> > > Humperdinck, Engelbert: Hänsel und Gretel (in engl. Sprache)
Donnerstag, 19. September 2019

Humperdinck, Engelbert - Hänsel und Gretel (in engl. Sprache)

Ohne deutsches Pathos


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Da die musikalische Qualität der Neuaufnahme durchschnittlich bleibt, kann man sie nur dem englischsprachigen Publikum empfehlen, was allerdings nicht negativ zu verstehen ist, da gerade bei diesem Werk das Textverständnis essentiell ist.

Ganz zu Beginn hatte die Librettisten von ‘Hänsel und Gretel’ Adelheid Wette ihren Bruder, den Komponisten Engelbert Humperdinck, nur um die Vertonung einiger Duette gebeten, die im privaten  Kreis aufgeführt werden sollten. Rasch entwickelte sich aus dieser Idee die Keimzelle für eine abendfüllende Märchenoper. An Grimms Erzählung nahm man bei der Erstellung des Textbuchs kleinere Veränderungen vor. So wurden etwa Figuren wie der Vater als auch das Traum- und Sandmännchen eingefügt. Zudem werden die Kinder in Wettes Libretto zur Strafe wegen ihrer vergessenen Pflichten und nicht wegen der elterlichen Armut in den Wald geschickt. Deutlich verändert ist auch der Schluss: Bei Grimm erfahren die erleichterten Kinder bei ihrer Rückkehr, dass die böse Mutter in der Zwischenzeit gestorben ist, am Ende der Oper kommt es dagegen zu einer glücklichen Wiedervereinigung mit beiden Elternteilen. Im Widerspruch zu der Naivität des Text steht die überdeutlich von Wagner beeinflusste Musik Humperdincks, die auch authentische Volkslieder im Stil des Musikdramas und unter Verwendung des spätromantischen Orchesterapparats verarbeitet.
So weit zu den Fakten des am 23. Dezember 1893 in Weimar uraufgeführten Werks, das sich nach wie vor im Spitzenfeld der Opern mit den höchsten Aufführungszahlen bewegt. Welchen Volltreffer Humperdinck auch bei seinen Zeitgenossen gelandet hat zeigt die rasche Verbreitung des Stücks: Bereits ein Jahr nach der Uraufführung hatten 72 (!) Häuser ‘Hänsel und Gretel’ in ihr Repertoire aufgenommen.

Nachhaltig erfolgreich war die Novität von Beginn an auch in England und den USA, wo ‘Hänsel und Gretel’ sinnvoller Weise in Englisch gesungen wurde. Chandos griff bei seiner Neuaufnahme im Rahmen der Reihe ‘Opera in English’ auf eine Übersetzung David Poutneys zurück, der das Stück 1987 an der English National Opera inszenierte. ‘Bloß kein deutsches Pathos’ war offenbar das Motto von Sir Charles Mackerras, der das Philharmonia Orchestra zügig und knallig musizieren lässt. Durch diesen effektorientierten Zugriff wird die stilistische Nähe von Humperdincks Partitur zu Wagner kaum noch greifbar, die Musik wirkt naiver als sie tatsächlich ist. Einem analytischen Hören steht auch das stimmpräsente aber extrem hallige und verschwommen wirkende Klangbild im Weg.

Der prominenteste Name der Sängerbesetzung ist Jennifer Larmore. Sie hat den Hänsel bereits vor einigen Jahren bei Teldec unter der Leitung Donald Runnicles eingespielt, damals allerdings in deutscher Sprache. Ihre bei Rossini immer wieder enervierende Unausgeglichenheit stört bei dieser Rolle deutlich weniger. Rebecca Evans ist für die Gretel keine gute Wahl, da es ihrer in der Mittellage spröden und in der Höhe schrillen Stimme an einer jugendlich hellen Klangfarbe fehlt. In der Rolle der Mutter trifft man auf die englische Sopranistin Rosalind Plowright, die Ende der 80er beziehungsweise Anfang der 90er Jahre eine beachtlich Karriere im italienischen Fach machte, man denke nur an die Studioeinspielung von Verdis ‘La forza del destino’ unter Sinopoli mit Carreras und Bruson. Von der schon damals scharfen und unattraktiv timbrierten Stimme sind heute nur mehr ohrenpeinigend schrille Reste übrig, die sich nicht mehr für diese eher kurze, aber dramatische Partie eignen. Robert Haywards singt den Vater mit passablem, aber flackernden Bariton. Eine Idealbesetzung ist Jane Henschel als Hexe: Sie kann hier alle Register ihres Gestaltungsvermögen ziehen, ohne dass das stets präsente kurze Vibrato ihres Mezzos zum Problem wird.

Da die musikalische Qualität der Neuaufnahme durchschnittlich bleibt, kann man sie nur dem englischsprachigen Publikum empfehlen, was allerdings nicht negativ zu verstehen ist, da gerade bei diesem Werk das Textverständnis essentiell ist.    

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Humperdinck, Engelbert: Hänsel und Gretel (in engl. Sprache)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
2
22.06.2007
Medium:
EAN:

CD
095115314326


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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