leisten im Stande sind. Sanderling gelingt es, eine Vielzahl von Charakteren, Farben und Nuancen heraus zu arbeiten, die eine sehr geschlossene, logisch nachvollziehbare und überzeugende Interpretation dieses so schwer zu erfassenden Werkes ermöglichen.Das Adagio nimmt er recht langsam, ohne aber Gefahr zu laufen, den musikalischen Fluss zu verlieren. Weite, lang gezogene Bögen überspannen die beiden Hauptmotive des Satzes. Das von Streichern unisono gespielte Eingangsthema (Andante) gerät dank seiner Vibratoarmut kühl und fahl. Dem gegenüber steht das hymnische Thema (Adagio), das strahlend, fast jubelnd, mitunter auch stark karikierend dargeboten wird. Das BSO zeichnet sich hierbei durch einen dunklen, vollen und unendlich warmen Klang aus, jenen Klang, den Sanderling dem Orchester während seiner 17jährigen Amtszeit als Chef angeeignet hat. Es ist schon beeindruckend, wie durchhörbar die Interpretation trotz all der musikalischen Einfälle Mahlers gerät. Beachtenswert ist auch die große Ausgewogenheit, die zwischen den verschiedenen Instrumentengruppen besteht. Zu keinem Zeitpunkt überdecken die Blechbläser wichtige Streicherphrasen, werden Holzbläserthemen von Streichern niedergespielt. Das Scherzo dieser Sinfonie hat einen völlig anderen Charakter: Es ist sarkastisch angehaucht, wirkt etwas schroff und schneidend. Sanderling achtet sehr genau auf diese inhaltlichen Unterschiede zwischen beiden Sätzen. Er lässt deutlich, akzentuiert, fast schon penibel artikulieren, schafft dabei den Übergang zum Trio, einem gemächlichen Ländler, mühelos und ohne Brüche. Spätestens in diesem Satz stellen die hervorragenden Solisten des BSO ihr Können unter Beweis. So seien die überaus musikalisch und sicher spielende Trompete und die schön phrasierende Oboe hier nur stellvertretend für viele genannt. Ähnliches kennt man schon aus Sanderlings Schostakowitsch-Einspielungen mit dem gleichen Orchester. Auch der dritte und vierte Satz geben ausreichend Gelegenheit, solistisch hervor zu treten. Der mitunter stark kammermusikalische Charakter Mahlerscher Musik kommt hier gut zur Geltung. Daneben gelingt es den Interpreten, dynamische Abstufungen vorzunehmen, die ein aufmerksames Hören garantieren, geradezu unabdingbar machen. So entstehen große musikalische Linien, die für den Hörer eine fesselnde Spannung erzeugen. Es gilt anzumerken, dass solch dynamischen Differenzierungen bei den meisten Interpreten leider nicht üblich sind. Auch Sir Simon Rattle geht auf seiner Einspielung von Mahlers Zehnter mit den Berliner Philharmonikern bei weitem nicht so sensibel mit Dynamik und Artikulation um, wie es das BSO mit seinem ehemaligen Chef hier tut.

Kurt Sanderling hat nach intensiven Partiturstudien einige Änderungen an der Konzertfassung Deryck Cookes vorgenommen, die vor allem im Bereich der Instrumentation zu finden sind. Darüber hinaus hat er beispielsweise die Anzahl an Trommelschlägen zwischen viertem und fünftem Satz verringert und die Phrasierungen des ‚Leb` wohl'-Motivs am Ende der Sinfonie verändert. Dieser letzte Satz muss zum Schönsten, Bewegendsten und Erschütterndsten der Musikgeschichte gezählt werden. Er wird durch dumpfe Trommelschläge, mehrere kleine Tubasoli und ein großes Flötensolo eingeleitet. Der BSO-Flötist spielt seinen Part ausdrucksstark, mit großem Atem, dezentem Vibrato und einer langen, allumfassenden musikalischen Linie. Danach entwickelt sich ein Wechselspiel zwischen gesanglichen Passagen und dramatischen Ausbrüchen und Einwürfen, die wiederum alle Beteiligten sowohl musikalisch als auch technisch auf das Äußerste fordern. Es ist beeindruckend, wie Sanderling mit dem Orchester die vielen Tempo- und Charakterwechsel meistert, ohne dass die Musik in Einzelteile zerfällt und der musikalische Faden verloren geht. Hier sei noch einmal ein Blick auf die Rattle-Aufnahme erlaubt, die technisch natürlich perfekt ist und vom Klangbild her den heutigen Hochglanzidealen entspricht. Doch fehlt ihr gelegentlich der musikalische Tiefgang, die Fähigkeit zu fesseln.

