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Sonntag, 28. November 2021

Händel, Georg Friedrich - Italienische Solokantaten

Uninspirierter Händel


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese historischen Einspielungen der Händelkantaten durch Adele Stolte sind, abgesehen von ihrem zeitgeschichtlichen Wert, wenig befriedigende Interpretationen der eigentlich sehr originellen Kompositionen.

Die Sopranistin Adele Stolte war lange Zeit die führende Händel-Interpretin in der DDR. Ihr Wirken, bei dem sie sich schon früh auf Barockmusik spezialisiert hatte, prägte Generationen von Sängern und stellt bis heute einen nicht zu unterschätzenden Referenzwert dar. Mit ihrem glasklaren, hell leuchtenden Sopran stellte sie eine ganz besonders herausragende Künstlerpersönlichkeit dar, die eine treue Fangemeinde um sich wusste. Berlin Classics hat nun zu Ehren der großen Sängerin Einspielungen von Händels italienischen Kammerkantaten wieder aufgelegt, welche die Stolte 1970 zusammen mit Thomas Sanderling und dem Händel-Festspielorchester-Halle aufgenommen hat.

Händels italienische Solokantaten entstanden zwischen 1707 und 1710, als der junge Sachse seine kompositorischen Fähigkeiten bei einem ausgedehnten Italienaufenthalt auf internationales Niveau bringen und vor Ort eingehende musikalische Erfahrungen sammeln wollte. Zu dieser Zeit feierte dort die Gattung der Kammerkantate riesige Erfolge, denn diese Vokalmusik eignete sich hervorragend für kleine exklusive Aufführungen in aristokratischen Salons. So stand sie in ihrer Blütezeit als Gegenpol zur ebenfalls populären, aber doch öffentlichen Oper und dem Oratorium. Reiche Gönner und Mäzene unterstützten bereitwillig Komponisten mit Kost und Logis, um sich im Gegenzug mit ihnen gewidmeten Kantaten schmücken zu können. Auch der junge Georg Friedrich Händel nutzte diese Möglichkeit, um seinen Lebensunterhalt in Rom zu bestreiten. An die 100 Kantaten entstanden so für eine Reihe bekannter Mäzene, die seinen Ruf als genialen Musiker und Komponisten begründeten. Doch leider gerieten diese eleganten und geistreichen Werke gegenüber seinen prunkvollen Londoner Opern und Oratorien schnell in Vergessenheit.

Dieses Schicksal teilten auch die Kammerkantaten, die für Händels passionierten Förderer Pamphili entstanden. Pamphili war als Erzbischof von S.Giovanni Lateran, dem Heiligtum des Papstes, einer der einflussreichsten Persönlichkeiten der Stadt, was dem noch unbekannten Händel, der noch nicht zum legendären ‘Il Sassone’ geworden war, sehr zum Vorteil gereichte.

Pamphili entstammte einer der reichsten römischen Familien, die prachtvolle Paläste und Landhäuser besaß auf denen in der Sommerzeit luxuriöse Feste gefeiert wurden. Ferner veranstaltete Pamphili regelmäßig große Oratorienabende in seinem Salon, bei denen neben einem reich besetzten Orchester auch bekannte Gesangssolisten ihr Können hören ließen. Der aufstrebende Händel nutzte diese glänzende Plattform in intimer Atmosphäre sehr geschickt, um sich schnell den Ruf einer musikalischen Instanz zu erarbeiten. In Zusammenarbeit mit Kardinal Pamphili entstand auch die Kammerkantate ‘Tra le Fiamme’. Sie ist äußergewöhnlich reich instrumentiert mit zwei Blockflöten, Oboe, zwei Geigen, einer Viola da gamba und Basso Continuo. Händel entfaltet in ihr eine abwechslungsreiche Harmonik gepaart mit solistisch sehr anspruchsvollen Bravourpassagen. Leider bleibt die Interpretation der Stolte weit hinter den an sie gerichteten Erwartungen zurück. Zu gleichförmig ist ihr stimmlicher Ausdruck, zu wenig kann sie mit ihrem Gesang überzeugen.

Zum einen liegt dies sicherlich an den mittlerweile geänderten Aufführungsidealen, die sich ästhetisch diametral vom breiten sinfonischen Klang eines romantischen Orchesters hin zu einem schlanken kammermusikalischen Musizieren hin entwickelt haben. Zum anderen zeigt die Stolte aber auch erstaunliche stimmliche Schwächen, so auch in der Kantate ‘Crudel tiranno Amor’ HWV97, wo ihre Intonation alles andere als lupenrein ist. Ferner ist ihre Ausdruckspalette sehr beschränkt und weder in Dynamik noch Tempo differenziert.

In ‘Tra le fiamme’ ist das Orchester sinfonisch stark besetzt, wodurch das Stück seinen eigentlich kammermusikalischen Charakter verliert. Schwerfällig stapft zudem der Rhythmus dahin und die Aussprache Stoltes wirkt sehr bemüht und manieriert. Ihre Phrasierung ist in ihrer Härte unnatürlich und recht schnell ausdruckslos. Insgesamt ist die CD ein ziemlich monotones Hörvergnügen und kommt über den Status eines historisches Tondokument nicht hinaus.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Händel, Georg Friedrich: Italienische Solokantaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Berlin Classics
1
13.07.2007
51:16
1972
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
782124139728
0013972BC


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"Händel in Italien - ein interessantes Stück Musikgeschichte, waren doch die Möglich keiten für eine volle Entfaltung seiner musikalischen Begabung in diesem reichen Musikland noch weit größer. Hier schrieb der junge Komponist ein Anzahl von Solokantaten, die zu seinen schönsten Hinterlassenschaften gehören. Die etwa hundert erhaltenen italienischen Kantaten Georg Friedrich Händels sind uns nach drei Jahrhunderten noch immer vertraut und bilden hörenswerte Vorboten seiner späteren Großwerke. Diese Aufnahme mit der wunderbaren Sopranistin Adele Stolte ist nun erstmals auf CD erhältlich!"


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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