> > > Isabelle van Keulen & Ronald Brautigam: Werke für Violine und Klavier von Grieg, Elgar und Sibelius
Sonntag, 28. November 2021

Isabelle van Keulen & Ronald Brautigam - Werke für Violine und Klavier von Grieg, Elgar und Sibelius

Nordeuropäisches Gipfeltreffen


Label/Verlag: Challenge Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Isabelle van Keulen und Ronald Brautigam bieten entschlackte Kammermusik-Interpretationen, die vor allem durch wohldosierten Schwung und delikate Klanggebung auffallen.

Ein Gutes haben Gedenkjahre schon, abgesehen von dem ganzen Rummel, der um die Jubilaren gemacht wird. Denn manchmal, wenn auch eher selten, rücken dann unter anderem die weniger bekannten Werke der jeweiligen Komponisten in den Blickpunkt. Von ebendiesem Grundgedanken ist eine neue, durchaus gelungene Kammermusik-Einspielung des Labels Challenge Records getragen. Die beiden holländischen, mit internationaler Akklamation bedachten Künstler Isabelle van Keulen (Violine) und Ronald Brautigam (Klavier) widmen eine randvoll gefüllte Platte Kammermusikwerken von Edvard Grieg, Jean Sibelius und Edward Elgar, um die Hörerschaft neben ‘Peer Gynt’, ‘Finlandia’ und ‘Pomp and Circumstances’ mit weiteren hochkarätigen Stücken der drei Nordeuropäer bekannt zu machen.

Wohltuend fein und stringent

 

Die beiden Hauptwerke dieser Aufnahme stammen von den beiden Edwards: Edvard Griegs Erste Violinsonate F-Dur op. 8 und Edward Elgars e-Moll-Sonate op. 82 dürfen als Höhepunkte gelten, die von Isabelle van Keulen und Ronald Brautigam sehr stringent und luzide interpretiert werden. Diese tendenziell entromantisierte Lesart mag beim ersten Hören etwas stutzig machen, denn die Violinistin und ihr langjähriger Klavierpartner betonen statt der Details den großen Bogen. Mit einem stets flotten Tempo, durchwegs ‘con brio’, geht es hier durch den Eingangssatz der Grieg-Sonate. Da mag man hier und da etwas erstaunt sein über den stetigen Zug, der in dieser Interpretation kaum Inseln der Ruhe lässt, anders als in vielen gängigen Einspielungen, bei denen mit kleinen Tempomodifikationen und agogischen Veränderungen Motive, Harmoniewechsel, Satzabschnitte etc. markant unterstrichen werden. Das passiert in van Keulens Interpretation zwar auch, aber nur im Mikrobereich. Neben dem flüssigen Tempo, das ebenso das Seitenthema bestimmt, wirken auch Phrasierung und Artikulation etwas ausgedünnt, manchmal ein wenig zu stromlinienförmig (man würde sich stellenweise wünschen, dass die beiden Musiker Phrasen etwas spreizten und damit dem durchgängigen Schwung in den Weg stellten). Allerdings bekommt gerade die frische, im zweiten Satz richtig bukolisch-ländliche F-Dur-Sonate Edvard Griegs damit eine Leichtigkeit, die dem gängigen, spätromantischen Bild eine weitgehend (aber nicht immer) überzeugende Alternative zur Seite stellt.

Isabelle van Keulen pflegt, passend zu dem interpretativen Grundgestus, einen leichten, manchmal luftigen, stellenweise fast brüchigen Ton (‘Allegretto quasi andantino’), der sich exzellent mit der transparenten, klaren Gestaltung Ronald Brautigams mischt; die langjährige Erfahrung im Zusammenspiel der beiden Musiker macht sich unmittelbar deutlich, durchaus im Positiven.

Abwechslung vor dem Schlusshöhepunkt

 

Vor den drei Humoresken Jean Sibelius’ sorgt Isabelle van Keulen mit dem kurzen, aber eindringlich, intensiv gespielten ‘Sospiri’ op. 70 (ursprünglich für Streicher, Harfe und Orgel, später von Elgar für Violine und Klavier bearbeitet), für einen Stimmungswechsel. Auch hier gestaltet die Geigerin sehr subtil in der Dynamik, stets nach vorn schreitend, um der Trauermusik jeden Anflug von Sentimentalität zu nehmen. Von überschäumender Spielfreude ist Jean Sibelius’ ‘Humoresque’ op. 87 Nr. 2 aus den Jahren des Ersten Weltkriegs, die von den Musikern mit Humor und hohem Sinn für delikate Klanggebung interpretiert werden. Ebenso eindrucksvoll gelingen die eigentümlich introvertierte ‘Humoresque’ op. 89 Nr. 2 und die ‘Humoresque’ op. 89 Nr. 4. Ronald Brautigam erweist sich dabei als ein Duopartner, der weiß, wann es gilt, sich auf reine Klangrundierung zurückzuziehen und wo er gleichberechtigt neben die tonangebende Violine treten darf.

Als Schlusshöhepunkt darf Edward Elgars e-Moll-Sonate op. 82 gelten, die von Isabelle van Keulen mit hoher Expressivität und einem unbezähmbaren Elgarschen Schwung angegangen wird. Der Dialog zwischen Violine und Klavier wird in diesem Werk sehr dicht gestaltet, das Zusammenspiel ist von hoher Perfektion. Mehr noch als in der Grieg-Sonate schaffen es Isabelle van Keulen und Ronald Brautigam, eine genau austarierte Verbindung von Detailgestaltung und unwiderstehlichem Sog nach vorn zu schaffen. Von wundervoller Kantabilität ist die ‘Romance’ erfüllt, ehe das Finale einen energischen Kehraus bietet, der von den beiden Musikern mit einer gekonnten Mischung aus musikantischem Impetus und nobler Delikatesse geformt wird. Einfach beeindruckend! Klanglich ist die Aufnahme sehr gut gelungen, die Balance zwischen den beiden Instrumenten könnte nicht besser ausfallen.

Damit gelingt dem holländischen Duo eine willkommene Ergänzung zu den bisherigen Einspielungen. Die klare, energische, manchmal fast ungeduldige Lesart eröffnet einen Blick auf dieses Repertoire, das man bisher so kaum kannte. Wirklich hörenswert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Isabelle van Keulen & Ronald Brautigam: Werke für Violine und Klavier von Grieg, Elgar und Sibelius

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Challenge Classics
1
10.09.2007
Medium:
EAN:

CD
608917217124


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Challenge Classics

CHALLENGE RECORDS ist eine unabhängige Schallplattenfirma, die ihren Sitz in den Niederlanden hat. Sie setzt sich aus einer Gruppe von Musikenthusiasten zusammen, die mit großer Leidenschaft für den Jazz und die Klassische Musik internationale Produktionen kreieren.
Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Ton Koopman, dem Combattimento Amsterdam, dem Altenberg Trio Wien, Musica Antiqua Köln u.v.a., gibt CHALLENGE CLASSICS ein eindeutiges Profil.
Neben den inhaltlichen Schwerpunkten im Bereich der Barockmusik und der Kammermusik, finden sich auch herausragende Aufnahmen im Liedgesang, in frühklassischer Sinfonik sowie Opern und Oratorien auf DVD-Video.


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