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Donnerstag, 19. September 2019

Ensemble Alternance - Werke von Lanza, Pesson

Ausblicke ins Nimmerland


Label/Verlag: Stradivarius
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das französische Ensemble Alternance präsentiert zwei innovative Komponisten unserer Zeit auf der Suche nach verlorenen Klängen in unserem musikalischen Unterbewusstsein: Mauro Lanza und Gérard Pesson.

Mauro Lanza und Gérard Pesson sind die Komponisten, die das französische Ensemble Alternance auf ihrer neuen Platte vereint: zwei Komponisten aus zwei verschiedenen Generationen und Ländern, mit verschiedenen musikalischen Einflüssen, die jedoch eines gemeinsam haben: sie wollen Klänge hörbar machen, das Innerste musikalischer Vorstellungen nach außen kehren. ‘Neverland’ ist der Titel der Produktion, kryptisch auf den ersten Blick, voller Hinweise auf das musikalische Wesen dessen, was wir hier zu hören bekommen, auf den zweiten: Das Nimmerland, der Ort, an dem Kinder nie erwachsen werden, steht hier metaphorisch für das kindlich Suchende, und für die Mahnung: ‘Werde groß und mündig, aber bleibe in deinem Innersten immer ein Kind.’

Gleich das erste Werk der Einspielung führt den Hörer in die Klangwelten der Kindheit. Mauro Lanzas ‘Barocco’ für Sopran und Spielzeuginstrumente erzeugt einen Wahrnehmungsraum voller Utopie, den man höchstens mit Edgar Varèses Ionisations vergleichen kann. Die Frauenstimme singt dazu Verse der italienischen Dichterin Amelia Roselli, in denen bewusste grammatikalische Fehler, falsch verstandene Homonyme und Versprecher eine spielerische Poesie entfalten. Lanza vereint hier Dionysisches und Elemente der Kindheit zu einer spannenden Auslotung elementarer sprachlicher und musikalischer Gesten.

‘La coquille de l’escargot’, das Schneckenhaus, das frühe Werk eines Einundzwanzigjährigen, spielt ebenfalls mit Bildern des Imaginären, vereint mit elaborierter musikalischer Struktur. Unter äußerst dichten Akkorden des Klaviers flieht die Flöte in Mikrointervalle und multiphonische Klanglichkeit. Das acht Jahre später entstandene Sextett ‘The Skin of the Onion’ begibt sich auf die Suche nach der Metaphysik von Klängen und nach musikalischen Unmöglichkeiten. Die Musiker des Ensemble Alternance formen hier ein beeindruckendes Metainstrument, mit kammermusikalischer Perfektion und alle Grenzen sprengendem Klangsinn.

Der französische Komponist Gérard Pesson ist ebenfalls mit drei Werken auf der CD vertreten. Zwei kürzere Werke, wie flüchtige Albumblätter erscheinend, zweigen Pesson als Musiker, der mit offenen, neugierigen und staunenden Augen durch die Welt geht, und die gesammelten Eindrücke in seiner Musik widerspiegelt. So klingen im kurzen Trio für Flöte, Violine und Klavier ‘Non sapremo mai di questo mi’ ein paar Takte Mozart an, flüchtig wird César Franck in ‘La vita è come l’albero di natale’ für gestreift. Diese Anspielungen am Rande zum Zitat zeigen Pessons archäologische Schreibweise. Sein Stil ist geprägt vom tiefen Willen nach Kommunikation und Dialog, mit der Tradition und dem Publikum. Das heißt aber nicht, dass er sich auf anbiedernde Positionen der Postmoderne zurückzieht, im Gegenteil: in ihrer Heterogenität ist Pessons Musik nicht jedem von Anfang an zugänglich. Jedoch befreit er sich erfrischend von alten Dogmen, die per se bestimmen wollen, was gut, was böse sei.

