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Donnerstag, 29. September 2022

Paisiello, Giovanni - Don Chisciotte

Neapolitanische Posse


Label/Verlag: NEI - Nuova Era Internazionale
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Paisiellos ‘Don Chisciotte’ erklingt hier als Life-Mitschnitt, der wenig inspiriert ist und zusätzlich unter einer schlechten Aufnahmequalität leidet.

Der Mozartzeitgenosse Giovanni Paisiello wurde 1740 in Taranto geboren und war ein äußerst gefragter Opernkomponist, der maßgeblich zur Dominanz der neapolitanischen Oper seiner Zeit beitrug. Seine Karriere begann recht spät im Jahr 1767, als seine Oper ‘L'idolo Cinese’ in Neapel aufgeführt wurde und sofort Erfolg hatte. 1776 folgte er einem Ruf der Zarin Katharina II. nach Sankt Petersburg, wo er zum Kapellmeister und Inspektor der beiden Italienischen Opern ernannt wurde und bis 1784 im Dienst blieb.

Nach seiner Rückkehr nach Neapel sympathisierte er mit den Idealen der französischen Revolution, so dass er für die neu eingerichtete republikanische Regierung Huldigungsmusiken komponierte und den Posten als Kapellmeister der Hofkapelle von Neapel auch nach dem politischen Wechsel behielt. Doch nach der Rückkehr des Königs fiel er für zwei Jahre in Ungnade. Deshalb nahm er dankbar das Angebot Napoleons an nach Paris zu kommen, um dort Kirchenmusik zu komponieren. Mit seinen Opern fand er hingegen wenig Anklang bei den Parisern, so dass er nach nur einem Jahr nach Neapel zurückkehrte, wo er 1815 in verarmten Verhältnissen starb.

Insgesamt hat Paisiello über 100 Opern geschrieben. ‘Don Chisciotte’ zählt dabei zu seinen frühen neapolitanischen Erfolgen. Das Werk wurde 1769 uraufgeführt und untermauerte seinen Ruf als einer der gefragtesten Opernkomponisten Europas. Das Libretto verfasste der Dichter Lorenzi, mit dem Paisiello oft zusammenarbeitete. Die Handlung bezieht sich dabei vage auf verschiedene Episoden aus Cervantes Roman, die Lorenzi dem Geschmack der neapolitanischen Oper anpasste und miteinander zu einem amüsanten Lustspiel verwob. Paisiellos Vertonung ist von gefälliger Leichtigkeit, bei der die einzelnen Charaktere durch die Musik plakativ dargestellt sind, komplexere Seelenstudien aber fehlen. Er wartet mit eingängigen Melodien auf, die klar in den Formen der neapolitanischen Oper verharren und nicht überraschen.

Die vorliegende Einspielung der Oper entstand 1990 durch das Orchestra del Theatro dell'Opera di Roma unter der Leitung von Pier Giorgio Morandi. Der Live-Mitschnitt zeigt dabei einige Schwächen in der Aufnahmetechnik, denn Sänger und Orchester sind selten wirklich gut abgemischt. Auch die trockene Akustik des Opernhauses verzeiht dem Orchester keine Ungenauigkeit, was sich besonders in den Orchesterzwischenspielen immer wieder negativ auswirkt. Insgesamt ist das Dirigat von Morandi behäbig und wenig inspiriert. Selten überrascht er mit neuen interpretatorischen Einfällen, sondern verharrt in konventionellen Mustern, die auf die Dauer der knapp zwei Stunden recht monoton sind. Im Finale des ersten Aktes zeigen die Holzbläser immer wieder Intonationsschwächen und sind klanglich kaum mit dem restlichen Orchester verbunden.

Schwierig ist auch die Besetzung der Duchessa mit Elena Zilio. In der Arie ‘Begli ochietti vivacett’ treten ihre Schwächen gleich zu Beginn deutlich hervor. So hat sie immer wieder Intonationsprobleme, da sie Spitzentöne nicht richtig erreicht. Ferner ist ihre Stimme für die Partie viel zu schwer, mit einem zu ausgeprägten Vibrato, was ihrer Rolle jede Leichtigkeit nimmt. Verzierungen klingen bei ihr geleiert und sie schleift immer wieder Töne von unten an. Ansonsten scheint das Gesangsensemble unter dem Eindruck gestanden zu haben, sehr laut singen zu müssen, um über das Orchester hinweg zu kommen, anders kann man die bei allen Solisten vorhandene Tendenz, die Stimme zu stark zu forcieren, nicht erklären. Das führt besonders in den Ensemblestücken zu fast schon geschrienen Passagen, bei denen die Männer meist dominieren.

Der Tenor Paolo Barbancini, der den Titelhelden singt, kann mit sehr schönem stimmlichen Material aufwarten, welches er aber meist nach eben beschriebener Manier schlecht gebraucht. Auch arbeitet er wenig den komplexen Charakter seiner Partie heraus, sondern singt den Part recht eintönig herunter. Romano Franceschetto bildet als Page Sancio Pancia einen soliden Gegenpart, der das Treiben seines Herren mit Verwunderung beobachtet. Sehr nett anzuhören ist Maria Angeles Peters als Contessa. Ihr klares, helles Timbre glitzert immer wieder fröhlich auf, womit sie genau den Duktus des Stücks zwischen Ernsthaftigkeit und Schalk trifft. Don Calafrone wird von Mario Bolognesi mit viel Kraft und Einsatz gesungen. Seine Arie ‘Vieni pure in campo armato’ wirkt dadurch als Kampflied sehr überzeugend, doch fehlen lyrische Zwischentöne, die dem Ganzen etwas mehr Tiefe geben könnten. Bruno Pratico als Don Platone hebt den absurden Charakter seiner Rolle durch sehr viel spielerischen Einsatz hervor. Seine Cavatine ‘Pietoso mio campione’ klingt bei ihm herrlich quakend und schräg.

Weitere Mitwirkende in kleineren Rollen sind Bernadette Lucarini als Carmonsina, Francesca Arnone als Cardolella und Annabella Rossi als Ricciardetta.

Der Text im Booklet stimmt nicht immer mit dem Gesungenen überein, so dass man teilweise etwas im Textfluss springen muss, um folgen zu können. Ferner fehlen Trackzahlen im Booklettext und die Trackeinteilungen sind nicht wirklich praktisch, so dass es schwer ist, einzelne Abschnitte gezielt zu hören.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Paisiello, Giovanni: Don Chisciotte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
NEI - Nuova Era Internazionale
2
11.04.2008
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4011222315748
231574


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