> > > Serge Koussevitzky & Boston Symphony Orchestra: Werke von Vaughan Williams, Mussorgsky und Tschaikowsky
Mittwoch, 20. Oktober 2021

Serge Koussevitzky & Boston Symphony Orchestra - Werke von Vaughan Williams, Mussorgsky und Tschaikowsky

Überraschung aus Boston


Label/Verlag: Guild
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die von Kussewitzky auf Dramatik konzipierte und kalkulierte Lesart von Vaughan Williams’ fünfter Symphonie besitzt auf ihre Weise Referenzcharakter.

Wäre Serge Kussewitzky nicht gewesen, die Welt wäre um etliche Meisterwerke ärmer, denn kein Zweiter hat so viele Werke angeregt, in Auftrag gegeben oder selbst uraufgeführt wie der amerikanische Dirigent russischer Herkunft, der zunächst in Paris Station machte und schließlich von 1924 bis 1949 Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra war. Waren es in den Pariser Jahren Werke von Skrjabin, Honegger, Strawinsky oder Prokofjews, so folgten in Amerika u.a. Bartóks ‚Konzert für Orchester’, Coplands dritte Symphonie, ‚Die Vier Temperamente’ und das Cellokonzert von Hindemith, Symphonien von Martinu und Milhaud, Piston und Schuman. Den englischen Komponisten schien sich Kussewitzky ebenfalls verbunden zu fühlen. 1932 gab er die amerikanische Premiere von William Waltons ‚Belshazzar’s Feast’ und gab nicht zuletzt bei Benjamin Britten sowohl die Oper ‚Peter Grimes’ als auch die ‚Spring Symphony’ in Auftrag. Außerdem fanden immer wieder Symphonien von Arnold Bax und Ralph Vaughan Williams Aufnahme in Kussewitzkys Konzertprogramme. ‚Guild historical’ hat Live-Aufnahmen Kussewitzkys der Jahre 1943 bis 1948 mit russisch-englischem Repertoire herausgebracht.

Eine Überraschung

Mussorgskijs ‚Nacht auf dem Kahlen Berg’ und das ‚Khovanschina’-Vorspiel waren in Kussewitzkys Konzerten frequentiert zu hören. Während seiner Bostoner Jahre dirigierte er Ersteres achtmal, Letzteres gar vierzehnmal. Auch Tschaikowskys ‚Francesca da Rimini’ war zehnmal unter Kussewitzkys Leitung dort aufgeführt worden. Trotz der klangtechnischen Unzulänglichkeiten, die die Tontechnik der 40er Jahre nun mal aufweist, lässt sich dennoch das Boston Symphony Orchestra mit seiner von Kussewitzky so profund herausgearbeiteten dichten, noblen Klangsättigung hören, elegant im Streichersatz und markig in den Blechbläsern, und immer in Betonung der Schönheit der Phrase. So kennt man Kussewitzkys Interpretationen des russischen Repertoires, insbesondere der Symphonien von Tschaikowsky, die auf Tonträger greifbar sind. Die eigentliche Überraschung ist Kussewitzkys Interpretation der fünften Symphonie von Ralph Vaughan Williams in einem Konzert vom 4. März 1947. Da war die Symphonie gerade vier Jahre alt. Vaughan Williams hatte sie 1943 bei den Londoner Proms selbst uraufgeführt und schon ein Jahr später hat John Barbirolli das Werk für die Schallplatte eingespielt – gleichsam als Gradmesser für weitere Interpreten, die sich mit diesem Werk auseinander setzten.