Das Klavierquartett ‘Mes béatitudes’ ist so ein Dialog, vornehmlich mit Helmut Lachenmann, mit einem Umweg – mag er auch entfernt scheinen, musikalisch wirkt er hier äußerst sinnvoll – über Anton Bruckner. Die ‘Schönheit’ des Werkes besteht vor allem in einer analytischen Auseinandersetzung mit dem Adagio aus Bruckners Siebter, dessen Kern gewissermaßen freigespült wird. So ist ‘Mes béatitudes’ wie viele Werke Pessons ein Werk der Erinnerung, ein Stück vom Morgen nach einem rauschenden Fest. Es schließt sich also der Kreis zum Nimmerland Mauro Lanzas. Gérard Pesson blickt zurück und gleichzeitig tief hinein in die Konsistenzen von kindlichem und musikalischem Gedächtnis.

Das Ensemble Alternance unter der Leitung des Komponisten und Dirigenten Robert HP Platz interpretiert diese Werke nicht nur mit der nötigen musikalischen Sorgfalt und Präzision, sondern haucht ihnen schwungvolles Leben ein, das die subtilen Konstruktionen zwar andeutet, aber zumeist vergessen macht zugunsten packender und innovativer Musik. So ist die Produktion, beim italienischen Label Stradivarius erschienen, eine Entdeckung wert, ein wunderschönes Mosaiksteinchen im farbenreichen Bild der zeitgenössischen Musik.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ensemble Alternance: Werke von Lanza, Pesson

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Stradivarius
1
20.06.2007
Medium:
EAN:

CD
8011570337559


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Stradivarius

Das 1988 gegründete Label STRADIVARIUS hat sich auf dem internationalen Markt als unabhängige Schallplattenfirma durchgesetzt, die vor allem auf zwei musikalische Gattungen spezialisiert ist: klassisch - aus der Renaissance und dem Barock - (mit der Reihe Dulcimer) und zeitgenössisch (mit der Reihe Times Future). Diese programmatische Entscheidung kommt aus dem Willen, eine ganz bestimmte und bezeichnende Rolle im heutigen Schallplattenumfeld zu spielen. Insbesondere hat STRADIVARIUS immer das Ziel verfolgt, den Vorrang italienischen Komponisten und Interpreten zu geben, um die bemerkenswertesten italienischen Kulturdarsteller auf aller Welt kennenlernen zu lassen.

In einem weiten Bereich ist STRADIVARIUS tätig: geistige, säkulare, Vokal-, Instrumental-, Solo-, Kammer- und Orchestermusik. Es gibt viele Beispiele seltener Registrieren, die als außerordentliche Kunstwerke weltweit betrachtet werden, wie zum Beispiel die Serie Un homme de concert, die die Zusammenarbeit mit dem berühmten Sviatoslav Richter offiziell festgelegt hat.

Was das zeitgenössische Repertoire betrifft, ist STRADIVARIUS im Laufe der Jahre, dank der Reihe Times Future, ein Bezugspunkt geworden, indem sie Werke von Franco Donatoni, Salvatore Sciarrino, Bruno Maderna, Goffredo Petrassi, Ivan Fedele, Luis De Pablo, Toshio Hosokawa und viele andere veröffentlicht hat.

Bruno Canino, René Clemencic, Alan Curtis, Emilia Fadini, Monica Huggett, Lucas Pfaff, Arturo Tamayo, Maggio Musicale Fiorentino, Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI, Orchestra Verdi di Milano, Orchestre Philarmonique de Radio France, Orquesta y Coro de Madrid: Sie sind nur einige der Musiker und Formationen, die CDs für STRADIVARIUS aufgenommen haben.

Mit der Zeit ist das Bedürfnis entstanden, den Verlegervorschlag weiter zu diversifizieren; dadurch sind wichtige Reihen geboren, und zwar Guitar Collection (unter der Leitung von Frédéric Zigante), Ricordi Oggi (Ergebnis der Zusammenarbeit unter Stradivarius, dem Ricordi Universal Verlag und den Erben des Malers Emilio Tadini) und Milano Musica Festival (in Zusammenarbeit mit Milano Musica und RAI Radio3). Letzte in zeitlicher Reihenfolge ist die Landscape Serie, mit der STRADIVARIUS ihre Bereitschaft beweist, innovative Projekte zu verwirklichen.


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