> > > Virtuoso Cello Showpieces: Werke von Orr, Cassadó, Dvorák u.a.
Samstag, 23. Januar 2021

Virtuoso Cello Showpieces - Werke von Orr, Cassadó, Dvorák u.a.

Ein Universum mit nussiger Schale


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Maria Kliegel hat eine Zusammenstellung von ungewöhnlichen Zugabenstücken vorgelegt, die große Virtuosität und Klangschönheit wunderbar vereint und Kliegels Ruf als hervorragende Cellisten sicherlich festigen wird.

Maria Kliegel hat eine CD vorgelegt, die in ihrer Anlage stark an Heinrich Schiffs ‘Encore’-CD erinnert, wobei die generöse Ironie der ‘Cello-Hits’ hier zu ‘Cello-Showpieces’ gemildert wurde und das Programm sich aus eher ungewöhnlichen Zugabenstücken zusammensetzt. Aber das Phänomen ist hier, wie bei den vielen vorhandenen Encore-CDs das Gleiche: Zusammenstellungen wie diese, die sowohl die Konzertsituation in die mediale Zwischenspeicherung hereinholen, als auch den Pegelstand der machbaren Virtuosität abschreiten wollen, hegen, wenn auch unausgesprochen ein Moment der Selbstreflexion, ja der Selbstbezüglichkeit, das sie stets beachtenswert macht. Welche Konventionen tragen dazu bei, dass eine Zusammenstellung virtuoser Schauläufe als solche ausgewiesen werden muss? Wie kommt es, dass sich in beiden Fällen viele Transskriptionen, bzw. Variationskompositionen finden? Was unterscheidet die Zugabenstücke von den Hauptprogrammpunkten? Zuletzt: werden so nicht innerhalb der sog. ernsten Musik Grenzen zwischen mehr und weniger ernst sichtbar? Die CDs geben natürlich keine Antworten, aber das Verdienst der gut gestellten Fragen ist ihres.

Also ein Moment für Selbstreflexion hereingeflochten. Es ist vielleicht die schönste und vielfältigste Seite der Musikkritik, allerorten zu beobachten, wie um die Auflösung des Paradoxen gerungen wird: ein Adjektiv für eine bestimmte Qualität von Ton zu finden. Jedenfalls für mich gibt es kein besseres, um einen ‘schönen’ Celloton zu beschreiben als: nussig. Das sagt nichts? Vielleicht umso besser. Jeder Leser stelle sich einen schönen, vollen, warmen, im richtigen Maß rauhen, im richtigen Maß sanften Celloton vor, wenn es hier heißt: Maria Kliegels Ton ist nussig. Der allererste Ton der CD ist dabei schon eine der köstlichsten Nüsse überhaupt, grollend und durchdringend.

Mit diesem großartigen Ton, den sie dem berühmten ‘Ex Gendron’-Cello von Stradivarius aus dem Jahr 1693 entlockt, unternimmt Kliegel nun ganz erstaunliche Dinge von ebenso erstaunlicher Vielfältigkeit. Von den flamencohaften, wilden Passagen in Buxton Orrs ‘Carmen Fantasy’ bis zu den stillen, klangvollen Dvorak-Stücken der CD spannt sich der Bogen, was Charakterisierungskraft und Ausdruck angeht. Technische Wagestücke bauen sich hingegen in den Variationsstücken und –phantasien selbst auf, die bekannte, umso besser nachzuverfolgende Melodien von Bizet, Mozart und Rossini in immer höhere Höhen und rollendere Geschwindigkeiten treiben.

Als Höhe- und Brennpunkt der angesprochenen Fähigkeiten und ausgebreiteten Panoramen dürfen die Figaro-Variationen von Mario Castelnuovo-Tedesco über das berühmte ‘Largo al factotum’ gelten. Hier werden, ohne dass es die grandiose Gewalt der Musik irgend mindert, geradezu schaufensterhaft verschiedene Schwierigkeiten erkundet und von Kliegel vollends souverän dargestellt. Seien es lange Akkordpassagen von Doppel- und Dreifachgriffen, Phrasen von bestechender Eleganz, bald in schlafwandlerisch getroffenen falschen Flageoletts wiederholt, schnell stürzend in die grollendsten Tiefen des Instruments, ein halbes Dutzend Techniken, die auf -ato enden – kurz: ein Großteil aller Möglichkeiten, aus einem Cello einen Ton oder einen Toneffekt zu locken, werden hier in den sich auftürmenden Variationen von Kliegel brillant gemeistert.