Von daher muss man sagen, dass Kurt Sanderling und dem Berliner Sinfonie-Orchester etwas besonderes gelungen ist. Natürlich ist die Tonqualität der Aufnahme nicht einwandfrei, die spieltechnische Perfektion bei den Musikern noch nicht vollständig erreicht. Doch es gelingt den Interpreten Atmosphären zu schaffen, die bewegen, erschüttern und teilweise Verzweiflung über Mahlers Schicksal beim Hörer hinterlassen, ohne dass man dies der Qualität der Musik allein zuschreiben darf. Es gibt genug Einspielungen dieser Mahler-Sinfonie, denen eben jenes nicht einmal annährend gelingt. Das BSO hat einen eigenen, unverwechselbaren Klang und kann darüber hinaus ausgesprochen flexibel auf musikalische Veränderungen der Musik eingehen. Die hervorragenden solistischen Leistungen der Berliner Musiker, wobei man auch den Streicherapparat als großen Solisten betrachten darf, sind hier schon genannt worden.

Das lange Warten auf die Neuauflage der Sanderling-Mahlereinspielungen hat sich gelohnt. Ich kann jedem Hörer nur empfehlen, sie mit anderen Aufnahmen zu vergleichen. Nur so wird einem der wahre Wert von Sanderlings Interpretationen bewusst und man erkennt, dass auch ein Sir Simon Rattle nicht die Lösung für alle musikalischen Herausforderungen in der Gegenwart ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Kritik von Frank Bayer,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Mahler, Gustav: Symphony no.10

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
15.05.2001
73:46
2001
2001
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0782124944223
0094422BC

Cover vergössern

Mahler, Gustav


Cover vergössern

Dirigent(en):Sanderling, Kurt
Orchester/Ensemble:Berliner Sinfonie-Orchester


Cover vergössern

Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Berlin Classics:

  • Zur Kritik... Grenzensprengend: Drei Musiker bieten Kammermusik in höchster harmonischer Vollkommenheit. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Fesselnd: Einspielungen des Cellisten Claudio Bohórquez sind vergleichbar mit einem Jahrhundert-Wein. Sie sind äußerst selten. Sie sind ausgereift. Ein Luxus, den er sich leistet. So entstehen Referenzeinspielungen. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Introvertierter Rachmaninow: Claire Huangci hat eine extrem detailfreudige und kontrollierte Interpretation aller Préludes von Rachmaninow vorgelegt. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
blättern

Alle Kritiken von Berlin Classics...

Weitere CD-Besprechungen von Frank Bayer:

  • Zur Kritik... Der unerhörte Don Giovanni: René Jacobs Don Giovanni ist der hochdramatisch, ungemein fesselnde Beweis, dass historisierende Aufführungspraxis und Operdrama nach modernem Verständnis Hand in Hand gehen können. Eine Offenbarung! Weiter...
    (Frank Bayer, )
  • Zur Kritik... Verdis letzter Versuch : Wer einen szenisch klugen, optisch keinesfalls überladenen und dazu sängerisch wie orchestral erstklassigen Fallstaff sucht, ist mit dieser italienischen Produktion mehr als gut bedient. Weiter...
    (Frank Bayer, )
  • Zur Kritik... Jansons Mahler-Erstling: Mit dieser Aufnahme von Gustav Mahlers sinfonischem Erstling zeigen das Concertgebouw Orkest Amsterdam und sein Chefdirigent Mariss Janson auf eindrucksvolle Weise, warum sie beide zur äußerst kleinen Spitze von Ausnahmeorchestern und Dirigenten gehören. Weiter...
    (Frank Bayer, )
blättern

Alle Kritiken von Frank Bayer...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Eine neue Hoffnung: Episode IV im Mahlerzyklus von Osmo Vänskä und dem Minnesota Orchestra bietet großes Kino mit kleineren Schwächen im Drehbuch. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
  • Zur Kritik... Neugier und Leidenschaft: 'An American Song Album' macht neugierig, beglückt in hohem Maß und gehört zu jenen CDs, die mehrmals im Jahr durchgehört werden sollten. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Unter dem Regenbogen: Alfredo Casella sollte man als Opernkomponisten nicht unterschätzen – die vorliegende Turiner Produktion vom April 2016 unter Gianandrea Noseda ist weit mehr als eine Ehrenrettung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (8/2019) herunterladen (3670 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Antonín Dvorák: String Quartet B 40 in A minor op.12 - Allegro ma non troppo

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich