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Mittwoch, 20. Oktober 2021

Schumann, Georg - Jerusalem, du hochgebaute Stadt

Aus englischer Sicht


Label/Verlag: Guild
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die vier- bis achtstimmigen Choralmotetten sind eine interessante Ergänzung zur altbekannten spätromantischen Chorliteratur, mit dem undifferenzierten Aufnahmeklang und der mangelnden sängerischen Brillanz muss man aber geschmälerten Hörgenuss hinnehmen.

Georg Schuman ist weder verwandt noch verschwägert mit Robert Schumann. Beide stammten zwar aus Sachsen, beide waren sie Pianisten und Komponisten. Aber damit erschöpfen sich die Parallelen zwischen den Namensvettern. Georg Schumann (1866-1952) war seit 1900 Leiter der Berliner Sing-Akademie, langjähriges Mitglied und später Präsident der Preußischen Akademie der Künste und hat zusammen mit Richard Strauss und anderen die Genossenschaft deutscher Tonsetzer (die heutige GEMA) gegründet. Er setzte sich für die authentische Aufführung der Werke Johann Sebastian Bachs ein, war engagierter Chorleiter und komponierte ein mehr als 100 Werke umfassendes œuvre mit Schwerpunkt auf Chormusik. Als Komponist jedoch ist Schumann zu einem typischen Fall für Labels wie ,Guild' aus der Schweiz geworden, dessen Programmschwerpunkt u.a. vergessene oder kaum entdeckte Komponisten sind. Ein wenig kurios ist, dass sich  der auf der hier vorliegenden CD-Produktion acht spätromantischen deutschen Choral-Motetten ausgerechnet ein englisches Vokalensemble - die ,Purcell Singers' aus London - angenommen haben.

Klang im Überfluss

 

Es steht leider nicht zu hoffen, dass Schumann mit den Leistungen des Chors unter der Leitung von Mark Ford einen Zuwachs an Popularität erfährt. Wegen des undifferenzierten, recht halligen Klangbilds der Aufnahme leidet der Genuss an dieser eigentlich reizvollen Musik erheblich. Wie nicht selten bei englischen Choraufnahmen wähnt man sich in einer riesigen Kathedrale, in der viel Räumlichkeit viel Homogenität erzeugen soll. Leider ist das Gegenteil der Fall: Einzelne Vokalisten - meist vibratogeladene Sopräne - stechen unangenehm heraus und die Tongebilde sind wabrig. Die harmonische und verbale Artikulation geht bei den drei achtstimmigen Choral-Motetten op. 75 (1934) und den fünf Choral-Motetten op. 71 (1921/22) verloren und kompositorische Finessen unter. Die Stücke, darunter Bearbeitungen der Choral-Klassiker ,Wie schön leucht' uns der Morgenstern', ,Jesus, meine Zuversicht, ,Wachet auf, ruft uns die Stimme' und ,Vom Himmel hoch da komm ich her', sind nämlich melodisch und vor allem harmonisch um einiges verwegener als bei Vorbildern wie etwa Johannes Brahms oder Max Reger, so dass das Gefühl für die Tonalität auf angenehme Weise durcheinander gewirbelt wird. Etwas anstrengend wird es allerdings, wenn man dem Ensemble nach relativ kurzer Zeit in Sachen intonatorischer Sauberkeit nicht mehr vertraut. Da nämlich punkten die Purcell Singers wenig. Während die Phrasierungen vorbildlich und liebevoll gestaltet sind und auch die deutsche Aussprache für ein englisches Ensemble relativ gut ist, fehlt es dem a cappella-Gesang an stimmlicher Brillanz. Wer ein gutes Gehör hat, den beschleicht mehrfach das Bedürfnis, die Töne hoch- oder runterzudimmen, um die Harmonien in ein besseres Licht zu stellen.

Könnte man diese Minuspunkte einfach ignorieren, hätte man es mit durchaus bewegender, dabei überwiegend getragener, homophoner geistlicher Chormusik zu tun, die zwar manchmal leicht am Kitsch vorbeischrammt, aber dennoch ansprechend und hörenswert ist. Unter anderen klanglichen Bedingungen wäre sie bestimmt eine Entdeckung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schumann, Georg: Jerusalem, du hochgebaute Stadt

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Guild
1
23.08.2007
Medium:
EAN:

CD
795754731125


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Guild

Guild entstand in den frühen Achtzigerjahren auf Initiative des berühmten englischen Chorleiters Barry Rose, der den St Paul's Cathedral Choir in London leitete. Der Name hat nichts mit der nahe gelegenen Londoner Guild Hall zu tun, sondern kommt von Barry Roses erstem Chor, dem Guildford Cathedral Choir. Das frühere Logo (ein grosses G) entstand indem Barry Rose kurzerhand eine Teetasse umstülpte und mit einem Bleistift ihrem Rand bis zum Henkel entlang fuhr. Seit 2002 hat die Firma als Guild GmbH ihren Sitz in der Schweiz, in Ramsen bei Stein am Rhein.
Bei den Aufnahmen arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die für grosse internationale Firmen und unabhängige kleinere und grössere Labels tätig sind. Unsere Programmschwerpunkte sind Welt-Erstaufnahmen, vergessene Werke bekannter Meister, noch nicht entdeckte Komponisten und Schweizer Musiker sowie historische Aufnahmen, etwa die Toscanini Legacy und Mitschnitte der Metropolitan Opera New York.
Wir arbeiten intensiv mit der Zentralbibliothek in Zürich und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich zusammen, produzieren CDs mit Chören wie dem Salisbury Cathedral Choir und den Chören der Cambridge und Oxford University - und als Steckenpferd pflegen wir die grossen englischen und amerikanischen Unterhaltungsorchester mit ihren Light-Music-Hits der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre.


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