Allein, an manchen Stellen fragt man sich bei alledem, ob nicht etwas zu brillant und glatt? Nicht, dass Kliegel zurückhaltend zu wenig wagen würde, aber es finden sich in Castelnuovo-Tedescos Stück gewisse Partien, die weniger ‘schön’, mit mehr Grimm und Dissonanz noch stärker zur Geltung gebracht werden könnten. Das aber erscheint in Anbetracht der Qualität dieser Aufnahme nicht als ein Schönheitsfehler, nicht einmal als ein kleines weniger-gut, sondern eher als ein Geschmackswunsch, der nichts am hohen Rang dieser Einspielung ändern sollte. Eine mögliche Antwort aus der Selbstreflexion dieser CD deutet unmissverständlich auf gute Zeiten, auf eine heilige Jahreszeit für das Cello.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Virtuoso Cello Showpieces: Werke von Orr, Cassadó, Dvorák u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
02.07.2007
Medium:
EAN:

CD
747313261321


Cover vergössern

"„La Cellissima“ Maria Kliegel wartet in dieser Aufnahme mit hochvirtuosen Werken der Celloliteratur auf - von den „Variationen über ein Thema von Mozarts Don Giovanni“ des Mannheimer Cellisten Franz Danzi bis hin zu Buxton Orrs „Carmen Fantasy“, eine Antwort auf Franz Waxmans berühmte Fantasie für Violine. Orrs Werk beginnt - ganz ungewöhnlich - mit einer Cellokadenz, die auf dem Schicksalsmotiv von Bizets Oper basiert. Weitere Themen wie die berühmte „Habanera“ oder das „Blumenlied“ von Don José werden ebenfalls erfindungsreich eingearbeitet. Spanische Klänge ertönen auch in Gaspar Cassadós „Lamento de Boabdil“, das der Cellist seinem Lehrer Pablo Casals widmete. Titel und elegischer Inhalt des Werks beziehen sich auf den letzten maurischen Herrscher von Granada, Mohammed XII, den die Spanier unter dem Namen Boabdil kennen. In Cassadós kurzem Stück spiegelt sich der legendäre Schmerz des aus dem besiegten Granada vertriebenen Monarchen in wunderbar melancholischen Klängen. Castelnuovo-Tedescos „Figaro-Variationen“, die oftmals als „Konzerttranskriptionen“ bezeichnet wurden, ranken sich um die berühmte Kavatine „Largo al factotum“, mit der Figaro in „Der Barbier von Sevilla“ von seiner Berühmtheit singt. Maria Kliegel bringt in kongenialem Zusammenspiel mit Nina Tichman diese herausfordernden Werke in ihrer ganzen Ausdruckskraft zu Gehör. "


Cover vergössern

Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...



Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Naxos:

  • Zur Kritik... Klingende Geschichtsstunde: Das russische Brahms Trio präsentiert auf seiner neuen Platte mit Werken von Aljabjew, Glinka und Rubinstein die Anfänge des Klaviertrios in Russland. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Klänge aus Galicia: Die Orchestermusik von Enrique Granados ist das Kennenlernen wert. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Schnellschuss: Ein Aufnahmetag hat für eine differenzierte Darbietung der hier vorliegenden Martinu-Lieder nicht ausgereicht. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Naxos...

Weitere CD-Besprechungen von Tobias Roth:

  • Zur Kritik... Die Schäfer im Salon: Pastorale Kammerkantaten von Nicola Porpora in einer gelungenen Interpretation des Ensembles Stile Galante und der Mezzosopranistin Marina De Liso. Weiter...
    (Tobias Roth, )
  • Zur Kritik... Nicht und nie genug: Ekaterina Derzhavina hat sämtliche Klaviersonaten Joseph Haydns eingespielt - und überzeugt dabei soweit es diese Musik zulässt. Weiter...
    (Tobias Roth, )
  • Zur Kritik... Aus der Zeit: Das Duo Arp Frantz präsentiert einen gelungenen Brückenschlag zwischen Johann Sebastian Bach und György Kurtág. Weiter...
    (Tobias Roth, )
blättern

Alle Kritiken von Tobias Roth...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Eine Orgel im spätbarocken Stil wird vorgestellt: Das Programm enthält bekannte und unbekannte Werke aus der Zeit Bachs. Damit ist eine Darstellung der Orgel mit ihren Möglichkeiten verbunden. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
  • Zur Kritik... Erfolgreicher Migrant: Ein überzeugendes Plädoyer für einen italienischen Wahlfranken. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Bibliothek mit schmalen Bänden: Die King's Singers füllen ihre Bibliothek weiter mit knappen Bänden: Neue Bearbeitungen und Kompositionen stehen neben wieder vorgestellten Klassikern des Repertoires. Beides gehört zum Markenkern der Formation. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (3/2020) herunterladen (2399 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (1/2021) herunterladen (2400 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich