> > > Raff, Joseph Joachim : Violinsonaten Vol. 4
Sonntag, 17. Oktober 2021

Raff, Joseph Joachim - Violinsonaten Vol. 4

Konzertante Sonaten und originelle Miniaturen


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit ihrer nunmehr vierten CD setzten Ingolf Turban und Jascha Nemtsov bei cpo ihre Gesamteinspielung der Werke für Violine und Klavier von Joachim Raff fort.

Seit 2002 haben sich der Geiger Ingolf Turban und der Pianist Jascha Nemtsov auf bislang drei sehr empfehlenswerten CDs, allesamt bei cpo erschienen, mit den Kompositionen für Violine und Klavier von Joachim Raff (1822-1882) auseinander gesetzt und dabei diese Werkgruppe erstmals in ihrer ganzen Vielfalt auf Tonträgern zugänglich gemacht. Wie die bisherigen Veröffentlichungen der Gesamteinspielung enthält auch der vierte Teil ein abwechslungsreiches Programm, das sich aus zwei Sonaten mit konzertantem Charakter und einer Reihe kleinerer Kompositionen zusammensetzt. Und wie die übrigen CDs beinhaltet das Booklet dazu eine informative Einführung in Raffs Komponieren, in der seine Stellung als Komponist ‚zwischen den Größen’ ausführlich skizziert wird.

Das anspruchsvollste und kompositorisch außergewöhnlichste Werk ist der Einspielung sicherlich die Sonate Nr. 4 g-Moll op. 129, im Untertitel als ‘chromatische Sonate in einem Satz’ bezeichnet. Spannend ist es, wie Turban und Nemtsov den 16-minütigen, aus verschiedenen Abschnitten zusammengefügten Formverlauf zu artikulieren wissen und den Vorwärtsdrang der Musik vom frei gestalteten Beginn mit seinem Rezitativ über mehre dramatische Steigerungen und Ruhephasen bis hin zum fast wild zu nennenden Schluss nachzeichnen. Die Emphase, die Turban in seine Tongebung legt, der warme und schwärmerische Wohlklang, mit dem er seine mitunter stark deklamatorische Gestaltung einfärbt, aber auch die plastische Wiedergabe des Klavierparts durch Nemtsov unterstützten diesen Ansatz ganz entscheidend.

Demgegenüber fällt die viersätzige Sonate Nr. 5 c-Moll op. 145 ab, zumal sie auch kompositorische Schwächen aufweist: Der pathetische, von Anfang an auftrumpfende Gestus des Kopfsatzes, den die Interpreten mit nervös gespanntem Vortrag umsetzen, ist schwer durchzuhalten und verliert im Verlauf des Satzes an Spannung, was vielleicht durch eine stärkere dynamische Feinmodulation der notierten Schweller hätte kompensiert werden können. Auch das übermäßig lange Scherzo und das ausgedehnte Finale, können nicht so recht überzeugen, doch mag dies eher Raffs Mangel an musikalischer Erfindungskraft als den Interpreten angekreidet werden, zumal der zweite Satz, in dessen dramatischem Mittelteil sich wiederum ein Rezitativ verbirgt, glänzend musiziert ist.

In den fünf Sonatillen aus op. 99 – fünf der insgesamt zehn Stücke (op. 99 Nr. 4-8) waren bereits auf der letzten CD zu hören – finden die Musiker allerdings zu ihrer wahren Form. Die einsätzigen Miniaturen, ursprünglich Klavierstücke, die Raff später für Violine und Klavier bearbeitet hat, überzeugen durch ihre knapp formulierten und nur aufs Nötigste ausgebreiteten Details und offenbaren viele Qualitäten, die der fünften Sonate abgehen: So werden etwa das pointierte Scherzo (op. 99 Nr. 9), das tiefgründige Larghetto (op. 99 Nr. 2) oder auch die vituose Tarantella (op. 99 Nr. 3) von Turban und Nemtsov nach allen Regeln der Kunst musikalisch ausgelotet und in kurz aufblitzende Stimmungsbilder verwandelt, die untereinander große Kontraste ausbilden. So bleibt letzten Endes dennoch der Eindruck einer sehr empfehlenswerten CD zurück, an der sich vor allem der Liebhaber romantischer Violinmusik erfreuen dürfte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Raff, Joseph Joachim : Violinsonaten Vol. 4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
25.06.2007
Medium:
EAN:

CD
761203700622


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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