> > > Schmelzer, Johann Heinrich: Violinsonaten
Freitag, 23. August 2019

Schmelzer, Johann Heinrich - Violinsonaten

Rhetorisches Feuerwerk


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine CD des Labels Alpha beeindruckt mit einem differenzierten Blick auf die Violinmusik des späten 17. Jahrhunderts.

Um die vorliegende Produktion des Labels Alpha richtig würdigen zu können, bedarf es mehr als eines bloßen Anhörens. Sie zieht ihre Wirkung nämlich nicht nur aus der Zusammenstellung von Werken, in deren Mittelpunkt das Sonatenschaffen des Komponisten Johann Heinrich Schmelzer steht, sondern auch aus dem gesamten Konzept der Veröffentlichung, die etwas von den geistesgeschichtlichen Hintergründen an der Wende zum 18. Jahrhundert einfangen möchte. Auf der Vorder- und Rückseite der Kartonverpackung sind mehrere Details sowie die verkleinerte Gesamtansicht eines Stilllebens von Gabriele Salci (Rom 1716) abgebildet, das im leider nur französisch- und englischsprachigen Booklet noch vor der Einführung in die musikalischen Aspekte der Produktion ausführlich erläutert wird. Der Leser wird dadurch in die Welt der bildnerischen Rhetorik eingeführt, hinter der sich ein Verweis auf die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens verbirgt.

Dieser Gewissheit setzt die Musik ihre eigene differenzierte Rhetorik entgegen, die von den vier Musikern – neben der Geigerin Hélène Schmitt sind Jan Krigovsky (Violoncello), Stephan Rath (Theorbe) und Jörg-Andreas Bötticher (Claviorganum) zu hören – auf atemberaubender Weise umgesetzt wird. Die Entscheidung, hier nicht etwa Schmelzers berühmte Sammlung ‘Sonatæ unarum fidum’ (1664) in ihrer Gesamtheit aufzunehmen und damit in Konkurrenz mit den früheren Einspielung durch das Trio Florilegium (Cavalli Records, 1995) oder durch John Holloway (ECM, 1999) zu treten, sondern Sonaten aus dieser Sammlung mit anderen zu mischen und zudem Werke anderer Komponisten zu integrieren, kann als Glücksfall angesehen werden. Denn hierdurch entsteht ein musikalisch reichhaltiges Porträt des ausgehenden 17. Jahrhundert, in dem mit Wolfgang Ebners ‘Toccata Tertij Toni’ auch das Tasteninstrument sowie mit Giovanni Pittonis ‘Sonata seconda’ die Theorbe solistisch zur Geltung kommen.

Die Wiedergabe der ausgewählten Werke ist packend, was vor allem mit Schmitts Spiel zusammenhängt. Die Geigerin legt ihren Vortrag als gleichsam rhetorischen Diskurs an, gestaltet die teils immens virtuosen Violinparts im Rahmen der metrischen Vorgaben recht frei, folgt dabei in der Feinartikulation dem Duktus einer imaginären Rede und setzt Klang wie Dynamik zur Ausdruckssteigerung ein. Die abwechslungsreiche Ausführung des Continuo-Parts durch Bötticher, Rath und Krigovsky bezieht höchst erfinderisch die Registerwechsel des Claviorganums zur Darstellung unterschiedlicher Charaktere mit ein und setzt dem deklamatorischen Violinvortrag als Gegenpol ein gewisses Maß an metrischer Strenge entgegen.

Gerade aus dem Gegensatz zwischen vorwiegend rhetorisch agierender Solostimme und Bassfundament zieht die Aufnahme denn auch ihre faszinierende Wirkung. Besonders schöne Beispiele hierfür sind die Sonata a-Moll, der Einleitungssatz der B-Dur-Sonate oder die ‘Ciaccona’ A-Dur mit ihrem vorbildlich umgesetzten Spannungsaufbau, der sich ganz ähnlich auch im Ostinato-Variationssatz der ‘Sonata quarta’ D-Dur findet. Andere Momente, etwa die schwungvollen tänzerischen Elemente oder die klagenden Monologe, die in Schmelzers Sonaten auf unterschiedlichste Weise Gestalt annehmen, erfahren eine höchst subtile Umsetzung, so dass tatsächlich jedes einzelne Werk eine ganz eigene Atmosphäre erhält. Das Ergebnis ist fesselnd und – auch in Anbetracht der Gesamtkonzeption – sehr empfehlenswert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schmelzer, Johann Heinrich: Violinsonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
01.06.2007
Medium:
EAN:

CD
3760014191091


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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