Einer gewissen Skepsis an der Überzeugungskraft von Kussewitzkys Interpretation kann man sich kaum erwehren, solange man seine Lesart noch nicht gehört hat. Hat man sie aber erst einmal gehört, sind alle Zweifel ausgeräumt: Kussewitzkys Live-Aufnahme von Vaughan Williams’ fünfter Symphonie zählt zum Besten, was derzeit auf dem Plattenmarkt an Aufnahmen dieser Symphonie erhältlich ist. Der Grund ist nicht, dass Kussewitzky die Symphonie so gründlich gegen den Strich bürsten würde, dass allein dies exzeptionell wäre. Was an seiner Interpretation so fasziniert ist, dass er sich dem Versöhnungsprozess von Epik und Dramatik, der den Symphonien Vaughan Williams’ und seiner Fünften besonders immanent ist, verweigert, dass er dieser Symphonie einen so derart hochgespannt fiebrigen dramatischen Zug verleiht, wie ihn Barbirolli in seiner freilich mustergültigen Aufnahme von 1944 gar nicht angestrebt hat. Kussewitzky und das Boston Symphony Orchestra bieten gleichsam die Kehrseite der Medaille eines Werks, das episch interpretiert genauso ‚funktioniert’ wie dramatisch ausgelotet. Hier herrschen straffere Tempi in den Ecksätzen, hier lässt Kussewitzky das Scherzo so flüchtig-schattenhaft Mahlerisch spielen, wie nirgends anders zu hören, hier gewinnen die einleitenden mediantischen Akkorde der ‚Romanza’ kaum zu überbietende Substanz. Übergänge formt Kussewitzky als Kontraste und lässt das Boston Symphony Orchestra vor allem in den Blechbläsern und im Schlagwerk das dynamische Potential voll ausschöpfen. Bögen voller Binnenspannung, selbst in den leisesten Stellen, korrespondieren mit dem Detailreichtum, den Kussewitzky der Partitur entlocken kann. Dass man dies bei all den klangtechnischen Restriktionen noch deutlich wahrnehmen kann, ist nicht nur eine Glanzleistung moderner Tonrestaurierung, sondern vor allem des Dirigats Kussewitzkys.

Das Klangbild dieser Aufnahme der 40er Jahren ist selbstredend Gewöhnungssache, ebenso die frequentiert Hüstelnden im Publikum. Ein Druckfehler im Booklet und auf dem Cover gibt Vaughan Williams zwar die Lebensdaten seines Kollegen Arnold Bax, doch sind dies Marginalien angesichts der angenehmen Überraschungen, die diese Veröffentlichung bereithält.

 

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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    Serge Koussevitzky & Boston Symphony Orchestra: Werke von Vaughan Williams, Mussorgsky und Tschaikowsky

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Guild
1
23.08.2007
Medium:
EAN:

CD
795754232424


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Guild

Guild entstand in den frühen Achtzigerjahren auf Initiative des berühmten englischen Chorleiters Barry Rose, der den St Paul's Cathedral Choir in London leitete. Der Name hat nichts mit der nahe gelegenen Londoner Guild Hall zu tun, sondern kommt von Barry Roses erstem Chor, dem Guildford Cathedral Choir. Das frühere Logo (ein grosses G) entstand indem Barry Rose kurzerhand eine Teetasse umstülpte und mit einem Bleistift ihrem Rand bis zum Henkel entlang fuhr. Seit 2002 hat die Firma als Guild GmbH ihren Sitz in der Schweiz, in Ramsen bei Stein am Rhein.
Bei den Aufnahmen arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die für grosse internationale Firmen und unabhängige kleinere und grössere Labels tätig sind. Unsere Programmschwerpunkte sind Welt-Erstaufnahmen, vergessene Werke bekannter Meister, noch nicht entdeckte Komponisten und Schweizer Musiker sowie historische Aufnahmen, etwa die Toscanini Legacy und Mitschnitte der Metropolitan Opera New York.
Wir arbeiten intensiv mit der Zentralbibliothek in Zürich und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich zusammen, produzieren CDs mit Chören wie dem Salisbury Cathedral Choir und den Chören der Cambridge und Oxford University - und als Steckenpferd pflegen wir die grossen englischen und amerikanischen Unterhaltungsorchester mit ihren Light-Music-Hits der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre.


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